Diskussion im ver.di-Haus Emissionshandel hilft Klima nicht

von Anna Weber - 18.02.2010
„Wäre das Klima eine Bank, hätten wir es längst gerettet.“ Diese These stellte Achim Brunnengräber, Privatdozent an der FU Berlin für Politik- und Sozialwissenschaften, bei seinem gestrigen Vortrag im ver.di-Haus Berlin vor. Schnell entstand eine Diskussion mit den Zuhörern.

„Vor allem der Emissionshandel muss dringend überdacht werden.“, erläuterte Brunnengräber bei seiner Vortellung der verschiedenen Instrumente der Klimapolitik. Dabei handelt es sich um Zertifikate, die den Ausstoß von CO2 regeln sollen. Ein Zertifikat entspricht einer Tonne CO2, die bei der Produktion von Energie oder ähnlichem entstehen darf.

Zertifikate: kein annehmbares Mittel

Das Hauptproblem dieser Zertifikate bestehe darin, dass die EU den einzelnen Mitgliedsländern eine bestimmte Summe an Rechten zuteile. „Diese sind jedoch völlig unrealistisch“, so Brunnengräber. Deutschland beispielsweise blieb im letzten Jahr 21 Millionen Tonnen unter dem Wert an CO2, den es eigentlich hätte verbrauchen dürfen. Somit sei kein Anlass zu Veränderungen gegeben. Brunnengräber weiter: „Problematisch ist vor allem die Idee, dass man das Klima ‚privatisieren’ könnte.“ Gemeint ist damit, dass in den EU-Ländern die Zertifikate von einzelnen Unternehmen wie Stromkonzernen, Raffinerien und Zementfabriken gehandelt werden. Somit kann ein Unternehmen, das mehr Zertifikate zugesprochen bekommen hat als es eigentlich braucht, diese an andere weiterverkaufen.

Klimarettung auf Kosten Einzelner

Des Weiteren werden die Zertifikate als Begründung genutzt, Strompreise anzuheben. „Dies ist auch noch der Fall, wenn das Unternehmen zu viele Lizenzen hat und aus dem Verkauf derselben Gewinn erzielt“, kritisiert Brunnengräber. So entstehe eine doppelte Einnahmequelle. Da es Bereiche gibt, auf die keine Lizenzen erhoben werden, entsteht eine Wettbewerbsverzerrung. Ein Beispiel: Während die Bahn Lizenzen erwerben muss, sind Autos, Busse und Flugzeuge nicht vom  Emissionshandel betroffen. Die Bahn muss ihre Preise steigern, während die Fluglinien ihre Preise halten können und so teilweise billiger sind als die Bahn. Baumgärtner: „Für die Umwelt ist das absolut fatal.“

Neue Wege

Neue Lösungen aus der Misere werden gesucht, aber nur schwer gefunden. Pläne wie Sonnenkollektoren im All oder unterirdische Kohlenstoffspeicherungen sind noch Zukunftsmusik und die langfristigen Folgen nicht absehbar. Das größte Problem, so Brunnengräber, bestehe darin, dass alle Lösungsansätze mit dem aktuellen Wirtschaftssystem kompatibel seien: „Es besteht so einfach keine  Notwendigkeit zum Umdenken. Selbst sichtbare Veränderungen, wie das Verschwinden ganzer Inselgruppen durch den Anstieg der Meeresspiegel, führen nicht zu einer Handlungsreaktion der Regierungen.“

Das Klima ist keine Bank

Vor allem die Frage, ob Klimapolitik ein lokales oder internationales Thema sei, bildete Anlass zur Diskussion. „Luftverschmutzung endet nicht an der Landesgrenze, aber die internationale Politik ist in ihren Entscheidungen einfach zu langsam“, brachte Brunnengräber den Konflikt auf den Punkt. Mit einem ernüchternden Fazit beendete der Klima-Experte den Abend: „Wäre das Klima eine Bank, hätten wir es längst gerettet.“

 

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Channel: Umwelt und Energie  
Bundesland: Berlin  

Klimapolitik und

Bild von Daniel

Klimapolitik und Erderwärmung geht jeden an. Danke für diesen gut gemachten Beitrag über den Emissionswandel mit der Sicht aufs wesentliche. Ein guten Beitrag. Es ist sehr interessant was Brunnengräber dazu meint und wie die Diskussion im Artikel zusammengefasst worden ist.

Uninformierter Experte?

Bild von Peter

"Klimaexperte" Achim Brunnengräber hat ganz offensichtlich ein paar Kleinigkeiten übersehen:

1) Airlines sind ab 2012 in den Emissionhandel eingebunden

2) Ab 2013 müssen Energieerzeuger jede einzelne Tonne CO2 vom Staat kaufen.

3) Durch die Verringerung der Gesamtmenge an Emissionsrechten werden die Treibhausgasemissionen in Europa (in den Emissionshandelssektoren) bis 2020 um 21 Prozent gesenkt.

4) Die Zuteilung von "Rechten" zur Emission von Schadstoffen ist die wichtigste Voraussetzung für Ihre Begrenzung. Wem gehört "saubere Luft"? Wem steht wiviel davon zu? Das ist die entscheidende Frage! Auch in Hinblick auf die Klimaverhandlungen, in denen sich z.B. China bisher weigert einer Begrenzung seiner Verschmutzungsrechte zu akzeptieren. Nur durch definierte Rechte kann die Frage der Lastenverteilung geklärt werden.
siehe: R. H. Coase: The Problem of Social Cost, in: Journal of Law and Economics. Vol. 3 (1960), S. 1–44.

5) Die (unerwartet) geringen Emissionen in 2008/2009 sind auf die Wirtschaftskriese zurück zu führen. Unter normalen Umständen wäre die Mengenbegrenzung bindend.

6) zum Zitat: „Luftverschmutzung endet nicht an der Landesgrenze". Bei CO2 und anderen Treibhausgasen nicht. Bei SOX oder NOX eben schon. Hier muss man zwischen verschiedenen Schadstoffen unterscheiden.

(Die Liste könnte ohne Probleme erweitert werden)

Von einem "Klimaexperten" würde ich etwas mehr Genauigkeit bei der Analyse des zentralen Elements der europäischen Klimapolitik erwarten. Manchmal hilft es wenn man die theoretischen und rechtlichen Grundlagen kennt.

z.B. "RICHTLINIE 2009/29/EG DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 23. April 2009 zur Änderung der Richtlinie 2003/87/EG zwecks Verbesserung und Ausweitung des
Gemeinschaftssystems für den Handel mit Treibhausgasemissionszertifikaten"

Insgesamt ein sehr enttäuschender Artikel!

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