Albrecht Müller im Kulturkaufhaus Tietz Ein unbequemer Mahner in Sachsen

von Frank Blenz - 07.09.2010
Was macht eigentlich Albrecht Müller? Der Publizist und Internetblogger (nachdenkseiten.de) hatte im Frühjahr im sächsischen Plauen für Aufsehen an einem bei den zahlreichen Zuhörern erregenden Diskussionsabend zum Thema „Meinungsmache“ gesorgt. Kürzlich kehrte er nach Sachsen zurück. In Chemnitz sprach er im Kulturkaufhaus Tietz.

Plauen – Der Publizist, Journalist und ehemalige Bundestagsabgeordnete Albrecht Müller aus der Pfalz ist ein Mann, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Er hält die gegenwärtig herrschende politische Klasse im Land für korrupt und asozial, er sieht die Finanzwirtschaft, die großen Konzerne und die Medien mit ihren Eignern, Strukturen und Verflechtungen als Strippenzieher für die gegenwärtigen Verhältnisse zu ihren Gunsten. Müller belegt das in seinen Vorträgen, Büchern und im besonderen auf seiner Internetseite „Nachdenkseiten“ konkret an etlichen Beispielen und Personen. So auch kürzlich in Chemnitz, als der ehemalige Berater der Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt, auf Einladung der Volkshochschule im Kulturkaufhaus „Das Tietz“ seinen Vortrag „Meinungsmache“ vor mehr als 200 Besuchern hielt. Es war sein zweites Gastspiel 2010 nach Plauen (in der Galerie Forum K) in Sachsen.

Zwei Stunden analysierte Müller die Entwicklung Deutschlands, die sich weg vom Sozialstaat bewege und legte offen, wie gerade in den Medien und der Politik die Strategien für eine Republik des Establishments ausgedacht und durchgesetzt werden. Die Worte flogen den Zuhörern um die Ohren. Geld für die Banken, private Altersvorsorge, Niedriglohnsektor, den Staat zurückdrängen, den Generationenvertrag zerstören, fortschrittliche Koalitionen verhindern, Privatisierung von Allgemeingütern - alles Baustellen der Akteure in den Schaltzentralen.

Der Buchautor von „Meinungsmache“ und „Machtwahn“ beschrieb die Methoden gerade der medialen Beeinflussungen und warnte sein Publikum: „Seien Sie stets misstrauisch!“ Beispielsweise wenn „Experten“ zu Worten kommen, wenn Institute sich positionieren, wenn Lügen immer wieder wiederholt werden, wenn immer die gleichen aber keine anderen Argumente benannt und diese als „alternativlos“ geadelt werden. Wenn Brandstifter zu Wort kommen und hetzen, das einem schlecht wird. Und meinte damit den Mann, dessen Buch viele Leute kaufen. „Die hunderttausende Bürger müssen doch bescheuert sein“, fand Müller.

Die Gründe, die Motivation für derlei Handeln der Politik, Wirtschaft, Banken und der großen Medien lieferte er ebenso: „Es ist die Gier, es ist die Lust und das Festhalten an Macht und Reichtum und es ist das Bestreben, die Verhältnisse zu zementieren, dass diese so bleiben.“ Dabei gehe die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter auseinander, die Gegenwehr findet – noch - zu zaghaft statt, beschrieb Müller pessimistisch. Dennoch, solle man sich nicht unterkriegen lassen. „Sehen Sie, ich mache die Nachdenkseiten, halte Vorträge und nicht meinen Mund. Das ist mein kleiner Beitrag“, so der ehemalige enge Berater von Willy Brandt.

In Chemnitz wie in Plauen positionieren sich Menschen, stellte Müller im Anschluss des Abends fest. Eine Gästewortmeldung verursachte zum Schluss besonders Beifall: „Sind die Bürger dieser Stadt an der von skrupellosen Finanzspekulanten verursachten Krise schuld? Haben die Bürger einen Anteil an den politischen Fehlentscheidungen in Sachsen und im Bund? Nein. Wir gehen am 20. September unter dem Motto „Die Stadt gehört uns allen, Basta! Chemnitz!“ auf die Straße, weil wir die Kürzungen um 187 Millionen nicht hinnehmen wollen.“ Müller darauf: „Genau so, die Menschen müssen aufwachen und nicht zu Hause sitzen und sagen, es geht nix.“

 

Verlinken Sie auf diesen Beitrag:

http://www.vorwaerts.de/trackback/11180

Channel: Kultur  
Bundesland: Sachsen  

Passivität der Mittelschicht - Ursachen und Gründe

Bild von Gerd Weghorn

Gerd Weghorn, Bonn
Mein Kommentar bezieht sich auf Albrecht Müllers Appell: "die Menschen müssen aufwachen und nicht zu Hause sitzen und sagen, es geht nix.“ indem ich hier den kurzgefassten Versuch unternehme, eine Antwort zu geben auf die Frage: welche Voraussetzungen müssen denn geschaffen sein, damit ein solcher Appell vom Adressaten auch wirklich in die Tat umgesetzt wird bzw. werden könnte?!

Die Ursache für die politische Passivität aller Bürger - und damit auch der Mittelschichtangehörigen - liegt zweifellos in deren Sozialisation begründet, als deren markantestes Resultat eine fatalistische Grundhaltung implantiert worden ist. Die sie kennzeichnende persönliche Angst/Feigheit vor den Feinden (die gibt es!) lebenswerter Verhältnisse ist daher und so lange als existenzsichernd (und damit verständlich)zu beurteilen, wie sich politisch keine Institution findet, die als organisierendes Zentrum die zu einer Feindbekämpfung unabdingbar notwendige Avantgarde bildet, indem sie Persönlichkeiten qualifiziert, deren Verhalten den Wähler zur Nachahmung ermutigt.

Es fehlt also (auch) in Deutschland die "kritische Masse" an "Männern und Frauen, die führen können" (Fr. Müntefering), um beim Einzelnen den unabdingbaren "Mut vor Fürstenthronen" zu erzeugen.

Die Ursache dafür sehe ich vor allem in der "sozialen" Perspektivlosigkeit der SPD begründet, die von den sie darstellen Persönlichkeiten nicht mehr als Organisation mit gesellschaftsveränderdem Auftrag (Art. 14 GG), sondern als Sprungbrett für die private Berufsperspektive gesehen und instrumentalisiert wird.

Erst wenn die SPD die Ideologie der "Volkspartei" programmatisch beerdigt und sich (wieder) als Interessenvertreterin, genauer: als "Partei der Arbeitenden" konstituiert, wird sie dem demokratischen System Deutschlands den Impuls vermitteln, auf den es Willy Brandt noch ankam: "Mehr Demokratie wagen".

Hier ist die SPD als "öffentliches Gut" (Art. 21 GG) in der Pflicht, durch eine wirklich "sozialdemokratische" Agitation und Propaganda "bei der Willensbildung des Volkes" in Richtung Art. 14 GG - und nicht länger mehr bei seiner Fatalisierung - "mitzuwirken", indem ihre Führungskräfte weiterhin der vierten Gewalt die Deutungshoheit und Sozialisation der Menschen überlassen.

Es fehlt der SPD-Führung auf allen Ebenen an weltanschaulicher Kampfkompetenz, sie hat das Kämpfen gegen Feinde verlernt und sich zur Rechtfertigung ihrer Burgfriedenspolitik ein illusionäres Menschen-, Gesellschafts- und Weltbild zugelegt, das sich in Ausschlussverfahren erschöpft.

Sollte Thilo Sarrazin aus der SPD ausgeschlossen werden?

Bild von Marianne Thomas, Rostock

Einen Mahner von diesem Formats muß die SPD aushalten. Er weist gerade auf die nicht erfüllten Aufgaben/Pflichten/Versprechen früherer (auch SPD-) und der jetzigen Regierung hin und bekommt für sein (wenn auch zum Teil unverhältnismäßig schroffes) Erinnern von seiner eigenen Partei möglicherweise ein Ausschlußverfahren. Genossen, bleibt doch einfach gelassen und vergleicht einmal andere Publikationen zu diesem Thema (Berliner Jugendrichterin). Ich als SPD-Mitglied empfinde diese Retour-Polemik als zu aufgeregt. Jedes Mitglied des Vorstandes sollte mal ein Sommerpraktikum machen (wie Rudolf Dressler): im Sozialamt, im Kinderhort, in der Schule, im Altenheim, also an Brennpunkten. Dann würde manche Äußerung in einem anderen Licht gesehen werden.

Die selbe Additüde

Bild von Sandra

Die selbe Additüde brauchten die anhaltinischen Bürger aus Salzwedel - die finaziellen Einsparungen ziehen nach sich, das öffentliche kulturelle Einrichtungen geschlossen werden, Kindergärtenplätze teurer werden und nachts sogar die Straßenbeleuchtung aus bleibt. Auch Städte brauchen Menschen die zum Aktionismus neigen und sich für das Wohlbefinden engagieren. Dafür reichen schon solche Wortmeldungen, wie oben beschrieben. Toll!

Mit Kachingle und Flattr können Sie den Online-Journalismus auf vorwaerts.de unterstützen (wie das funktioniert, erfahren Sie in diesem Artikel).

Das Aktuellste aus der Sozialdemokratie - der vorwaerts-Newsletter

Advertising