Schlechter hätte der Auftakt nicht sein können. Obwohl das Gericht wusste, dass fast 250 in- und ausländische Journalisten zumindest den Beginn der Hauptverhandlung am heutigen Montag im Sitzungssaal im Münchner Landgericht miterleben wollten und akkreditiert waren, dauerte es geschlagene drei Stunden, ehe der Prozess gegen Iwan Demjanjuk eröffnet werden konnte. Das Gericht hatte zwar den größten Verhandlungssaal reservieren lassen, doch der reichte bei weitem nicht aus, bot viel zu wenigen Männern und Frauen Platz.
Als es dann endlich gegen 10.00 Uhr los ging, herrschten unter den Journalisten aus der ganzen Welt Empörung und Aufregung. Aus allen Erdteilen waren sie gekommen, außer aus Asien. Sie dürften kein gutes Bild von den Verhältnissen bei der Münchner Justiz zeichnen – und das beim angeblich letzten großen Kriegsverbrecherprozess in Deutschland. Aber diese Kategorisierung stimmt hinten und vorn nicht. Es handelt sich nämlich nicht um ein Strafverfahren wegen Kriegsverbrechen. Die sind nämlich seit fast 60 Jahren verjährt.
Die Geschichte von Sobibor mit all den kaum zu beschreibenden Grausamkeiten
Bei dem Angeklagten handelt sich um einen Mann, der wegen NS-Verbrechen vor Gericht steht. Als er 1943 im deutschen Vernichtungslager Sobibor in Ostpolen Tausende Juden in die Gaskammer gejagt haben soll, war dort von Krieg keine Rede. Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden ihm vorgeworfen. Außerdem handelt es sich nicht um einen „großen“ NS-Prozess. Demjanjuk bildete in der NS-Vernichtungshierarchie das letzte Rad. Der gebürtige Ukrainer konnte nie Befehle erteilen. Er hatte zu gehorchen. Das entschuldigt aber nicht die Verbrechen, die ihm angelastet werden.
Ob es ein historischer Prozess wird, entscheidet das Münchner Landgericht. Rollt es die ganze Geschichte von Sobibor auf mit all den kaum zu beschreibenden Grausamkeiten, dann kann jetzt in München Geschichte geschrieben werden. Die Aussichten sind nicht schlecht. Das Gericht hat nämlich Sachverständige geladen. Im ersten Strafverfahren wegen Sobibor vor vielen Jahrzehnten im westfälischen Hagen ist das leider versäumt worden.
Noch nie ist in der Zeitgeschichte Deutschlands so viel über NS-Verbrechen publiziert worden
Bisher sieht die Planung Verhandlungen bis zum Mai 2010 vor. Ob dieser Zeitplan eingehalten werden kann, ist zumindest fraglich. Demjanjuk ist jetzt 89 Jahre alt. Er hat Blutkrebs, der nicht therapierbar ist. Er folgt den Sitzungen im Rollstuhl. Das Gericht darf täglich höchstens zweimal 90 Minuten verhandeln. Dann braucht der Angeklagte Zeit, um sich zu erholen. Demjanjuks Pflichtverteidiger hält das Gericht und die Staatsanwaltschaft für befangen, also nicht frei von Vorurteilen. Das gehört zum Ritual fast jeden NS-Prozesses.
Geschichtlich ist der Prozess dennoch schon jetzt bedeutsam. Noch nie ist in der Zeitgeschichte Deutschlands so viel über NS-Verbrechen publiziert worden, auch nicht Mitte der 60er Jahre während des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses. Ob es wirklich der letzte NS-Prozess sein wird, weiß niemand. In Aachen hat erst kürzlich ein neues NS-Verfahren begonnen und in Duisburg ist eines in Vorbereitung.
Quelle: Der Artikel ist zu finden auf www.blicknachrechts.de
Verlinken Sie auf diesen Beitrag:
- Kommentieren
- 1739 Aufrufe
Druckversion
Artikel verschicken



Auf beta.vorwaerts.de können Sie sich schon mal die neue Seite von vorwaerts.de anschauen.