Wie viel ist die Würde eines Niedriglohnarbeiters wert? Drei Euro brutto die Stunde

von Vera Rosigkeit - 23.04.2010

Die Studie "Mindestlöhne für Deutschland" von Claudia Weinkopf finden Sie im Anhang als PDF-Datei. Die gleichnamige Veranstaltung wurde organisiert vom Gesprächskreis Arbeit und Qualifizierung in der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Mehr Informationen zu Markus Breitscheidel unter www.markusbreitscheidel.de. Das Buch über die gnadenlose Ausbeutung im Niedriglohnbereich "Arm durch Arbeit" ist erschienen im Econ-Verlag.

Mehr zum Thema Mindestlohn unter www.mindestlohn.de

 

Erdbeerernte für drei Euro brutto die Stunde, Schichtdienst bei Opel für 650 Euro im Monat. Mitglied ohne Tarif nennen sich die Arbeitgeber, eine Grenze nach unten setzen sie nicht. Deutschland braucht den Mindestlohn, doch reicht das längst nicht mehr aus.

Der Kollege aus Dänemark neben mir ist schockiert über die Schilderungen der Zustände auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Auf dem Podium der Veranstaltung von der Friedrich-Ebert-Stiftung „Mindestlöhne für Deutschland“ berichtet Journalist und Buchautor Markus Breitscheidel über seine Erlebnisse als Hartz IV-Empfänger und Arbeiter im Niedriglohnsektor.

18 Monate war er Undercover als Leiharbeiter bei namhaften Konzernen wie Opel und Bayer und in der Landwirtschaft tätig. Die Erdbeerernte in Brandenburg bringt ihm 3 Euro brutto die Stunde ein, der Job wird ihm von der Agentur für Arbeit vermittelt. Bei Ablehnung droht ihm die Kürzung seiner Bezüge um 30 Prozent.

Gnadenlose Ausbeutung im Niedriglohnbereich
Für die Dreifachschicht im Opelwerk Rüsselsheim bekommt er zwischen 650 und 700 Euro netto. Gleich drei Personalvermittlungsfirmen verdienen pro Stunde mit, am Ende der Kette die Firma Adecco, Weltmarktführer für Zeitarbeit. Möglich wird dies durch das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG). Ursprünglich zum Schutz der Leiharbeitnehmer vor Ausbeutung erlassen, wurde das Gesetz im Zuge der Hatzreformen in wesentlichen Punkten geändert. Das besondere Befristungsverbot, das Synchronisationsverbot, das Wiedereinstellungsverbot und die Beschränkung der Überlassungsdauer auf höchstens zwei Jahre wurden aufgehoben.

So ist es möglich, dass Markus Breitscheidel als Leiharbeiter die gleiche Arbeit wie der fest angestellte Opelaner für 30 Prozent weniger Gehalt und ohne Tarifschutz leistet und trotz Vollzeitbeschäftigung eine Aufstockung nach SGB II beantragen muss. Und der besser bezahlte Opelaner finanziert  auf diese Weise mit den Steuerabgaben auf sein Gehalt den ausgeliehenen Kollegen an der Werkbank nebenan.

Eine inzwischen gängige Praxis auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Um das Einkommen von Leiharbeitern aufzustocken, hat die Bundesregierung allein zwischen Mai 2008 und Mai 2009 rund 531 Mio. Euro ausgegeben.


Die kalte Einführung des Kombilohns

Von der rasanten Zunahme der Beschäftigten im Niedriglohnbereich von ca. 15 Prozent im Jahr 1996 auf  21 Prozent in 2007 berichtet Claudia Weinkopf vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universität Duisburg-Essen. Allein von 2004 bis 2008 sei die Zahl um 650000 gestiegen, so ein Ergebnis ihrer Studie „Niedrig- und Mindestlöhne in Deutschland“. Beispiellos im OECD-Vergleich sei die Ausdehnung nach unten, sagt sie. 2007 lag der durchschnittliche Niedriglohn im Westen bei 5,77 Euro, im Osten bei 4,69 Euro. Inflationsbereinigt lag er 2007 in Westdeutschland sogar unter dem Niveau von 1995, während er in Ostdeutschland gerade einmal um 0,03 Euro gestiegen ist.


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Mit dem Kombilohn habe ich

Bild von Cornelia

Mit dem Kombilohn habe ich per se kein Problem, aber ich fordere dabei parallel auf jeden Fall die Einführung einer Vermögenssteuer, denn Arbeitgeber, die man wohl treffender als Ausbeuter und Abzocker bezeichnen könnte, müssen dann eben über die Steuer für die Sozialversicherungssysteme herangezogen werden, denn sonst bekommen wir wirklich ein Problem, und die soziale Schieflage wird noch verschärft. Es kann nicht angehen, dass die Schere immer weiter und weiter auseinanderklafft.

Vielen Dank für diesen

Bild von Cornelia

Vielen Dank für diesen informativen Artikel zu diesem echt total wichtigen Thema, liebe Frau Rosigkeit! Ich weiß schon, warum ich für eine Vermögenssteuer bin...!!! Und für Branchen, wo Mitarbeiter für 3 Euro die Stunde ausgebeutet werden, sollte zusätzlich ein Mindestlohn eingeführt werden. Solche Frechheiten müssen unterbunden werden. Dann kann zudem auch die Arge mehr anrechnen. Wenn Leute mit 3 Euro (nota bene 2 Euro mehr als bei einem 1 Euro-Job, der im übrigen anrechnungsfrei ist) pro Stunde abgefunden werden sollen, finde (nicht nur) ich das mehr als Besorgnis erregend.

Mindestlohn Niedriglohn

Bild von Patrick

Hallo,

ein Mindestlohn alleine bringt nicht viel ist aber sehr wichtig. Das Arbeitnehmer Überlassungsgesetz und das Teilzeit- und Befristungsgesetz müssen grundlegend geändert werden. 400 EURO Jobs gehören abgeschafft und Zeitarbeit sollte nur staatlich betrieben werden.

Wieso sollen die Steuerzahler immer die Profitgier der Unternehmer bezahlen, welche niedrige Löhne zahlen, dies noch so begründen, sie könnten sonst kein Personal beschäftigen. Wohngeld und Aufstockung ist doch für solche Praktiken ein Anreiz. Wenn sie nur schlecht zahlen können, ist deren Geschäftsidee wohl nicht lukrativ und sie sollten ihr Geschäft aufgeben.

Niedriglöhner wie Schlecker, Ratio etc. einfach an den Pranger stellen - Konsumverzicht fördert Umdenken. Große Unternehmen wie Opel einfach vor die Wand fahren lassen. Nicht von den Amerikanern erpressen lassen.

Wenn es weiter zu Ungunsten der Arbeitnehmer läuft, wird in diesem Land ein Schneeball-System losbrechen, welches unsere Wirtschaft auf ein Niveau zu Nachkriegszeiten zurückwirft. Jedes Unternehmen, welches in hohem Maße entlässt und sonstige Einsparungen vornimmt, glaubt wahrscheinlich noch, dass wenn der deutsche Bürger nur noch Essen und Wohnen kann, werden sie ihre Produkte an Marsmenschen verkaufen können.

Viele Grüße

Patrick

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