Silvia Hable: Augen zu gilt nicht. Drastischer Trip durchs Leben

von Edda Neumann
In der ARD-Dokumentation „Ich war das perfekte Kind“ von 2005 rückte eine junge Frau mit ihrem ungewöhnlichen Lebensweg zum ersten Mal ins Licht der Öffentlichkeit. Jetzt hat Silvia Hable ihre Autobiografie über die drastischen Erfahrungen als Aussteigerin geschrieben – mit viel Wut und ebenso viel Witz.

Alles begann mit einem Konzert in ihrer fränkischen Heimat und mit Silvias Schwärmerei für Kai. Der öffnet ihr die Tür zur örtlichen Punk-Szene. Silvia Hable ist 16, als sie das erste Mal von zu Hause verschwindet. Sie sucht nach einer Alternative – fern des muffigen Reihenhauses ihrer Eltern, der Spießbürgerlichkeit und des Mainstreams. Ihre Eltern sind angesehene Bürger in der Kleinstadt: Lehrerin die Mutter, Ingenieur der Vater. Silvia könnte das perfekte Kind sein – nicht auf den Mund gefallen und hochbegabt. Doch das Leben ihrer Eltern erscheint ihr als Alptraum, das auf der Straße hingegen als Inbegriff von Freiheit. Mit 18 taucht sie endgültig ab.
Auf ihrem Weg lernt sie in- und ausländische Punker- und Hausbesetzerszenen kennen. Nach Erfahrungen mit Drogen, mit der Polizei und der Psychiatrie kämpft sie auf Demos für ihre Ideale und eine bessere Welt. Sie lebt in der Hausbesetzerszene, entwickelt mit der Zeit immer mehr politisches Bewusstsein und wird zur überzeugten linken Aktivistin.

Die erst 25jährige Autorin nimmt den Leser auf die einmalige und spannende Reise durch ihr Leben mit. Drei Jahre lang schrieb Silvia Hable an diesem Buch. Entstanden ist die mitreißende Biografie einer jungen Frau, die seit 2008 selbst Mutter einer kleinen Tochter ist. Eine Biografie mit 25 Jahren!

Kampf gegen ein ungerechtes System

In „Augen zu gilt nicht“ protokolliert Silvia Hable die schwierige Suche nach sich selbst und dem Platz in der Gesellschaft. Sie reflektiert die politischen Hoffnungen und Enttäuschungen der Jugend von heute und versucht, Alternativen aufzuzeigen. Sie ist jung, und sie führt einen leidenschaftlichen Kampf gegen ein ungerechtes System. Ihr Protest ist der Aufschrei einer desillusionierten Jugend, die in turbulenten Zeiten aufwächst. „Ich bin nicht allein“, sagt sie, „und wir sind mehr als sie denken.“ Mit „sie“ meint die Autorin die Etablierten, die Mächtigen – die Polizei, den Staat und das neoliberale System. Wo so viel Wohlstand und Armut, Ungerechtigkeit und Perspektivlosigkeit nebeneinander existierten, müsse es zwangsläufig zu Protesten kommen. Und wenn nicht bei den jungen Leuten, wo sonst? Wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt nicht zuletzt vom Verhalten dieser Generation und ihrem Kampf für Veränderung und Neugestaltung des politischen Systems ab.

Silvia Hables Biografie hat etwas von einem Jugendroman. Doch nicht der Mehrheit ihrer konsumabhängigen Altersgenossen gibt sie eine authentische Stimme, sondern der rebellischen und unkonventionellen Protestjugend – gnadenlos-direkt, skeptisch-ironisch. Ihr Buch ist spannend und einfühlsam. Empfehlenswert!


Silvia Hable: Augen zu gilt nicht. Auf der Suche nach einer gerechteren Welt, Deutsche Verlags-Anstalt 2009, 304 Seiten, 16,95 Euro, ISBN-13: 978-3421043085

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AutorIn: Edda Neumann  
Tags: Literatur  

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