Feustel/Hansen-Schaberg/Knapp (Hrsg.): "Die Vertreibung des Sozialen" Die unabhängigen Frauen

edition text + kritik
von Edda Neumann
Seitdem um die Jahrhundertwende die soziale Frage neu gestellt wurde, beteiligten sich Frauen aktiv an der öffentlichen Auseinandersetzung. 1933 wurde diese Tradition zerstört und ihre Protagonistinnen verfolgt und ins Exil verbannt. In dem neuen Sammelband „Die Vertreibung des Sozialen“ werden die Folgen diskutiert und die Erinnerung an die Aktivistinnen belebt.

Angesichts der um 1900 aufbrechenden Klassen-, Generationen- und Geschlechterkonflikte übernahmen überwiegend Frauen soziale Verantwortung. Zu den sich Engagierenden gehörten Vertreterinnen der gebildeten Bürgerschicht – Schriftstellerinnen, Sozialreformerinnen, Juristinnen, Ärztinnen, Pädagoginnen und Wissenschaftlerinnen. Das Besondere war, dass vor allem jüdische Frauen in großer Zahl vertreten waren. Sie halfen ein Konzept des Sozialen zu formulieren, das mit der Orientierung auf Gerechtigkeit deutlich von der jüdischen Tradition der Wohlfahrt mitgeprägt war.

Frauen wie Alice Salomon oder Siddy Wronsky entwickelten bis 1933 Projekte und Konzepte im Bereich der Pädagogik, der Psychologie und der Sozialen Arbeit, die oftmals bis heute relevant sind. Zugleich entstanden neue professionelle Tätigkeitsbereiche für Frauen, die ihnen zunehmend zur Unabhängigkeit verhalfen. Ein Ehrenamt im sozialen Bereich konnte der Ausweg für eine mögliche „erzwungene“ Eheschließung sein. Nicht selten entwickelte sich daraus sogar eine Berufstätigkeit und die Möglichkeit, den Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Die soziale Arbeit war somit eine wichtige Triebfeder für die weibliche Emanzipation.

Vertreiben der Weiblichkeit

Die NS-Herrschaft setze dieser Entwicklung jedoch ein abruptes Ende. Fortan war die Gesellschaft willkürlicher Machtausübung und einer unsagbaren Härte im zwischenmenschlichen Umgang ausgesetzt. Individuelle Hilfsbedürftigkeit jeglicher Art stand im Widerspruch zur „Volksgemeinschaft“, die den Einzelnen dem Allgemeinwohl unterordnete und alle sozialen Zusammenhänge auszulöschen begann. Einige Frauen erkannten glücklicherweise sehr schnell, dass die Ideen und Konzepte, die sie vertraten, kaum noch eine Chance hatten. Sie suchten nach Auswanderungsmöglichkeiten.

Der vorliegende Sammelband dokumentiert den aktuellen Forschungsstand und die neuesten Erkenntnisse zur Verfolgung bzw. zum Exil von Frauen während der NS-Zeit. Der Titel fasst bereits das zusammen, was ab 1933 verloren ging: Mitmenschlichkeit, Respekt und Toleranz gegenüber Schwächeren. Das Hauptaugenmerk der Autoren gilt denjenigen Frauen, die sich aufgrund ihrer Herkunft, ihrer politischen Überzeugung, ihrer Religion oder ihres aktiven Widerstandes gegen das NS-Regime für das Exil entschieden.

Wach halten der Erinnerung

In den einzelnen Kapiteln werden die Folgen des Verlusts der innovativen Ansätze und des Abbruchs des wissenschaftlichen Diskurses hierzulande eingehend untersucht. Es geht um die Bewahrung des Sozialen in Hilfsorganisationen der Verfolgten, um die Selbsthilfe im Jüdischen Kulturbund, im Kinderheim „Ahawa“ und bei der Kinderauswanderung sowie um die Hilfstätigkeit der Quäkerinnen am Beispiel von Elisabeth Rotten, Hertha Kraus und Magda Kelber. Im Mittelpunkt des Bandes stehen Frauen, denen zu Lebzeiten Unrecht widerfahren ist und deren soziale Ideen noch Jahrzehnte nach ihrem Tod weitgehend missachtet wurden. Er würdigt ihr Engagement und ihre Konzepte, die die soziale Arbeit erheblich geprägt haben.
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Adriane Feustel, Inge Hansen-Schaberg, Gabriele Knapp (Hrsg.): Die Vertreibung des Sozialen,Verlag Edition Text und Kritik 2009, 238 Seiten, 23,00 Euro, ISBN-13: 978-3869160313

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