Zukunftswerkstatt Die SPD macht die Türen auf

von Kai Doering - 30.01.2010

Die Zukunftswerkstätten und ihre Leitung


Arbeit – Innovation – Umwelt
Leitung: Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier

Demokratie und Freiheit
Leitung: Heiko Maas, Olaf Scholz

Gut und sicher leben
Leitung: Olaf Scholz, Elke Ferner, Hubertus Heil

Integration
Leitung: Klaus Wowereit, Kenan Kolat

Bildung
Leitung: Hannelore Kraft, Doris Ahnen, Christoph Matschie

Familie
Leitung: Manuela Schwesig, Dagmar Ziegler

Auf dem Bundesparteitag in Dresden hatte es sich angedeutet: Die Partei hat große Pläne. Mit ihren Zukunftswerkstätten will sie ihre Mitglieder befragen und sich für die Gesellschaft öffnen. Alle sind eingeladen mitzumachen.

Sigmar Gabriel hatte sie gleich gewarnt. „Glaubt nicht, dass Ihr nach Hause fahren könnt und wir die Arbeit machen.“ Den Satz hatte er den Delegierten des Dresdner Parteitags im November mit auf den Weg gegeben. Jetzt, zwei Monate später, macht die SPD ernst mit der Mitgliederbeteiligung. „Wir fordern Euch!“, wendet sich Generalsekretärin Andrea Nahles an die Genossen, kündigt an, in Zukunft stärker den Sachverstand der Mitglieder nutzen zu wollen „und daraus moderne sozialdemokratische Politik zu entwickeln“.

 

Sechs Zukunftswerkstätten

Dafür hat der SPD-Parteivorstand in seinem Arbeitsprogramm für 2010 sechs Zukunftswerkstätten eingerichtet. Darin wollen die Sozialdemokraten „an Politikentwürfen in zentralen gesellschaftlichen Bereichen arbeiten“. Jedes einzelne Mitglied kann Vorschläge für Veranstaltungen, Themen und Formate machen, die die Zukunftswerkstätten mit Leben füllen. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Veranstaltungen einzelner Ortsvereine sind ebenso gefragt wie Expertengespräche, Betriebsbesuche, Internetaktionen oder Gespräche auf der Straße. So hat es der Parteivorstand bei seiner Klausur am 17. und 18. Januar beschlossen. Geleitet werden die Werkstätten vom Parteivorsitzenden oder einem seiner Stellvertreter. Ihnen steht jeweils mindestens ein Mitglied der Bundestagsfraktion oder ein Vertreter aus den Ländern zur Seite.

Diskussion ohne Tabus

Das ist es dann aber auch schon, was im Voraus feststehen soll. Die Zukunftswerkstätten „sind keine klassischen Kommissionen und keine Veranstaltungsreihe mit detailliert vorgegebenem Programm“, erklärt Andrea Nahles. Sie ist gemeinsam mit dem Parteipräsidium für die Gesamtumsetzung verantwortlich. Vielmehr sollen sich vor allem die Mitglieder einbringen und den Kurs der Werkstätten bestimmen. Dass es dabei – wie etwa bei der Frage der Agenda 2010 – auch unbequem werden könnte, ist der Parteiführung bewusst. „Aber das müssen und das werden wir aushalten“, ist Andrea Nahles sicher und fordert eine „konstruktive Diskussion ohne Tabus“.

Nicht nur die Meinung von Leuten mit Parteibuch ist wichtig. Jeder Interessierte soll die Möglichkeit haben als „Experte in eigener Sache“ zu Wort zu kommen. Die Öffnung der Partei sei überfällig, stellt Sigmar Gabriel fest. Bereits in Dresden hatte er die Losung ausgegeben, dass kein Gesprächspartner unwichtig und keine Initiative zu klein sei, als dass es sich nicht lohnen würde, mit jedem Einzelnen zu reden. Über ihre politischen Konzepte müsse die SPD wieder mit anderen diskutieren und so „die Nervenenden in unsere Gesellschaft“ wiederbeleben. Auf diese Weise würden zum einen „neue gesellschaftliche Allianzen“ geschaffen. Zum anderen soll die SPD aber auch die Meinungsführerschaft „nach innen und nach außen“ wieder erringen.

Ein langer Weg

Der Weg dorthin ist freilich lang. Auf zwei Jahre ist der Diskussionsprozess angelegt – Ziel ist der ordentliche Bundesparteitag im November 2011. Bis dahin sollen etwa in der Zukunftswerkstatt „Arbeit – Innovation – Umwelt“ die Ideen für ein sozialdemokratisches Wirtschaftsprogramm entstehen oder in der Werkstatt „Familie“ ein familienpolitisches Gesamtkonzept entwickelt werden. Der Parteitag gießt diese dann in Beschlüsse.

Doch das ist alles noch Zukunftsmusik, denn erstmal soll ausgiebig diskutiert werden. Im Februar werden die Steuerungsgruppen der einzelnen Werkstätten einen ersten Fahrplan im Parteipräsidium vorstellen. Dann sind die Mitglieder dran.

Mehr Service für die Mitglieder

„Erfahrungswissen und Problembewusstsein in unserer Partei müssen verbessert und gestärkt werden“, fordert Sigmar Gabriel. Der Anspruch der Parteiöffnung gelte deshalb auf allen Ebenen – vom Ortsverein bis zum Bundesvorstand. Dasselbe gilt für die anstehende Parteireform, ebenfalls ein Bestandteil des Arbeitsprogramms für die kommenden Monate. Damit will der Parteivorstand die SPD zukunftsfest machen. Im Mittelpunkt steht auch hier eine stärkere Beteiligung der Mitglieder.

Um die zu gewährleisten, „wird das Willy-Brandt-Haus bis Juni 2010 so umgestaltet, dass mehr Service für Mitglieder, Partei und Gesellschaft sichergestellt wird“, verspricht das Arbeitsprogramm des Parteivorstands. Auch die Arbeitsstrukturen innerhalb der Partei sollen reformiert und ein „Konzept zur Stärkung der Partei in strukturschwachen Gebieten“ entwickelt werden. Es soll eine ständige kommunalpolitische Konferenz geben, und zu wichtigen Themen werden Urabstimmungen stattfinden.

Politik als Werkstatt

Das Internet soll gezielter zur Kommunikation und für Aktionen eingesetzt werden, die Kampagnenfähigkeit insgesamt gestärkt werden. So vage mancher Punkt noch erscheinen mag: Klar ist, dass alle Änderungen gemeinsam mit der Basis erarbeitet werden. Los geht es mit einer Befragung der SPD-Untergliederungen im Frühjahr.

Die Partei müsse „eine Politikwerkstatt für gesellschaftlichen Fortschritt“ sein, hatte Sigmar Gabriel auf dem Dresdner Parteitag gefordert. „Es muss nicht alles fertig sein, und es geht nicht darum, dass wir alles fertig werkeln, es in Schaufenster stellen und hoffen, dass die Leute, die vorbeikommen, reinkommen und es kaufen.“ Wichtiger sei, dass jeder mitarbeiten könne. „Politik als Werkstatt: Das ist die SPD.“ Diese Werkstatt ist ab jetzt geöffnet.

 

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Zunkunftwerkstätten

Bild von Frank Donnerstag

Liebe GenossInnen,

als traditioneller SPD-Wähler bin ich seit der sichtbaren Verjüngung durch die Doppelspitze Nahles/Gabriel seit diesem Jahr bei euch Mitglied. Gerne stehe ich mit meinem beruflichen (Arzt an einer Uniklinik ) und ehrenamtlichen (Heimbeirat) Werdegang für die Themen Gesundheit und Alter zur Verfügung.

Frank Donnerstag

Sozialpolitik

Bild von Karl Matzeder

Die Auseinandersetzung mit Themen zur sozialen Gerechtigkeit im allgemeinen oder spezielleren Themen wie Alg II, Kinderarmut etc. wird in aller Regel sehr einseitig und meist ohne konkrete Festlegungen geführt. Bei der SPD vermisse ich seit Beginn der großen Koalition klare Positionen, die erkenn lassen, dass sie zu dem steht wofür sie verantwortlich war oder ist. Dabei ist klar und jederzeit zu vermitteln, dass man immer noch etwas besser machen kann als bisher - etwa weil man Erfahrungen gemacht hat oder weil sich die Rahmen- bzw. Ausgangsbedingungen geändert haben. Dies ist sicherlich allen bekannt, ich muss es aber trotzdem anführen, weil nach meiner Einschätzung die Partei massiv insbesondere an Glaubwürdigkeit bzw. Vertrauen verloren hat. Das begann mit der großen Koalition, als die Mehrwertsteuer trotz vorheriger Gegenposition zur CDU nicht nur um 2 sondern gar um 3% erhöht wurde; das hat sich fortgesetzt im Bereich Sozial- und Steuerpolitik, weil der Mut fehlt zuzugeben, dass der politische Handlungsraum immer enger wird (siehe Globalisierung) und weil die Politik wie eine Werbeagentur Versprechungen abgibt, die nie oder nur zum Teil eingelöst werden können. Von der Linken hat man sich politisch immer wieder vorführen lassen - eskaliert ist das Ganze in Hessen, wo Wortbruch übelster Art stattgefunden hat. Auch das ist bekannt.
Ich verfolge mit Interesse die sozialpolitischen Diskussionen, weil ich auf diesem Gebiet über große berufliche Erfahrung verfüge und etliches ganz gut einschätzen kann. Dabei fällt mir immer wieder auf, dass wider besseren Wissens immer wieder der Eindruck erweckt wird, man könne alle Probleme mit neuen gesetzlichen Regelungen lösen.
Dabei ist hinlänglich bekannt, dass Gesetze nur dann Sinn machen, wenn sie durchgesetzt werden. Stehen sie nur auf dem Papier, führt dies zu weiterem Vertrauensbruch. Ich möchte dazu als Beispiel auf das Alg II eingehen. In vielen Medienberichten wird immer wieder gezeigt, dass die Verwaltungen gar nicht in der Lage sind, dieses Recht wirkungsvoll anzuwenden. Ähnliches gilt für die Schulgesetze, die auch nicht konsequent umgesetzt werden (z.B. Schulpflicht und Sanktionen). Hier ragt unsere von der SPD geführte Hauptstadt deutlich heraus.
Einer der wesentlichsten Gründe besteht in der zersplitterten Zuständigkeit etwa bei Jugendlichen (Schul-, Sozial-, Jugendverwaltung, Polizei) und der Unfähigkeit der Verwaltung, geeignete Formen des Fallmanagements zu installieren, um nicht zu viel Energie und Geld als Folge unendlicher Reibungsverluste zwischen den verschiedenen Stellen zu verschwenden. In einem im Stern geschilderten Fall aus Berlin bezieht ein ca. 45 jährige Frau mit 2 Kindern (etwa 13 und 15 Jahre alt) seit 20 Jahren Leistungen - jetzt Alg II) ohne auch nur einen Tag gearbeitet zu haben Natürlich alleinerziehend - der Ehemann lebt mit einer anderen Frau zusammen. Die Mutter der beiden Kinder hat eine Wohnung, die derart verschlampt ist, dass die Kinder nicht einmal in den Betten schlaffen können. Die Kinder gehen zum Mittagessen in die Arche. Das alles ist den zuständigen Behörden bekannt - Jugendamt, Arge, Schule etc. und trotzdem geht das alles fröhlich weiter. Ich frage mich: Was soll aus diesen Kindern werden. Diese Frau ist m. E. nicht mehr arbeitsfähig (psychisch) und sicherlich auch nicht mehr in der Lage, ihre Kinder verantwortlich zu erziehen. Wie gibt es so was, dass z.B. Kinder mit oder ohne Migrationshintergrund nicht mehr in die Schule gehen, ohne dass die Eltern Sanktionen zu befürchten haben? Wieso gibt es nicht schon längst Schulen, die den Theorieunterricht (der meist gar nicht angenommen wird) mit praktischen, handwerklichen Fächern verbindet, die wenigstens konkrete Fertigkeiten vermitteln würden? Nein, trotz vielfältiger Erfahrungen wird weiterhin an den verschieden Schularten festgehalten (ich meine nicht das Thema Gesamtschulen) - so etwa an der abgetrennten Berufsschule.
Weil aber auch in der Politik die Zuständigkeiten zwischen Bund, Land und Kommune strikt getrennt sind und alles Geld kostet, kann nichts wirklich funktionieren bzw. nur mit hohen administrativem Aufwand in die Wege geleitet werden.
Ich betone: Alles das ist bekannt - sowohl die Ursachen als auch die Lösungen der Probleme - nur wird nichts wirklich sinnvolles getan. Warum? Kann sich ein Partei nicht auch mit praktischen Lösungen befassen -erschöpft sich politische Arbeit nur in Diskussionen? Die Argen sind ein gutes Beispiel dafür - jeder einigermassen informierte Politiker weiss, dass die bestehende Organisationsstruktur wesentlicher Grund für die Wirkungslosigkeit dieser gesetzlichen Regelungen ist - aber nichts wird wirklich geändert. Da muss erst das Bundesverfassungsgericht feststellen, dass die Organisation der Argen verfassungswidrig ist.
Zum Schluss: Überleben werden nur die Staaten bzw. Verwaltungen, die leistungsfähig sind. Heute heisst das Management. Geld ist zwar wichtig, aber nicht alles. Die Frage ist also, wie können wir den Vollzug von gesetzlichen Regelungen verbessern? Dazu eine Schlussbemerkung: Wirtschaftsberater wie Berger und Co. haben nicht deshalb soviel Geld verdient, weil sie etwas Neues angeboten haben, sondern weil die Betriebe und Verwaltungen nicht aus sich heraus in der Lage sind, bekannte Mängel abzustellen. Ein besonders markantes Relikt dieser Ära sind die Schulen - auch hier kann man es nicht den Lehrern allein überlassen, neue Verfahren umzusetzen (siehe Unis und Bacheler).
Jeder tut nur das, von dem er sich einen persönlichen Nutzen verspricht. Und wie heißt es so schön? An ihren Taten werdet ihr sie erkennen.
Mit freundlichen Grüßen
Karl Matzeder

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