Gesprächskreis Netzpolitik in der SPD "Die Netzgemeinschaft besteht nicht nur aus anarchistischen Radikalinskis"

von Karsten Wenzlaff - 21.02.2010

Alvar Freude lebt und arbeitet in Stuttgart, Diplom-Kommunikations-Designer (FH), Medienkünstler, Programmierer. Tätigkeit als Berater und Software-Entwickler. Arbeitet im Arbeitskreis gegen Internetsperren und Zensur.

 

Der vom Parteivorstand eingerichtet Gesprächskreis Netzpolitik will den Dialog zwischen Netzcommunity und Partei voranbringen - Teilnehmer sind sowohl die Netzpolitiker der SPD als auch Vertreter der netzpolitischen Initiativen außerhalb der SPD. Der vorwärts wird vor der ersten Sitzung alle Teilnehmer des Arbeitskreises vorstellen. Auf netzpolitik.vorwaerts.de kann über die Vertreter der SPD-Basisinitiativen abgestimmt werden.

Alvar Freude engagiert sich im AK Zensur und ist Teilnehmer des Gesprächskreis Netzpolitik des SPD-Parteivorstands. Im Interview mit vorwärts.de beschreibt er seine Erwartungen an den Gesprächskreis.

 vorwaerts.de: Sie sind eingeladen zum Gesprächskreises Netzpolitik der SPD. Welche
Erwartungen haben Sie an dieses Gremium?

 

Freude: Ich wünsche mir, dass es endlich einen intensiven Dialog zwischen der Politik und der Netzgemeinschaft gibt. Es stehen viele netzpolitische Themen im Raum: Datenschutz einschließlich Vorratsdatenspeicherung, Internet-Sperren in verschiedenen Bereichen, Haftungsregelungen im Telemediengesetz, Regulierung unter dem Vorwand des Jugendschutzes, Fortentwicklung des Urheberrechts und so weiter.

Es gibt auch viele Themen, die das Netz stark bewegen, aber nach meiner Beobachtung bei den politischen Entscheidern gar nicht wahrgenommen werden, so zum Beispiel Abmahnwellen oder das Problem der Foren- und Linkhaftung.

In der Vergangenheit war das Verhältnis zwischen beiden Seiten vor allem dadurch geprägt, dass keiner den anderen verstanden hat. Ich hoffe, dass wir gemeinsam den Graben schließen können – und dass ich der Politik zeigen zu kann, dass die Netzgemeinschaft nicht primär aus anarchistischen Radikalinskis besteht. Und ich hoffe, dass diese Entwicklung parteiübergreifend stattfindet.

 

Der AK Zensur, in dem Sie mitarbeiten, hat gerade vor der Bundestagswahl die SPD sehr stark kritisiert im Kontext der Netzsperren. Mittlerweile gab es da innerhalb der SPD einige deutliche Revision der inhaltichen Positionen. Wie bewerten Sie diese?

 

In der Opposition ist es für eine Partei natürlich immer leichter Forderungen aufzustellen, daher ist bei uns die Befürchtung weit verbreitet, dass dies nur eine taktische Neupositionierung ist.

Ich fand im vergangenen Sommer besonders erschreckend, dass sich die SPD-Bundestagsfraktion und die Parteiführung offensichtlich aus Angst vor der BILD-Zeitung von der Union in die Ecke drängen ließ. Angst darf doch keine Grundlage für die politische Entscheidungsfindung sein!

Denn schon im Sommer war jedem, der sich näher mit dem Thema beschäftigt hat klar, dass Internet-Sperren die denkbar dämlichste Idee sind, um gegen die Darstellung von sexuellem Missbrauch von Kindern im Internet vorzugehen. So lag der SPD-Bundestagsfraktion ein Brief des BKA vor, aus dem hervorgeht, dass die einschlägigen Inhalte primär aus den USA und Deutschland verbreitet werden, man also problemlos an der Quelle dagegen vorgehen kann.

Aber niemand traute sich, der Union zu widersprechen – es musste erst die FDP kommen und der SPD vormachen wie man das Thema anpackt! Von daher ist zu hoffen, dass die inhaltliche Neuausrichtung auch ehrlich und nicht nur von taktischen Überlegungen geprägt ist.

 

Welche Rollen spielen ihrer Meinung nach Parteien bei der Formulierung der Netzpolitik und welche Unterschiede gibt es da zu anderen Politikfeldern.

 

Die Themen im Bereich der Netzpolitik sind relativ kompliziert und decken ein breites Spektrum ab. Es spielen sowohl technische als auch gesellschaftspolitische und juristische Fragen eine Rolle. Hinzu kommt die weit verbreitete Angst vor dem Internet, vor den vielen Möglichkeiten, die sich damit eröffnen. Im Internet ist eine Massenkommunikation zwischen einzelnen Nutzern möglich, jeder kann selbst kontrollieren welche Informationen ihn erreichen und jeder ist in der Lage, selbst Inhalte zu verbreiten.

Darauf ist die Politik nicht vorbereitet und so mancher Akteur wünscht sich daher neue Regulierungsmechanismen – ohne den Wert und die positiven Möglichkeiten des Mediums zu erkennen.

 

Ein wichtiges Thema der letzten Woche war auch die von der rheinland-pfälzisches Staatsregierung diskutierten Staatsvertrag zum Jugendmedienschutz. Wie sehen Sie die Entwicklung dort?
 
Dies ist ein schönes Beispiel dafür, wie die Angst vor dem Internet um sich greift und man versucht, althergebrachte Regulierungsmechanismen aufs Internet zu übertragen, auch wenn sie dort gar nicht funktionieren. Anstatt die Möglichkeiten der Nutzer zur Partizipation und Teilhabe zu fördern, es also als positiven Fortschritt zu sehen dass jeder nicht nur Empfänger sondern auch Sender sein kann, werden hier Hürden geplant.

Am kritischsten sehe ich da aber zuerst die große Geheimniskrämerei. Da tagt seit über einem Jahr die Rundfunkkommission (!) der Länder hinter verschlossener Tür, um Regelungen fürs Internet zu finden. Weder die Öffentlichkeit noch die Nutzer werden einbezogen. Und dann werden uns Regelungen präsentiert, bei denen schon vor über zehn Jahren bewiesen wurde, dass sie sinnlos sind. Wir haben es da also nicht nur mit unterschiedlichen politischen Ansichten sondern auch mit einem Kompetenzdefizit zu tun.
 

Meine Hoffnung, dass die großen Parteien, also Union und SPD, beim Jugendmedienschutz-Staatsvertrag umdenken werden, ist hier leider gering. Nach allem was ich bisher weiß gibt es ein paar kosmetische Verbesserungen, die grundsätzlichen Probleme werden aber nicht behandelt. Wahrscheinlich müssen wieder die kleinen Parteien das Allerschlimmste verhindern. 

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Es wäre ein schönes

Bild von _Flin_

Es wäre ein schönes Zeichen, wenn die SPD den JMSTV-E abschmettern würde. Dieser Staatsvertragsentwurf ist realitätsfern, demokratie- und technikfeindlich, gefährdet Arbeitsplätze, hat kaum einen Nutzen und baut weitere Hürden im Paragraphendschungel Internet auf.

Sinnvoller wäre es, den ganzen Paragraphenwirrwarr in Bezug auf Dinge wie AGB, Impressum, Abmahnungen, Haftung für Urheberrechtsverletzungen, Forumshaftungen, etc. etc. zu lichten und klare Regelungen zu schaffen, anstatt schon wieder ein vollkommen weltfremdes Internetgesetz zu erlassen, das jeder 14-jährige zu umgehen weiß, weil er sich besser mit dem Computer auskennt als seine Eltern.

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