Interview Die Macht der Discounter

von Karsten Wenzlaff - 08.09.2009

Die Supermarktinitiative unterstützen im Netz unter http://www.unfairen-einkauf-stoppen.de/

 

Die Konsumenten wollen, dass Lebensmittel gesund, biologisch und unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt werden. Sowohl im Inland- als auch im Ausland sind die Arbeitsbedingungen in der Lebensmittel- und Textilbranche teilweise katastrophal. Im Interview mit vorwaerts.de erläutert Marita Wiggerthale (Oxfam, Supermarktinitiative) erläutert, was Käufer dennoch tun können.

vorwärts.de - Zurzeit kostet in vielen Supermärkten Butter das gleiche wie 1950. Ein Pfund Hähnchenbrust war bei Lidl schon mal für 1,99 Euro zu haben. Wie ist das möglich?

Marita WiggerthaleWiggerthale: Beim Wettkampf um die Gunst der Kunden und um Marktanteile spielt der Preis eine zentrale Rolle. Der eigentliche ruinöse Preiskampf findet aber auf der Einkaufsseite statt. Wer am besten seine Lieferanten im Preis drückt, wer Meister im Abwälzen von Kosten und Risiken auf Lieferanten ist, der hat die Nase vorn im Konkurrenzkampf. Da unterscheiden sich Edeka nicht von Aldi oder Norma, Rewe und Metro sich nicht von Lidl, zumal Edeka mit Netto und Rewe mit Penny selbst über Discounter verfügen.

Warum sind Lebensmittel gerade in Deutschland im europäischen Vergleich so billig?

Dies ist unter anderem der Durchschlagskraft der Discounter mit ihrer aggressiven Preispolitik geschuldet. Die Billiganbieter profitieren von der Discountaffinität der deutschen Verbraucher/innen. Dabei ist preisorientiertes Kaufverhalten relativ unabhängig vom sozialen Status.

Vielen Menschen ist beim Einkauf nicht klar, dass „billig, billig“ letzten Endes eine Fast Food-Landwirtschaft beinhaltet und befördert: Küken vom Fließband, Nitrat im Grundwasser, ausgeräumte Landschaften, Verlust der Artenvielfalt, Verdrängung bäuerlicher Betriebe und Soja aus Regenwaldabholzung.

Zu diesen Konditionen ist es für die Landwirtschaftsbetriebe ziemlich schwer, gute Produkte zu liefern. Warum lassen sich die Produzenten und Bauern auf diesen Preiskampf ein?

Das Grundproblem ist, dass die deutsche Bundesregierung in der Agrarpolitik auf billige Massenproduktion setzt und die Qualität der Lebensmittel vernachlässigt. Die Supermarktketten nutzen beispielsweise das politisch gewollte Überangebot auf dem Milchmarkt, um die Milchpreise weiter zu drücken.

Generell hat das aber auch sehr viel mit der Marktmacht zu tun. Die fünf größten Supermarktketten kontrollieren in Deutschland ca. 90 Prozent des Lebensmittelmarktes. Sie setzen unverfroren ihre Marktmacht ein, um die Lieferanten und Bauern bei Lebensmitteln knallhart im Preis zu drücken.

Es ist immer von der Macht der Discounter die Rede. Zahlen teurere Supermarkt-Ketten den Produzenten mehr? Kann man dort unbedenklich einkaufen?

Auch Supermarktketten wie Edeka und Rewe nutzen ihre Marktmacht schamlos aus. Als Edeka die Plus-Märkte übernommen hat, wurden die Lieferanten gnadenlos zur Kasse gebeten. Neben dem klassischen Hochzeitsbonus kreierte Edeka einen Distributions-, Partnerschafts- und Synergiebonus.

Teilweise sollten die neuen Konditionen sogar rückwirkend gelten. In vielen Fällen beliefen sich die Forderungen auf ein Volumen von teilweise mehr als 10 Prozent des gesamten mit der Edeka-Gruppe getätigten Umsatzes. Allein der so genannte Partnerschaftsbonus – gemeint ist eine Einmalzahlung für den anstehenden Umbau der Plus-Filialen - beläuft sich je nach Lieferant auf mehrere Hunderttausend Euro.

Auch Rewe verlangte bei der Übernahme von knapp vierhundert Plus-Märkten von den Lieferanten einen Expansionsbonus.

Wie steht es mit den Arbeitsrechten im Ausland, zum Beispiel auf den Obstplantagen?

Grundlegende Arbeits- und Menschenrechte werden häufig missachtet. Auf den Ananas-Feldern in Costa Rica sind Arbeitszeiten von zwölf Stunden und mehr die Regel.

Der Lohn liegt im Durchschnitt bei neun Euro am Tag – das sind 75 Cent in der Stunde! Die Arbeiter/innen in den Ananasplantagen sind fast permanent hochgiftigen Pestiziden ausgesetzt. Es werden giftige Pflanzenschutzmittel eingesetzt, die in Europa bereits verboten sind, zum Beispiel das Pestizid „Paraquat“, das in Europa seit dem 11. Juli 2007 nicht mehr benutzt werden darf.

Auch in der Textilindustrie sind die Arbeitsbedingungen katastrophal! Die Näherinnen müssen für monatlich 18–24 Euro meist sieben Tage die Woche arbeiten. Wer krank wird und nicht zur Arbeit erscheint, hat keine mehr. Sie werden geschlagen, beschimpft. Es herrscht die blanke Angst, denn trotz dieser Bedingungen will niemand den Job verlieren.

Was kann aus Ihrer Sicht die deutsche Politik tun für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Süden?

Die Bundesregierung muss die Arbeitnehmer/innen, bäuerlichen Produzenten und Lieferanten in Deutschland, in der EU und in den Entwicklungsländern sowie die Verbraucher/innen vor jeglichem Missbrauch der Einkaufsmacht der Supermarktketten schützen. Das Ausmaß des Missbrauchs der Einkaufsmacht muss umfassend untersucht werden.

Vor allem ist es aber wichtig, verbindliche Regeln für Supermarktketten zur Einhaltung sozialer Menschenrechte und ökologischer Standards in der gesamten Lieferkette für alle Produkte einzuführen und deren Einhaltung bis in die Länder des Südens zu überprüfen.

Alle  Discounter haben mittlerweile auch Bio im Angebot. Ist das auch eine Garantie für bessere Arbeitsstandards? Immerhin dürfen bestimmte gesundheitsschädliche Pestizide nicht verwendet werden.

Das Bio-Label garantiert nur die Einhaltung von Ökostandards in der Lebensmittelproduktion. Doppelt gut, sind alle jene Produkte, die biologisch angebaut und mit dem Fairhandels-Siegel ausgezeichnet sind.

Aus Sicht der Supermarkt-Initiative sollte aber jeder Verbraucher, jede Verbraucherin die Gewissheit haben, dass alle Lebensmittel in Supermärkten unter menschenwürdigen Bedingungen und ohne Schaden für die Bevölkerung und die Umwelt hergestellt wurden. Deswegen setzen wir uns die Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards ein.

Was passiert, wenn Menschen durch diese Arbeitsbedingungen zu Schaden komen oder sterben. Nehmen dann die Unternehmen ihre Verantwortung wahr?

Metro hatte sich zunächst in der Tat aus der Verantwortung gestohlen, nachdem gravierende Arbeitsrechtsverletzungen bei seinem Zulieferer R.L. Denim in Bangladesch bekannt geworden waren. Die Arbeiter/innen wurden geschlagen und die Löhne nicht ausgezahlt. Sie mussten sieben Tage und bis zu 97 Stunden pro Woche arbeiten.

Eine Frau war gestorben, weil sie den Akkordmarathon nicht mehr aushielt und nicht zum Arzt durfte. Daraufhin brach sie am Arbeitsplatz zusammen. Dank der Kampagnenarbeit der Zivilgesellschaft nahm Metro die Lieferbeziehungen wieder auf und will sich nun um die Umsetzung der Arbeitsrechte dort kümmern. Aber Bangladesh ist kein Einzelfall!

Die Supermarkt-Intitiative fordert von den Läden, die Arbeitsbedingungen Ihrer Zulieferer offenzulegen. Würde das das Einkaufsverhalten der Kunden wirklich ändern?

Die Herstellung von Transparenz ist ein wichtiger Schritt nach vorn. Nicht umsonst weigern sich die Supermarktketten bis jetzt diese offenzulegen. Dies würde Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen, Journalisten und anderen Engagierten die Möglichkeit geben, bei den Zulieferern nachzuhaken und Recherchen über die Arbeitsbedingungen anzustellen. Meine Recherchen im Falle von Bananen und Ananas haben gezeigt, wie schwierig es überhaupt ist, die Lieferanten der Supermarktketten ausfindig zu machen.

Was können Kunden tun? In kleinen, unabhängig organisierten Geschäften oder auf dem Markt einzukaufen, ist doch oft unpraktisch und aufwändig.

Die Kunden könnten Ihren Einfluss als Verbraucher/in geltend machen und nachfragen, unter welchen Bedingungen die Produkte hergestellt wurden. Informieren Sie Ihre Bekannten und Freunde über die Supermarkt-Initiative und darüber, warum die zunehmende Machtkonzentration im Einzelhandel ein Problem ist. Wer möchte, ist herzlich eingeladen, unsere Aktionen zu unterstützen.

Die Supermarkt-Initiative gibt grundsätzlich keine Einkaufsempfehlungen für bestimmte Supermarktketten. Es geht darum, strukturell etwas zu verändern, d.h. bessere Sozial- und Umweltstandards in der gesamten Lieferkette durchzusetzen. Beim Einkauf ist es aber empfehlenswert, Produkte aus dem Fairen Handel (mit dem TransFair-Siegel), die sozialverträglich und umweltgerecht hergestellt wurden, zu bevorzugen.

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Channel: Wirtschaft  
AutorIn: Karsten Wenzlaff  

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