Paul Scheffer: Die Eingewanderten. Toleranz in einer grenzenlosen Welt Die Eingewanderten

Bild: Carl Hanser Verlag
von Marc Drögemöller
Früher war es so einfach in den Niederlanden. Das Land galt als liberal, tolerant und multikulturell, gleichsam als europäische Musternation für Integration und Umgang mit ihren Einwanderern. Alle Bevölkerungsgruppen lebten, so schien es, ganz zufrieden miteinander. Umso böser das Erwachen, als sich vor einigen Jahren zeigte, dass dieses harmonische Bild mehr Schein denn Sein war.

Der Aufstieg und der Erfolg des Rechtspopulisten Pim Fortuyn im Jahre 2001, der maßgeblich auf seinen Sprüchen gegen Migranten und das politische Establishment basierte, schreckte das Land auf. Das Boot sei voll, so Fortuyns markige Feststellung. Das Attentat auf ihn im Mai 2002, wenige Tage vor den niederländischen Parlamentswahlen, verhinderte die Übernahme eines politischen Spitzenamtes durch den früheren Sozialdemokraten. Vollends ins Wanken geriet das niederländische Gleichgewicht zwei Jahre später nach einem weiteren Mord – am Filmemacher Theo van Gogh, den ein Islamist marokkanischer Herkunft auf einer belebten Amsterdamer Straße niederstach.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt erfasste das Land eine Debatte, die der Soziologe Paul Scheffer bereits im Jahre 2000 angestoßen hatte. Sein Essay „Das multikulturelle Drama“, veröffentlicht in der niederländischen Tageszeitung NRC-Handelsblad, führte zu einer Art der nationalen Selbstbetrachtung. Die späte Einsicht: Das gesellschaftliche Miteinander war kaum mehr als ein Nebeneinander gewesen und Toleranz wurde mit Gleichgültigkeit verwechselt.

Aus Jan wird Mohammed

Nun hat der Amsterdamer Publizist nachgelegt. In „Die Eingewanderten“ gibt der Sozialdemokrat eine kritische Zustandsbeschreibung und deckt weit verbreitete Irrtümer auf. Er zeigt wichtige Handlungsempfehlungen auf, die auch hierzulande von Bedeutung sein könnten. Vor allem macht er klar, dass die großen Einwanderungswellen in der Geschichte nie ohne Auseinandersetzungen ausgekommen sind. „Der Konflikt ist schließlich ein Zeichen der Integration. Daher müssen wir die Wut der Migrantenkinder wertschätzen. In ihren Worten verbirgt sich der Ehrgeiz, Teil dieser Gesellschaft zu werden.“

Den Problemen, die sich insbesondere in Stadtvierteln der größeren Städte austragen, können Gesellschaft und Politik nicht mehr aus dem Weg gehen. Auch die demografische Entwicklung fordert heraus. Die Hälfte der Bevölkerung Amsterdams stammt inzwischen aus Migrantenfamilien, und der Vorname Mohamed hat den traditionell niederländischen Namen Jan bei den Neugeborenen längst abgelöst.

"Der Andrang von außen ist notwendig."

Für Scheffer ist gegenseitige Einmischung erforderlich, nicht gegenseitige Koexistenz. Denn unter Gleichgesinnten tolerant zu sein, sei nicht schwierig. Toleranz müsse sich aber in der friedlichen Bewältigung schwerwiegender Meinungsverschiedenheiten bewähren. Eine geschlossene, homogene Gesellschaft gibt es nach Meinung des Autors, der an der Universität Amsterdam auch Professor für Großstadtfragen ist, nicht. Dabei weist er daraufhin, dass man von den Einwanderern nur das verlangen könne, was man selbst an Einsatz für die Gesellschaft einbringen will.

Grund für die Anpassungsprobleme und Konflikte ist in den Augen Scheffers vor allem der Unterschied der Siedlungsdauer. Die Eingesessenen hätten Generationen hinter sich, die Neuankömmlinge aber bräuchten Zeit, um sich eine Position zu erarbeiten. Dass in diesem Prozess Reibungen entstehen, liegt auf der Hand. „Der Andrang von außen ist notwendig. Dasselbe gilt für das Kommen von Migranten: Ihre Anwesenheit ist eine permanente Einladung zur Selbstreflexion.“

Scheffers Buch ist ein Plädoyer für eine offene Gesellschaft, in der Migranten eine aktive Rolle spielen sollen. Zum ersten Mal in der niederländischen Geschichte ist im Oktober ein eingewanderter Muslim zum Bürgermeister einer Großstadt gewählt worden. Der 47-jährige Ahmed Aboutaleb kam als Jugendlicher in die Niederlande und besitzt bis heute einen marokkanischen Pass. Nun leitet er als erster Bürger die Geschicke Rotterdams, der zweitgrößten Stadt in den Niederlanden.

Integration braucht Vorkämpfer

Scheffer wird sich über die Wahl seines Parteifreundes besonders gefreut haben. Ein deutlicheres Zeichen, dass sich die Einwanderer aktiv in die gesellschaftlichen Belange einmischen und sich für diese selbst verantwortlich zeigen wollen, kann es kaum geben. Wie bemerkt Scheffer in seinem Buch doch so richtig: „Das heutige Misstrauen kann nur durch gemeinsames Handeln überwunden werden, indem wir eine gemeinsame Geschichte schaffen.“

Integration sei eine Frage der Zeit und der Geduld. Dies sei aber kein Grund für Abwarten, gerade Nachdruck sei notwendig. Es brauche Vorkämpfer, so das Plädoyer Scheffers. Er selbst geht hier mit gutem Beispiel voran. Sein Buch klärt auf und entwirft eine Perspektive für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dass sein Werk in den Niederlanden ein Bestseller geworden und bereits in der 10. Auflage erschienen ist, verwundert nicht.
 

Scheffer, Paul: Die Eingewanderten. Toleranz in einer grenzenlosen Welt, Carl Hanser Verlag München 2008, 536 S., 24,90 Euro.

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AutorIn: Marc Drögemöller  

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