Soziales Bildungsdefizit überwinden Die deutsche Bildungskatastrophe

von Otto Herz - 24.03.2009
Mehr Abiturienten, besseren Unterricht, Schluss mit Benachteiligungen – vor 45 Jahren forderte Georg Picht eine grundlegende Bildungsreform in Deutschland. Otto Herz über Ideen, die heute so gültig sind wie damals.

Ende November 1963 entwirft in Hinterzarten im Schwarzwald der Philosoph, Theologe und Pädagoge Georg Picht (1913 - 1982) seine vierteilige Artikelserie für die protestantische Wochenzeitung „Christ und Welt“. Sie trägt die Überschrift, die noch immer für das Bildungswesen in Deutschland stehen kann: „Die deutsche Bildungskatastrophe“. Die Artikelserie erscheint 1964. Fast alles, was der Denker an Daten damals dokumentierte, gilt heute, 45 Jahre später, im Detail anders, im Grundsatz aber in vergleichbarer Weise:

Kleinkarierte Kleinstaaterei

- wir haben generell zu wenige und von denen zu viele falsch ausgebildete Pädagogen/Lehrer;

- es gibt breite Bevölkerungsgruppen, die systematisch vom Lebens- und Überlebens-Mittel Bildung ausgegrenzt werden;

- die Schulstrukturen verhindern jene Chancengleichheit, zu der uns sowohl das deutsche Grundgesetz wie auch die international verbindlichen Menschen-, Kinder-, Behindertenrechte seit langem und immer wieder verpflichten (Inclusion);   
      
- viele Bildungsinhalte sind unzureichend auf die Zukunft bezogen, die es im Geiste von sustainibility, von Vielfalt statt Einfalt, von einer natur- und kulturgerechten, von einer lebens- und liebenswerten Zukunft zu gestalten gilt;

- auf dem Weg zur global vernetzten Welt-Gesellschaft fällt im Bildungsbereich die Bundesrepublik in eine kleinkariert konkurrenzbestimmte Kleinstaaterei zurück, die sich selbst als „Föderalismus“ preist;

- wir geben – gerade auch im internationalen Vergleich – viel zu wenig Geld für das Bildungswesen, von der Wiege, der frühkindlichen Förderung, bis zur Bahre, der Weiterbildung, aus;

- trotz aller sonntäglichen Rhetorik: Bildung wird nicht wirklich als die entscheidende Zukunfts-Investion begriffen und von den Politik-Verantwortlichen in allen Haushalten konjunkturresistent verankert.

Bildungs-Katastrophe-Republik

Die erhoffte, über einen Sprachgag hinaus dringend gebotene, Bildungs-Republik ist also nach wie vor weniger eine solche als vielmehr die schon von Georg Picht vor 45 Jahren angeprangerte Bildungs-Katastrophen-Republik.  Es geht hier nicht ums Schwarzsehen. Sicher, „das katholische Arbeitermädchen vom Lande“, das in der Nach-Picht-Phase der Inbegriff der kumulierten strukturellen Benachteilung ganzer Bevölkerungsgruppen war, es konnte ausbrechen aus der fremd verschuldeten Unmündigkeit: dank Bildungsinnovation, dank Bildungsexpansion, dank Bildungsemanzipation. Das regionale, das konfessionelle und das Bildungs-Defizit zu Lasten der Mädchen wurde erfreulicherweise überwunden. Dank vieler Anstrengungen des Staates und der Zivilgesellschaft.

Das soziale Bildungsdefizit aber wurde nicht überwunden. Armut reproduziert sich weiter und verschärft in gefährlich hoher Bildungs-Armut. Es ist kein gesellschaftlicher Fortschritt, wenn an die Stelle des heute  niedlich daherkommenden „katholischen Arbeitermädchens vom Lande“ der „aggressiv-männliche Migrant aus arbeitslosen Armuts-Stadt-Milieus“ nachgefolgt ist.

Risiko für die Gesamtgesellschaft

„Die Wahrheit ist, dass wegen der Vernachlässigung unseres Bildungswesens tragende Grundrechte unserer Verfassung Tag für Tag verletzt und missachtet werden“, so Picht 1965 in einer Rede an demonstrierende Studenten. Auch heute wird verkannt und hingenommen, dass verdrängte und heruntergespielte und sprachlich geschönte „Risikogruppen“, die um die 20 Prozent eines Altersjahrgangs heute ausmachen, nicht schon längst ein Risiko für die Gesamtgesellschaft sind: sozial, ökonomisch, demokratisch.

Welche neuen Katastrophen müssen denn erst auf uns niedergehen, bevor wir wirklich mit allen Gliedern dieser Gesellschaft ins Land der Bildung einwandern?

In seinem „Rückblick“ zu seiner Artikelserie „Die deutsche Bildungskatastrophe“ schrieb Georg Picht: „Wenn die Regierung versagt, ist es die Pflicht der Bürger, im Rahmen der Spielregeln der Demokratie für das vernachlässigte Gemeinwohl einzutreten. Deswegen habe ich das Wort ergriffen. Aber der Rückblick zeigt, dass sich mit Worten gegen das Schwergewicht der Verhältnisse wenig ausrichten lässt.“ 

Der letzte Satz stimmt nicht hoffnungsfroh. Umso mehr müssen wir alle Hoffnungsträger bleiben, sein und immer wieder werden. Ein Super-Wahl-Jahr ist in besonderer Weise eine zivilgesellschaftliche Chance und ein Gebot, zum „Yes we can“  den eigenen Beitrag zum change zu leisten.

Otto Herz ist Pädagoge und Diplom-Psychologe. Er war beteiligt am Aufbau der Laborschule Bielefeld und des Oberstufen-Kollegs und war Mitglied im Bundesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften.

 

Medien

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Videodatei: Edelgard Bulmahn im Gespräch

von Vera Rosigkeit | 22.09.2008

"Ganztagsschulen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, obwohl die konservative Presse damals gegen uns mobilisiert hat. Aber es fehlt noch ein großes Stück. Um das Ziel Bildung für alle zu erreichen, ist eine frühe Förderung notwendig. Ganz wichtig ist aber auch die Bereitschaft mit deutlich mehr Lehrerinnen und Lehrern Schule so zu verändern, dass eine wirklich intensive Förderung aller Kinder selbstverständlich ist."

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Channel: Kultur  
AutorIn: Otto Herz  

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