Reinhard Klimmt - Aus der Welt der Bücher Die Bücher und das Leben

von Reinhard Klimmt - 13.08.2009
Wer bin ich? Von Zeit zu Zeit machen sich die meisten Menschen auf die Suche nach sich selber, kramen und forschen in Souvenirkisten, Fotoalben und Briefen nach ihren Wurzeln. Wenn ich von diesem Wunsch nach Selbsterkenntnis befallen werde, begebe ich mich unter meine Bücher.

Können Bücher einen Menschen prägen? Die Antwort ist ganz eindeutig: ja, sie können das. Allerdings würde es mir, wenn ich mich selbst betrachte, schwerfallen, exakt zu bestimmen, welche meiner Eigenarten, Marotten und Charakterzüge durch welche Bücher in mich eingepflanzt wurden – oftmals ist es ja auch schwierig, sich an Lektüre zu erinnern, und viele Bücher verschwinden in den hinteren, kaum noch aufgesuchten Kammern des Gedächtnisses. So bin ich auf Vermutungen angewiesen.

Zu meinem achten Geburtstag schenkten meine Eltern mir das „Dschungelbuch“. Es war die rororo Taschenbuchausgabe, mit bunt-süßlichem Cover und kleinen, dicht gesetzten Buchstaben im Innern. Ich las es wieder und wieder. Besonders liebte ich die Geschichte von der weißen Robbe, die ein Atoll findet, wo die Robben friedlich ohne die Nachstellungen der Pelzjäger leben können, eine zoologische Variante zu der Zeile: „Dann scheint die  Sonn ohn’ Unterlass“ in der Internationale, die meiner Mutter als Wiegenlied diente. So bin ich dann wohl bei den Pfadfindern gelandet und nach einer sich anschließenden anarchischen Phase – zu der übrigens Knut Hamsuns frühe Romane erstaunlicherweise gut passten – bei der SPD. Die drei Strophen der Internationale kann ich heute noch singen.

Mit Kafka und Joyce per Sie

Robinson machte mir die Einsamkeit schmackhaft. Sven Hedin, Filchner, Schomburgk, Wissmann und Co. weckten die Sehnsucht nach anderen Kontinenten. Die „Erste Durchquerung der Sahara mit dem Automobil“, meinem Bruder hartnäckig abgeschwatzt, konnte ich fast auswendig. Timbuktu, alle Phantasien beflügelnd, und Afrika lassen mich seitdem nicht mehr los. Mit Joseph Conrad kamen Charaktere und Schicksale in diese Welt. Seine Geschichte von Gaspar Ruiz verführte mich dazu, an die Realität der Pfadfinderideale von Verlässlichkeit und Treue zu glauben. Relativiert wurde das dann alles durch Kerouac, Camus, Faulkner und Sartre – und durch die Wirklichkeit natürlich auch.

In Alain Fournier und seinem „Großen  Kamerad“  fanden die Kindermärchen, Eichendorffs Taugenichts und Goethes Wilhelm Meister zueinander und damit Romantik und große Gefühle zumindest als Anflug zu mir. Rimbaud und sein „Dormeur du Val“ und Mailers „Die Nackten und die Toten“ setzten mir den durch Heldensagen, Dahns „Kampf um Rom“ und friderizianische Großtaten verdrehten Kopf wieder grade. Nabokov, Musil und auch Borges schrieben so, wie ich es gerne gekonnt hätte. Mit Kafka und Joyce blieb ich respektvoll per Sie.

All das trug sich in den frühen Jahren zu. Daneben Hunderte, ja Tausende von Büchern, dieses verstärkend, jenes relativierend, mir erst nach ausdrücklichem Befragen wieder präsent. Aber heute erkenne ich rückblickend, dass auch derartige Lektüre Einfluss hatte und dass ich vermutlich von Glück reden kann, diese und nicht andere Bücher gelesen zu haben.

Mankell als sozialdemokratische Quintessenz

Zu meinen Lieblingsbüchern zählte und zählt der Oblomov von Gontscharow. Sein „nicht zu nah, nicht zu nah, Du kommst aus der Kälte“, mit  dem er Gäste vom Bett aus auf Abstand hielt, ist zwar nicht mein Lebensmotto, hat aber geholfen, mich selber vor allzu ehrgeizigen Plänen anderer, oder auch meiner selbst, in Schutz zu nehmen.

Wahrscheinlich ist aber alles nur ein Wechselspiel: Wir geraten irgendwie unter die Bücher, sie formen uns, daraufhin kristallisieren sich Vorlieben, die wieder zu Büchern führen, die das Bekannte bestärken, aber – wenn man Glück hat – auch verändern. Selbst bis in die Unterhaltung reichen die Konsequenzen. Über Wallace – übrigens: Brecht war sein größter Fan – und Christie kam ich zu Hammet und Chandler, dann zu Macdonald und van de Wetering. Da war es zu Sjöwall/Wahlöö nicht weit und Mankell ist die sozialdemokratische Quintessenz.

Ich höre tunlichst auf zu kramen. Das Ungesagte ist oft das Beste an einem Stück. Meine Empfehlung: jeder fahre selber in einem Einbaum oder Kajak auf dem Büchersee oder fliege wie Saint-Exupéry über die Wüste und erlebe Wind, Sand und Sterne.

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Reinhard Klimmt ist Bundesminister a.D., von 1998 bis 1999 war er Ministerpräsident des Saarlandes.

Reinhard Klimmt, Überall und Nirgendwo,
Gollenstein-Verlag 2006

 


 

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