Rezension zum 90. Geburtstag von Wolfdietrich Schnurre Die Allgegenwart des Krieges

Berlin Verlag
von Theo Meier-Ewert
Mit seinen Kurzgeschichten zählt Wolfdietrich Schnurre (1920 – 1989) zusammen mit Wolfgang Borchert und Heinrich Böll zu den bekanntesten Vertretern der Nachkriegsliteratur. Ein Band mit Erzählungen aus 20 Jahren, zuerst 1977 erschienen, wurde nun zu Schnurres 90. Geburtstag, am 22. August, wieder aufgelegt.

In Frankfurt geboren, wuchs Wolfdietrich Schnurre in Berlin auf. Er besuchte eine sozialistische Volksschule, später das humanistische Gymnasium. 1939 wurde er Soldat.  

Literarischer Neubeginn der Kriegsgeneration

Das literarische Pendant zur Trümmerlandschaft unmittelbar nach Kriegsende hieß „Kahlschlag“ oder „Stunde Null“. Für die Kriegsgeneration, die es zum Schreiben drängte, war das zwar eine Fiktion, aber die einzige Möglichkeit zu einem thematischen und stilistischen Neubeginn.

Das geeignete Medium dazu war die Kurzgeschichte. Am  amerikanischen Vorbild der short story  orientiert, erlebte sie eine Blütezeit. Der Grund, so Schnurre 1959,  „lag im Stofflichen, in der Überfülle an peinigenden Erlebnissen aus den Kriegsjahren, Schuld, Anklage, Verzweiflung – das drängte zur Aussage... zu einer atemlos heruntergeschriebenen, keuchend kurzen, mißtrauisch kargen Mitteilungsform.“

Gruppe 47 und Büchner-Preis

Im September 1947, trafen sich die Schriftsteller der „Gruppe 47“ zum ersten Mal. Bei dem Treffen am Bannwaldsee im Allgäu las Schnurre als allererster seine Geschichte „Das Begräbnis“. „Danach gab es ein langes Schweigen und keine Kritik“, erinnert sich eine Teilnehmerin.

Diese Geschichte, in der Gott zu Grabe getragen wird („von keinem geliebt, von keinem gehaßt“), wirkt heute, mit dem zeitlichen Abstand, zwar mehr programmatisch als literarisch überzeugend; stilistisch  mitunter wie eine Parodie („Steh ich in der Küche auf m Stuhl. Klopfts.“). Aber diese „gleichsam durch die Zähne gepfiffene Prosa“ (Karl Krolow 1983 in seiner Laudatio auf die Verleihung des Büchner-Preises  an Wolfdietrich Schnurre) wirkt  immer noch unbedingt authentisch und glaubwürdig.

Krieg und Nachkriegszeit als literarisches Thema

Stoff, den es zu bewältigen galt, boten „sechseinhalb sinnlose Jahre, die ich auf der falschen, nämlich der deutschen Seite Soldat sein mußte“, so Schnurre, wahrlich genug. Krieg und unmittelbare Nachkriegszeit sind deshalb das Hauptthema der insgesamt 29 Erzählungen des Bandes.

Ihre Helden sind Scheiternde oder Gescheiterte, sie unterliegen in extremen Situationen: An der Front in Rußland, bei der Flucht aus der Gefangenschaft oder beim Versuch, illegal die Demarkationslinie zu überqueren. Hintergrund und zeitlos-überdauerndes Gegenbild in den Geschichten sind intensive Naturbeschreibungen: So stehen Luch, Hederich und Rohrdommel für das, was bleibt. Und überdauert.

Wiederbegegnung mit einem vergessenen Schriftsteller

In „Steppenkopp“ etwa ist dieser sich steigernde Gegensatz von Menschenwelt und Natur besonders gelungen. Es ist die faszinierend und suggestiv erzählte Geschichte eines „Russenkindes“ im Nachkriegsberlin. Als Außenseiter und Einzelgänger schafft es sich in der von Pflanzen überwucherten und von Tieren bevölkerten Trümmerwüste im Umkreis des  Kupfergrabens ein eigenes Reich – bis seine Mitschüler den Jungen auch dort aufspüren. Die Geschichte endet wie ein Film: „Jetzt sah er sie alle; sie hatten Steine und zerbrochene Flaschen in den Händen und kamen langsam heran. Witternd hob er den Kopf, ob er die Falken nicht sähe. Der Himmel war leer.“

Dass die Ausgabe die Wiederbegegnung mit einem zu Unrecht in den Hintergrund geratenen Autor ermöglicht, der zudem noch spannend zu erzählen weiß, ist verdienstvoll. Aber warum fehlt jegliche Datierung der einzelnen Geschichten?

Wolfdietrich Schnurre: „Funke im Reisig. Erzählungen 1945 bis 1965“, Berlin Verlag, Berlin 2010, 410 Seiten, 26 Euro, ISBN-13: 9783827009388

 

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AutorIn: Theo Meier-Ewert  

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