Lothar Wieland: „Wieder wie 1914! Heinrich Ströbel (1869-1944). Der vergessene Sozialdemokrat

von Doreen Tiepke
Sozialdemokrat, Pazifist, Schriftsteller, Redakteur namhafter Zeitungen – unter anderem auch langjähriger Chef des „Vorwärts“ – Mitstreiter Liebknechts und Luxemburgs, anerkannter Publizist. All das war Heinrich Ströbel. Heutzutage kennt kaum noch jemand diesen Namen. Die nun vorliegende Biografie erzählt von seinem Leben und wirft die These auf, dass Ströbel unter anderem deshalb vergessen ist, weil er „die Politik der Sozialdemokraten zwischen 1914 und 1933 mit großer Skepsis verfolgt und kommentiert hatte und ihnen 1931 den Rücken kehrte.“

1869 in eine bürgerliche Familie geboren, trat Heinrich Ströbel 1889 in die SPD ein. Zeit seines Lebens war er politisch aktiv, sei es mit seinen Schriften oder Reden. „Sozialismus – das hieß für ihn Freiheit, Humanität, Gerechtigkeit, gesellschaftliche Höherentwicklung“, schreibt sein Biograf Lothar Wieland. Als Redakteur verschiedener Zeitungen scheute sich Ströbel nicht, unbeirrbar Kritik an den damaligen Verhältnissen zu üben. Eine spitze Feder sagte man ihm nach. Diese brachte ihm zwischen 1893 und 1896 sieben kurze Gefängnisstrafen wegen öffentlicher Beleidigung ein.

Zum überzeugten Pazifisten und Kritiker seiner Partei, der SPD, machte ihn der 4. April 1914, der Tag, an dem die SPD-Reichstagsfraktion die Kriegskredite für den Ersten Weltkrieg mitbewilligte. Nicht nur für Ströbel war dies vollkommen unverständlich; auch Mitstreiter wie Karl Kautsky oder Hugo Haase reagierten fassungslos. Ab diesem Zeitpunkt engagierte sich Ströbel gegen „Kriegstreiberei“ und zog zum ersten Mal in seinem politischen Leben Bilanz: „Er begreift, dass sich Deutschland infolge seiner politischen Beschaffenheit von den westlichen Kriegsgegnern unterscheidet. Deutschland, so seine Erkenntnis, ist ein vom preußischen Militär beherrschter und von seinen sozialen Anschauungen geprägter Obrigkeitsstaat, dem es an genuin bürgerlich-liberalen Werten mangelt.“

Unbeirrbarer Idealist

Ab 1917, nach der Spaltung der SPD, engagiert sich Ströbel in der USPD und wird dort, neben Paul Hirsch, zum preußischen Ministerpräsidenten ernannt. 1920 folgt der Ausschluss aus der USPD – zu kritisch, zu demokratisch und vor allem zu pazifistisch ist er den Genossen. Auch im Reichstag, dem er seit 1924 angehört, kennt man seine politischen Reden nur zu gut. Ständiger Kritik ausgesetzt, wird Ströbel nicht müde immer wieder die Kriegsschuldfrage zu stellen und sich gegen die sozialdemokratische Tolerierungsdemokratie zu stellen. 1931 verlässt er die SPD erneut und wechselt zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), tritt jedoch schon im selben Jahr wieder aus, da er auch hier mit seinen pazifistischen Ideen weder weiterkam noch akzeptiert wird. Ab diesem Zeitpunkt bleibt Ströbel der „unabhängige Sozialdemokrat“ und „Warner“. Er sieht die brauen Gefahr der Nazis schon früh. 1932 emigriert er in die Schweiz und schreibt von dort aus gegen den Nationalsozialismus. Das Ende des nationalsozialistischen Deutschlands erlebt er nicht mehr. 1944 stirbt Heinrich Ströbel.

Zerrissene Zeiten

Lothar Wieland beschreibt in seiner Biografie einen Idealisten aus einer Zeit, in der diese rar gesät waren. Heinrich Ströbel gehörte zu denen, „die bereits zu einem Zeitpunkt für die Sicherung und Ausgestaltung der republikanischen Staatsform eintraten, als noch Aussicht auf Erfolg vorhanden war, die erheblich früher Widerstand gegen den Weg ins Verderben und den Rückfall in die Barbarei leistetet als die militärischen Verschwörer des 20. Juli 1944 und ihre bürgerlichen Sympathisanten, nämlich vor 1933“. Wieland erweckt die Zeit der Weimarer Republik um Ströbel zum Leben. Vor allem die Zerrissenheit und Uneinigkeit der Parteien beschreibt er anschaulich. Leider kommt aufgrund der Quellenlage das private Leben Ströbels zu kurz. Auf die politische Zeit geht Wieland dafür umso ausführlicher ein.

Doreen Tiepke

Lothar Wieland: „Wieder wie 1914! Heinrich Ströbel (1869-1944). Biografie eines vergessenen Sozialdemokraten“, Donat Verlag 2009, 407 Seiten, 22,80 Euro, ISBN: 978-3-938275-49-8

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