vorwärts.de: Der Leistungsdruck auf die Schüler hat sich in den letzten Jahren durch Maßnahmen wie die zentrale Abschlussprüfungen oder die Verkürzung der Gymnasialzeit erhöht. Welche Auswirkungen hat dies?
Klaus Seifried: Seit Jahren steigen die Erwartungen und die Leistungsanforderungen an Kinder und Jugendliche an. Vor 20 Jahren konnte ein Schüler mit Hauptschulabschluss Kfz-Mechaniker werden, heute braucht er einen Realschulabschluss, eine Schülerin mit Realschulabschluss konnte sich als Bankkauffrau bewerben, heute werden überwiegend Abiturienten genommen. Eltern, die selbst kein Abitur haben oder nicht studieren konnten, erwarten dies aber heute von ihren Kindern, weil sie am Arbeitsplatz spüren, dass höhere Bildungsabschlüsse oft bessere Berufschancen ermöglichen.
In den letzten 20 Jahren hat sich der Anteil der Schulabgänger mit mittlerem Schulabschluss verdoppelt, die Zahl der Abiturienten verdreifacht. Durch die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre ohne eine Kürzung der Lehr- und Lerninhalte, nahm die Belastung der Oberstufenschüler deutlich zu. Der NC für viele Studienfächer liegt zwischen 1-2. Andrerseits sind Kinder und Jugendliche heute zunehmend von Pflichten im Haushalt oder körperlicher Arbeit freigesetzt.
Steht das Thema Leistung generell zu sehr im Mittelpunkt der Bildungsdebatte?
Ja und nein. Viele Eltern überlegen heute schon im Vorschulalter, ob ihr Kind eventuell hochbegabt sei, versuchen bereits vor der Einschulung Lesen und Rechnen mit ihrem Kind zu üben. Hinzu kommen das Lernen eines Musikinstrumentes oder der Sportverein. Kinder von bildungsbewussten Eltern haben teilweise Terminkalender wie Erwachsene.
Andererseits wird eine Teilgruppe der Kinder und Jugendlichen sich selbst überlassen. Eltern kümmern sich kaum um Lernerfolge und überlassen dies der Schule. Doch die Lehrerinnen und Lehrer können Versäumnisse der Familien und der Gesellschaft nur teilweise kompensieren. Hier werden Begabungen und Bildungsressourcen vernachlässigt.
Wie wird das Beratungsangebot an den Schulen angenommen? Kommen Schüler von sich aus mit ihren Problemen zum Schulpsychologen?
In Schulen besteht ein großer Beratungsbedarf bei Schülern, Eltern und Lehrern. Viele Schüler und Eltern kommen im Laufe ihres Lebens in Situationen, in denen sie Rat und Unterstützung brauchen. Viele Lehrerinnen und Lehrer erfahren täglich ihre Belastungsgrenzen, vor allem durch Konflikte mit Schülern, deren Lernwiderstand und Störungen. Manchen Lehrerinnen und Lehrern fehlen auch soziale Kompetenzen, um Konflikte zu bewältigen und mit Kindern oder Jugendlichen pädagogisch erfolgreich zu arbeiten.
Der Beratungsbedarf liegt bei ca 20 % der Schülerinnen und Schüler. Die schulpsychologische Versorgung beträgt in Großstädten wie Düsseldorf oder Berlin ca 2%. Hier besteht eine große Versorgungslücke. An jeder größeren Schule in Skandinavien oder den USA, auch in Russland arbeitet ein Schulpsychologe und ist für ca 500 – 1.500 Schüler zuständig. In Deutschland versorgt ein Schulpsychologe in Großstädten 5-6.000 Schüler, in Flächenländern wie Niedersachsen 29.000. Deutschland hat die schlechteste schulpsychologische Versorgung in Europa.
Wie hoch ist der Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund, die eine Beratung in Anspruch nehmen?
Die Akzeptanz psychologischer Beratung in Migrantenfamilien, speziell aus arabischen Ländern oder der Türkei ist geringer als bei Deutschen. In meinem Beratungszentrum in Berlin beträgt der Anteil ca 25%, der Anteil der Schülerinnen und Schüler liegt aber bei 40%.
Unterscheiden sich ihre Probleme von denen der deutschen Schüler?
Die Probleme von Migrantenfamilien unterscheiden sich deutlich von deutschen Familien. Rund 70% der Schülerinnen und Schüler verlassen die Schule nur mit einem Hauptschulabschluss, der Anteil ohne Abschluss und arbeitsloser Jugendlicher ist doppelt so hoch wie bei Deutschen. Besonders gravierend ist der hohe Anteil von jugendlichen Intensivstraftätern aus Migrationsfamilien. Hier liegt der Prozentsatz bei 80%.
Sieht die Arbeit eines Schulpsychologen an einer Hauptschule anders aus als an einem Gymnasium?
Die Lebenswelt von Gymnasiasten und Hauptschülern unterscheidet sich sehr. Einkommen und Bildungsniveau der Eltern, Bildungsmotivation der Schüler, Freunde, Medienkonsum.
Die Beratungsgründe sind sehr verschieden. Aber auch leistungsstarke Schüler am Gymnasium brauchen Beratung und Unterstützung in vielen Fragen. Der Beratungsbedarf ist auch hier sehr hoch: Prüfungsängste, Erwartungsdruck der Eltern, Mobbing, Magersucht, Kiffen u.v.a..
Insbesondere nach Amokläufen wie 2009 in Winnenden wird für kurze Zeit nach mehr Psychologen an Schulen gerufen. Wie steht es wirklich um die schulpsychologische Versorgung in Deutschland und wie könnte man sie optimieren?
Es ist dringend erforderlich, die schulpsychologische Versorgung auf einen internationalen Standard zu heben. Die Kultusministerkonferenz (KMK) forderte bereits 1973 eine schulpsychologische Ausstattung von 1:5.000 Schülern. Dies wurde nur in wenigen Großstädten umgesetzt. Die Weltgesundheitsorganisation fordert 1:2.500. Die durchschnittliche Versorgung in Deutschland beträgt 1:12.000.
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