Denkanstöße

von Anton Maegerle
Er zählt zu den bedeutendsten Aufklärern gegen Rechts: Alfred Schobert (1963 – 2006). Der Schüler des französischen Philosophen Jacques Derrida setze sich vor allem mit den extremen Rechten in Deutschland und Frankreich kritisch auseinander. Von seinen jüngst in einem Band veröffentlichten Artikeln und Essays versprechen sich die Herausgeber „mannigfache Denkanstöße“ für eine intellektuelle Debatte.

In der Reihe „Edition DISS“ des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) ist das Buch „Extreme Rechte – Geschichtspolitik – Poststrukturalismus“ erschienen. Der Band beinhaltet eine Auswahl aus einigen hundert Veröffentlichungen des 2006 verstorbenen langjährigen DISS-Mitarbeiters Alfred Schobert. Die Herausgeber wollen mit den Aufsätzen des Rechtsextremismusexperten zum Debattieren anregen.

Extreme Rechte
Einer der Schwerpunkte im Kapitel „Extreme Rechte“ ist Schoberts im Jahre 2002 erschienener Aufsatz  „Nothing to worry about“. Ausgehend von einem nicht autorisierten Interview des Linken Noam Chomsky in der rechtsextremen „National-Zeitung“ geht Schobert der Frage nach, was diesen für die Rechte attraktiv macht. Neben Chomskys Kritik an den USA und Israel („Klientel-Staat“ der USA) seien dies leider auch seine fragwürdige Publikationspraxis und sein Eintreten für die Redefreiheit von Holocaustleugnern.

Im Artikel „auf rechts gehen“ begründet Schobert,  warum der Grafiker A. Paul Weber kein Vorbild für eine emanzipatorische Bewegung sein kann. Weber war intellektuellenfeindlich sowie antisemitisch und er kritisierte den Nationalsozialismus von rechts. Auch lieferte Weber Illustrationen für soldatische und völkische Publikationen. „Es gibt nichts an der Signatur“ Webers, so Schobert, „was den Versuch der ‚Aneignung’ durch Linke wert wäre“.

Einen Streifzug durch die französische rechte Publizistik bietet eine Momentaufnahme der Publizistik der französischen extremen Rechten im Jahr 2003. Intensiv setzt sich Schobert mit der Ideologie des französischen Intellektuellen Alain de Benoist auseinander. „Hauptfeind“ des „Junge Freiheit“-Autoren de Benoist, der eine Rückbindung der Brüderlichkeit an Heimat, Volk und Nation betreibt, ist die USA. Als einen der wichtigsten Bezugsautoren de Benoists nennt Schobert
 Carl Schmitt, den „Kronjuristen“ der Nazis

Propagandaformel „Holocaust-Industrie“
Wie deutsche Gegenwart und Vergangenheit im Rahmen politischen Bewusstseins und einer spezifischen Gedächtnispolitik Deutschlands öffentlich angeeignet werden kann, ist das Generalthema im Kapitel „Geschichtspolitik“. Detailliert analysiert Schobert hier die deutschnationale Friedenspreis-Rede Martin Walsers von 1998, die „keineswegs ein Ausrutscher“ war.

Den Ursprung der angeblich von Norman Finkelstein eingeführten Propagandaformal „Holocaust-Industrie“ fand Schobert in Tampa/Florida. Dort trat im Oktober 1993 der Hitler-Verehrer und Holocaustleugner David Irving in der US-amerikanischen Fernseh-Show „Race and Reason“ des Neonazis Herbert Poinsett auf. Wörtlich schwadronierte Irving  von der „Holocaust-Industrie“. Zuvor hatte er bereits im September 1990 bei einer rechtsextremen Veranstaltung im nordbadischen Weinhem von einer „gigantischen Holocaust-Industrie“ gesprochen. Übersetzt wurde Irvings Vortrag von dem damaligen NPD-Bundesvorsitzenden Günter Deckert.

Auf die „ökonomische und politisch-publizistische Nähe“ zwischen der drittgrößten Verlagsgruppe Deutschlands, der Fleissner-Gruppe (z.B. Langen-Müller, Universitas), und der „Jungen Freiheit“ weist Schobert im Text „Geschichtsrevisionismus a`la Carte“ hin. Dem 1928 in Eger geborenen Burschenschafter Fleissner war es, so Schobert, seit Mitte der 50er Jahre gelungen, „seine rechtsextremen politischen Überzeugungen erfolgreich mit Geschäftsinteressen in Einklang zu bringen.“

Im Text „Eliten-Antisemitismus in Nazi-Kontinuität“ nimmt Schobert Martin Hohmanns Neuhofer Rede vom 3. Oktober 2003 auseinander und erinnert, dass  dieser in seinen Ausführungen Bezug auf das antisemitische Hetzwerk Henry Fords „The International Jew“ nahm. Fords Buch trug international erheblich zur Popularisierung der berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ bei, aus denen sich in den 20er Jahren der NS-Antisemitismus speiste.

Schoberts Ziel: Gerechtigkeit
Das dritte Buchkapitel „Poststrukturalismus“ dokumentiert, dass Schoberts Gedanken im Anschluss an die poststrukturalistischen Denker Derrida und Michel Foucalt und seine Auseinandersetzung mit der Normalismustheorie des Dortmunder Kulturwissenschaftlers Jürgen Link ohne Ausnahme das Ziel verfolgten, ein Denken und damit ein politisches Handeln anzuregen, das auf Gerechtigkeit zielt.

Die weitgehend zeitlosen Vorträge und Texte Schoberts sind auch einzeln überzeugend. Ein Personenverzeichnis erleichtert das Zurechtfinden.

Anton Maegerle


 

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Schobert, Alfred: Analysen und Essays. Extreme Rechte - Geschichtspolitik - Poststrukturalismus. Herausgegeben von Martin Dietzsch, Siegfried Jäger, Moshe Zuckermann. Edition DISS, Band 21. Münster 2009, 440 Seiten, 29,80 EUR ISBN 978-3-89771-750-3

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AutorIn: Anton Maegerle  

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