vorwärts: Warum beteiligt Ihr Euch am „Geh Denken!“?
Sebastian Krumbiegel: Weil ich den Leuten, die vom „Bomben-Holocaust“ reden nicht das Feld überlassen will. Weil ich Nazis und deren Sympathisanten klar entgegentrete. So bin ich erzogen. Wir sollten unsere Geschichte genau und kritisch reflektieren und wachsam sein. Rassismus, Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit sind schon weiter in der Gesellschaft angekommen, als viele wahrhaben wollen.
Smudo: Bei dem Aufmarsch in Dresden zeigen sich alle kleinen Nazi-Cliquen und legen ihre Kränze nieder. Es ist die größte europäische Nazi-Messe geworden. Die verantwortlichen Regierungen haben dagegen nichts Wirkungsvolles getan. Die Sache braucht die Aufmerksamkeit der bundesdeutschen Gesellschaft, damit sich endlich was tut. Als Anchor-Man der Aktion „Laut gegen Nazis“ weise ich hoffentlich wirkungsvoll auf die Situation hin.
Welche Rolle spielt Musik beim Kampf gegen rechtes Gedankengut?
Smudo: Musik eint Gruppen. Sie liefert akustische Identifikation. Dementsprechend kann Musik ge- oder missbraucht werden. Speziell im Fall Dresden würde ich sagen, dass die auftretenden Bands zur Aufmerksamkeitsbildung beitragen.
Sebastian Krumbiegel: Eine junge Lehrerin hat mir geschrieben, dass sie bei einer 6. Klasse im Unterricht ein Lied von meinem musikalischen Hörbuch „Ängste und Träume“ (Geschichten von Flüchtlingen) verwendet und damit mehr erreicht hat, als mit „wochenlangen theoretischen Diskussionen“. Für mich spielen Texte und die damit verbundene Haltung in der Musik schon immer eine große Rolle. Sicherlich sollte man das nicht überschätzen, aber mit Musik hat man einen leichteren, weil emotionalen Zugang.
In den vergangenen Jahren hat die Zahl rechter Straftaten kontinuierlich zugenommen. Woran liegt das?
Sebastian Krumbiegel: Sicherlich an sehr vielen Dingen: soziale Schieflage, mangelnde Bildung, aber auch populistische Aussagen von Meinungsmachern, von Politikern oder Journalisten. „Zu viele kriminelle Ausländer“, „Das Boot ist voll“ , „Kinder statt Inder“ , „Überfremdung“, „Pogrome auf Banker“ , oder eben „Bomben-Holocaust“. So was ist Öl ins Feuer, das ist unverantwortlich. Und es ist eben leider doch schon Mainstream.
Smudo: Ich würde mir wünschen dass der Staat dem rechten Terror mit ähnlicher Hysterie entgegentritt, wie gegen Linksextremismus und angebliche Dschihadisten.
Ist Rechtsradikalismus ein typisch ostdeutsches Phänomen?
Smudo: Bedauerlicherweise ist es ein länderübergreifendes Problem.
Sebastian Krumbiegel: Für mich ist es vor allem auch ein soziales Problem. Perspektivlosigkeit und Zukunftsangst spielen eine entscheidende Rolle. Und es hat viel mit mangelnder geschichtlicher Bildung zu tun. Natürlich bieten sozial schwache Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit im Osten Deutschlands einen Nährboden, aber Rechtsradikalismus und Rassismus gibt es auch im Ruhrgebiet, in Bayern oder in Westfalen.
Meint Ihr, ein Verbot der NPD würde helfen?
Smudo: Davon bin ich überzeugt. Die NPD betreibt hinter dem Deckmantel einer demokratischen Partei Networking für Rechtsradikale. Dass sich in Dresden 6000 Nazis versammeln können, ist einer von vielen zweifelhaften Erfolgen der NPD.
Sebastian Krumbiegel: Mich befremdet, dass in Dresden und Schwerin eine Partei im Parlament sitzt, die in der Tradition der NSDAP steht und offen rassistische, antisemitische und fremdenfeindliche Inhalte transportiert. Diese Inhalte, diese Gedanken in den Köpfen kann man jedoch nicht so einfach verbieten. Dass diese Partei allerdings durch die staatliche Parteienfinanzierung Gelder vom Staat bekommt, den sie eigentlich abschaffen will, das ist ein Hohn, das ist grotesk.
Was erwartet Ihr von der Politik, um ein weiteres Abrutschen nach rechts zu verhindern?
Smudo: NPD-Verbot jetzt! Aufstockung von Mitteln für AntiFas aus der Zivilgesellschaft wie z.B. „Exit“ oder „Mut-Gegen-Rechte-Gewalt“. Hohe Strafen für rechte Straftaten. Mehr als nur die üblichen Lippenbekenntnisse von Schäuble und Co. Entschlossenes Vorgehen gegen Rassismus innerhalb der Polizei. Die Liste ist endlos.
Sebastian Krumbiegel: Es klingt immer so einfach, wenn kluge Köpfe fordern: mehr Geld für Bildung. Aber das scheint schon das Wichtigste zu sein. Weniger populistisches "Fischen am rechten Rand" in den bevorstehenden Wahlkämpfen. Eine kluge Sozial- Kultur- und Ausländerpolitik. Wenn Jugendklubs geschlossen werden, wenn kulturelle Angebote gekürzt werden, dann überlassen wir diese Felder den Rechten. Pfadfinderlager, Rentnernachmittage, Jugendtreffen – die NPD hat doch die klare Strategie: „Kampf um die Köpfe, Kampf um die Straße, Kampf um die Parlamente“. Das sollten wir nicht unterschätzen. Rechtsextreme Netzwerke sind gut organisiert und sehr aktiv.
Was kann jeder Einzelne dagegen tun?
Smudo: Ach wenn’s doch nur einen einfachen Katalog von "Was kann der Einzelne tun?" gäbe. Ich finde Alltagsrassismus ist ein Einstieg für die Bodenbildung von rechtem Gedankengut. Vom Taxifahrer, der einem was von „Deutsche können dies und jenes nicht mehr machen heutzutage“ sagt, bis hin zum antisemitischen Kommentar unter einem You-Tube-Video. Da hilft es, immer laut zu sagen „Wie bitte? - Ich steige aus. Wie ist ihre Wagen-Nummer für die Beschwerde?“ oder im Internet der „Racial-Discriminating-Content“-Klick.
Sebastian Krumbiegel: Es geht schon bei der Sprache los. Ich gehe verbal dazwischen, wenn in meiner Gegenwart jemand von Fidschis, Negern oder Kanaken spricht. Das ist rassistisch. „Das ist ja schwul“ oder „Du Schwuchtel“ sage ich auch nicht, das ist schwulenfeindlich und beleidigend. Oder um es positiv zu sagen: Jeder Einzelne kann sich an seiner kleinen, persönlichen Front um ein buntes, kulturvolles, tolerantes und weltoffenes Leben kümmern – das ist doch auch viel angenehmer als diese braune Soße.
Interview: Kai Doering
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