Interview mit MdB Lars Klingbeil "Das Netzsperren-Gesetz muss weg!"

von Yannick Haan - 07.12.2009

Bild: www.lars-klingbeil.de

Lars Klingbeil ist Mitglied des Deutschen Bundestages. Er ist Berichterstatter für neue Medien in der SPD-Bundestagsfraktion. Vor seinem Bundestagsmandat war er Büroleiter im Bundestagsbüro von Garrelt Duin.

In den nächsten Tagen und Wochen werden wir im unregelmäßigen Abstand auf vorwärts.de Meinungsbeiträge, Interviews und Hintergrundberichte zum Thema Netzpolitik veröffentlichen, um die Debatte in- und außerhalb der Sozialdemokratie voranzubringen. Wer Interesse hat, selber einen Beitrag zu veröffentlichen, meldet sich bitte bei der Redaktion.
 

Im letzten Jahr wurde das so genannte Gesetz zur Bekämpfung von Kinderpornographie beschlossen. Innerhalb der SPD aber auch innerhalb der schwarz-gelben Koalition gibt es Diskussionen über den Nutzen des Gesetzes. vorwärts.de sprach mit dem Bundestagsabgeordneten Lars Klingbeil über das Gesetz und die Zukunft der Netzpolitik.

vorwärts.de: Herr Klingbeil, Sie sind zum Berichterstatter für neue Medien in der Fraktion gewählt worden. Was haben Sie sich persönlich für die Legislaturperiode vorgenommen?

Lars Klingbeil: Ich möchte die Stimme derjenigen sein, die sich selbstverständlich frei im Netz bewegen und die Sorgen haben, dass Freiheit, Offenheit und Bürgerrechte im Netz durch politische Einflussnahme eingeschränkt
werden. Es geht aber auch darum politische Debatten über Themen wie Netzneutralität, Open Source oder die Chancen der Netzkultur für die Erneuerung der Politik anzustoßen. Das Verhältnis zwischen der Politik und einer ganzen Generation der im Netz Aktiven ist durch Maßnahmen wie die Netzsperren gestört. Es ist sehr viel Vertrauen verloren gegangen. Ich will Brücken bauen und eine ernsthafte Debatte über eine moderne Netzpolitik ermöglichen.

Als die Diskussion um die Netzsperren entbrannte waren Sie selber noch nicht Mitglied im Bundestag. Wie haben Sie diese Diskussion von außen gesehen?

Mir war schnell klar, dass diese Debatte höchst sensibel ist. Die Versuche von einzelnen Medienvertretern, Gegner der Netzsperren zu Befürwortern von Kinderpornographie zu erklären, war nicht hilfreich und hat viele in der Politik abgeschreckt. Eins ist doch klar: Alle im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien und auch die Unterzeichner der Online-Petition haben das Ziel, Kinderpornographie zu bekämpfen. Wenn mir aber Experten sagen, dass die vereinbarten Sperren leicht zu umgehen sind und daher wirkungslos bleiben, dann werden sie diesem Ziel nicht gerecht. Der fundierte und konstruktive Protest gegen diese Sperren gerade von vielen jungen Menschen hat mich beeindruckt und zeigt, dass meine Generation alles andere als unpolitisch ist.

Glauben Sie, dass das gesamte Thema Netzpolitik innerhalb und außerhalb der SPD mittlerweile zu einem wichtigen Thema geworden ist?

Rhetorisch Ja. Auf dem SPD-Parteitag in Dresden hat jeder Redner aus der Parteispitze den Nachholbedarf der SPD in diesem Themenfeld deutlich gemacht. Die Herausforderung ist also erkannt. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch dazu, dass erst Erfolge der Piraten und die Online-Petition viele aufgeweckt hat. Der Rhetorik müssen nun auch zwingend Taten folgen. Hier werde ich mit anderen in der SPD Druck machen.

Derzeit ist unklar ob das Netzsperren Gesetz in Kraft tritt oder nicht. Was raten Sie der neuen Regierung?

Das Gesetz muss weg. Ganz klar. Ich habe das Gefühl die geplante Aussetzung des Gesetzes für ein Jahr dient vor allem der Gesichtswahrung der Koalitionäre. Ich rate der Regierung jetzt einen entschlossenen
Schritt zu gehen und die Idee der Netzsperren dauerhaft zu beerdigen.

Seit einigen Wochen hat die SPD eine neue Parteispitze. Wie denken Sie wird sich das Thema unter der neuen Parteiführung entwickeln?

Ich erwarte, dass meine Partei eine klare Positionierung zu den Heraus- und Anforderungen sozialdemokratischer Medienpolitik in einer digitalisierten Welt vornimmt. Ich möchte dabei mithelfen, aber auch
alle anderen auffordern, sich einzubringen. Hierfür brauchen wir auch diejenigen, die sich während der Netzsperren-Diskussion zurückgezogen haben. Jetzt ist die Zeit, in der SPD einen Neustart in der Netzpolitik
zu erreichen. Die neue Parteispitze hat diese Freiräume eröffnet und wir sollten die Chance ergreifen.

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Ein lautes LOL in Richtung

Bild von Anonymous

Ein lautes LOL in Richtung von Olaf Scholz. Quote:

“Internetsperren sind ineffektiv, ungenau und ohne weiteres zu umgehen. Sie leisten keinen Beitrag zur Bekämpfung der Kinderpornografie und schaffen eine Infrastruktur, die von vielen zu Recht mit Sorge gesehen wird.” Die SPD bestehe auf dem Prinzip “Löschen vor Sperren”.

Aua. Nichtmal die 180° Kehrtwende wird kompetent ausgeführt, anscheinend erinnert er sich nicht einmal mehr an den Inhalt des von ihm mitbeschlossenen Gesetzes. Wofür bitte brauchen wir eine derart rückgratlose, unberechenbare und inkompetente Partei, die wie ein Fähnchen im Wind flattert?

Das restliche Parteivermögen sollte zur Entschädigung der Bürger, die ihre Zeit im Kampf gegen dieses von der SPD beschlossene Schwachsinnsgesetz eingesetzt haben, verwendet werden.

Neue Parteiführung,

Bild von Texhnolyze

Neue Parteiführung, Neustart in der Netzpolitik? Absolut unglaubwürdig.

Sigmar Gabriel ist ganz andere Ansicht.
Sigmar Gabriel teilt komplett die Auffassung von Zensursula:

http://youtube.com/watch?v=HRcWcdS37Ds
http://youtube.com/watch?v=SSficlq_LqM

Ganz nebenbei, das Zensurgesetz war die Idee der SPD!

Zensursula wollte die Verträge mit den Providern, die SPD bestand auf einem Gesetz.

"Es geht aber auch darum

Bild von Anonymous

"Es geht aber auch darum politische Debatten über Themen wie Netzneutralität, Open Source oder die Chancen der Netzkultur für die Erneuerung der Politik anzustoßen."

Zu Open Source - bitte bitte ja. Die Inkompetenz des Staates bei der Entwicklung technologischer Großprojekte ist kaum in Worte zu fassen. Wieder und wieder werden Abermilliarden an Dinosaurier wie Siemens, Telekom etc. für technologische Tot- und Missgeburten verschenkt. Wenig überraschend, das nichts dabei rauskommt - aus diesen Firmen kam seit langem keine Innovation mehr. Es scheint mehr um mehr oder weniger verdeckte Subventionen zu gehen. Alternativ käme wohl auch "cover your ass" in Frage - nobody ever got fired for buying Microsoft - no politician ever got blamed for contracting with Telekom. Aber auch Peinlichkeiten wie das ignorieren des einenen Anforderungskatalogs (der recht passabel war) bei der Entwicklung des E-Petitionssystems erhöhen das Vertrauen in die Fähigkeiten des Staates nicht. Eine Förderung von Open Source könnte hilfreich sein, die scheinbare Abhänigkeit von unfähigen Großkonzernen zu verringern.

Leider beschränkt sich aktuell die Förderung von Open Source durch den Staat und insbesondere die EU auf genau das gleiche Prinzip. Bekannten großen Gruppierungen wie Universitäten, auch wieder in Zusammenarbeit mit den oben genannten Dinosauriern, bekommen teilweise recht hohe Summen für streng hierarisch aufgebaute "Open Source" Projektentwicklung. Im Normalfall haben die Beteiligten weder Erfahrung mit den zu bearbeitenden Open-Source-Projekten, noch haben sie bereits substantiell zur Entwicklung beigetragen. Heraus kommen (wenn überhaupt) eine Serie von nicht in das Hauptprojekt integrierbarer Arbeit, da die genannten Organisationen meistens sehr wenig Erfahrung in der tatsächlichen Mitarbeit an OSS-Projekten besitzen. Zudem wird in vielen Fällen die Förderung zur Bezahlung von Hiwis und ähnlichem zweckentfremdet, die nur pro forma alle paar Monate an dem entsprechenden Projekt arbeiten, um die Förderung aufrecht zu erhalten.

Bei den Projekten selbst kommt *nichts* an - keine integrierbare Arbeit, kein Geld. Für Skeptiker: Ein Blick in die Changelogs eines jeden OSS-Projekts wird dies bestätigen.

Gesichtswahrung der

Bild von Anonymous

Gesichtswahrung der Koalitionäre? Mir war nicht bewusst, dass die FDP für dieses Gesetz gestimmt hat. Im Gegenteil - ich erinnere an eine begeisterte SPD-Hinterbänklerin, die nach der Abstimmung das Gesetz bejubeln durfte. Ihre Redegewandheit war vergleichbar mit der schon erwähnten Sachkompetenz Dörmanns, der wie alle SPD-Mitglieder nicht müde wurde, durch vorgefertigte Textbausteine die "Erfolge" der SPD herauszustellen ("Subsidaritätsprinzip" (Buzzword-Alarm), keine Weitergabe von Daten an Strafverfolgungsbehörden (Heuchler), usw).

Ihr habt euch obsolet gemacht - eine SPD, die aus Inkompetenz und Angst vor den Medien entscheidet, braucht niemand. Und darum entscheidet ihr auch für lange Zeit nichts mehr.

Ein Schlag ins Gesicht!

Bild von hawu

Stimme Julia Seeliger zu. Und diese Ausblendung der Tatsache, *wer* denn das Gesetz beschlossen und bis zur BT-Wahl öffentlich verteidigt hat, ist ein Schlag ins Gesicht aller derjenigen die weder Kopf noch Rückgrat verloren haben angesichts des abstoßenden Themas.

Der SPD glaubt das sowieso keiner mehr

Bild von Sebastian Wiesinger

Ihr habt das Gesetz mitbeschlossen und geholfen, dass Zensursula ihr Chaos anrichten konnte. Gegen das Wissen und den Widerstand von Leuten die sich besser mit dem Internet auskennen als ihr. Wieso sollte man euch überhaupt nochmal zuhören.

Jetzt auf einmal? Viel mehr

Bild von Tim Tropberger

Jetzt auf einmal?

Viel mehr fällt mir dazu leider nicht ein.

4,9%, ick hör dir trapsen.

Bild von Anonymous

4,9%, ick hör dir trapsen.

Geht's noch?

Bild von Dominik Boecker

Wir - ich bin Mitglied im Arbeitskreis gegen Internetsperren und Zensur und koordiniere dort die Juristen - und andere, wie beispielsweise der Chaos Computer Club, haben lange und mit Engelszungen in Richtung Politik(er) geredet, damit sie endlich einmal die Sachargumente der Kritiker zur Kenntnis nimmt (ohne die Kritisierenden an den Pranger zu stellen). Der Erfolg war gleich null.

Der Unterhändler der SPD - Martin Dörmann; ich hatte mehrmals die Freude seiner - nicht vorhandenen - Sachkenntnis in dem Bereich zu lauschen - hatte (und hat) schlicht keine Ahnung. Wie konnte man nur so eine Figur als Unterhändler auswählen?

Durch die SPD ist in dieser Sache so dermaßen viel Porzellan zerschlagen und Vertrauen verspielt worden, dass sich mir nur eine einzige Frage stellt: warum sollte ich der SPD denn ausgerechnet jetzt glauben?

Ich glaube das nicht. Die

Bild von julia seeliger

Ich glaube das nicht. Die SPD hat sich von dem KiPo-Thema verängstigen lassen. Es wurde ein wahrscheinlich verfassungswidriges Gesetz beschlossen, und Kritiker wurden nicht gehört. Mich hat das sehr genervt! Ich ärgere mich über solche "Interviews".

Auf die SPD ist im Innen- und Rechtsbereich noch weniger Verlass als auf die Grünen. Und als auf die FDP.

Über Interviews ärgern?

Liebe Julia

der vorwärts lässt Gegner und Befürworter der Netzsperren zu Wort kommen. Es geht um einen Dialog, den hat noch keiner Partei geschadet, oder? Freu Dich doch darüber!

Es gab übrigens auch schon vor der Bundestagswahl viele Leute, die sich gegen die Netzsperren gestellt haben. Lars hat das schon als Kandidat deutlich gesagt, da ist es nur konsequent, dass er als Abgeordneter die Position auch vertritt und versucht eine Mehrheit in der Fraktion zu finden.

Karsten

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