Wann springt der Funke über? Dass Wahlkampf ist. Dass er wichtig ist. Weil es um die Zukunft geht. Für jeden persönlich und für das Land. Noch versuchen Angela Merkel und ihre CDU, sich auf den Kanzlerbonus zu verlassen. Wollen keinen inhaltlichen Wahlkampf führen. Damit kommen sie nicht durch, ist Frank-Walter Steinmeier überzeugt. Nicht angesichts der Probleme, die die Weltfinanzkrise diesem Land beschert hat. Deshalb hat er Anfang August seinen Deutschland-Plan (siehe S. 7) vorgelegt, und macht das Thema „Arbeit von heute und Arbeit von morgen“ zum Thema seiner Sommerreise.
Mehr tun in der Krise
Es riecht nach Motorenöl. „Gefahrenzone“ heißt es in der Fabrikhalle. Aber das schert den Firmenchef nicht, der den SPD-Kanzlerkandidaten samt Tross von Kameras durch seine Werkshallen führt. Das Unternehmen stellt ein. Deshalb ist Frank-Walter Steinmeier nach Ulm gekommen. „Eine Absatzkrise kann man nicht mit weniger Arbeit bekämpfen; man muss mehr arbeiten, mehr verkaufen, schlichtweg mehr tun,“ verkündet Firmenchef Ernst Prost. Ein Selfmademan, der gegen Subventionen ist, gegen die Rettung von Banken, staatliches Schuldenmachen und unfähige Manager, die sich die Taschen voll stopfen, aber selbst keine Risiken eingehen. Steinmeiers Antworten sind abgewogen: die Banken habe man retten müssen, damit die Wirtschaft nicht zusammenbricht. Aber es habe sich viel Gier und Unvernunft breit gemacht. „Wir haben Vorschläge gemacht für angemessene Managergehälter und um hohe Abfindungen weniger attraktiv zu machen.“ Prost: „Deshalb sitzen Sie ja auch hier und nicht der Guttenberg.“
Ideenschmiede Mittelstand
Das Ulmer Unternehmen hat in der Krise ein Umsatz-Minus von 6,4 Prozent hinnehmen müssen. Aber Prost würde lieber sein Schloss verkaufen, als Leute entlassen oder in Kurzarbeit schicken. Sagt er. Seine Mitarbeiter nicken. Steinmeier verschwindet in der Entwicklungsabteilung des Mittelständlers. Später, im Journalistenbus nach München, wird er erzählen, was er gelernt hat. In der Entwicklungsabteilung macht man sich nämlich Gedanken, mit welchen Zusätzen Biokraftstoffe „motorenfreundlicher“ werden können. Ideenschmiede Mittelstand. Arbeit von morgen. Steinmeiers Thema. Da passt es gut, dass auch Ernst Prost der Überzeugung ist: „Vier Millionen neue Arbeitsplätze, das ist zu schaffen, wenn alle gemeinsam anpacken.“
Die stille Reserve will anpacken
Wie das geht, aber auch wie schwierig das ist, zeigen die beiden nächsten Besuche, jeder auf seine Weise. An der Technischen Universität München proben Frauen in einer Summer School den Wiedereinstieg in die Arbeitsgebiete Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik. Nicht einfach, denn gerade in der Krise sind die Unternehmen doppelt vorsichtig: eine Frau und dazu noch ein paar Jahre aus dem Beruf? Da stehen viele Ingenieurinnen, Mathematikerinnen und Informatikerinnen vor verschlossenen Türen.
Was die Akademie des „Berufsnetzwerkes „Business and Professional Women" (BPW) Germany ändern will. So wird der Kanzlerkandidat diesmal fast ausschließlich von Frauen empfangen. „Auf dem Arbeitsmarkt fehlen 35 000 Ingenieure, auf dem Arbeitsmarkt fehlen Fachfrauen. Dabei haben wir Frauen mit einer exzellenten Ausbildung,“ beschreibt Carmen Kraushaar von der BPW-Akademie das Dilemma. Aber noch gibt es Berührungsängste. Was sich vermutlich ändern werde, prognostiziert Steinmeier. In der Krise zeige sich verstärkt, was sich schon vorher angekündigt habe: „Der Arbeitsmarkt wird weiblicher.“ Die Frauen der stillen Reserve von heute könnten so die Arbeitskräfte von morgen werden.
Sichere Jobs bis zur Rente
Szenenwechsel. München Haidhausen. Die AWO betreibt in dem ehemaligen Arbeiterviertel ein Senioren- und Pflegeheim. Etwa 30 Mitarbeiter sind gekommen, um den SPD-Kanzlerkandidaten kennenzulernen. Beklagen die Ambivalenz der Gesellschaft: Niemand wolle darüber nachdenken, wie es ist, wenn die Eltern alt sind, man selbst alt sei. Sprechen vom schlechten Image der Altenpflege. Das ist eine Arbeit, die Zuwendung, Herzenswärme und Kraft erfordert, eine Branche, die händeringend qualifiziertes Personal sucht und sich mehr Anerkennung wünscht. Steinmeier macht den Anwesenden Hoffnung: „Vielleicht sorgt die Tatsache, dass Pflegerinnen und Pfleger mehr gefragt sind, dafür, dass sich Ihr Status verändert.“ Soviel jedenfalls wird bei dem Termin klar: Wer diesen Beruf ergreifen will, ob als junger Mensch oder erst in mittleren Jahren, ob Teil- oder Vollzeit, hat einen Arbeitsplatz, der bis zur Rente sicher ist.
Streiten für den Deutschlandplan
Noch muss Frank-Walter Steinmeier kämpfen. „Der Herausforderer muss mehr vorlegen“, sagt er. Und: „Natürlich hätte ich mich gefreut, wenn die drei Millionen Arbeitslosen, wie Deutschland sie vor der Weltfinanzkrise hatte, die Ausgangsbasis für eine Kampagne ‘Arbeit der Zukunft’ gewesen wäre.“
Jetzt streitet er für seinen Deutschlandplan. Ein bisschen Sticheln gehört dazu: z.B. gegen Angela Merkel, die ihre Sommerreise im September auf den Spuren von Konrad Adenauer im „Rheingold“-Express von Rhöndorf über Leipzig nach Berlin verbringen will. Im Schlafwagen zur Macht sozusagen. Dagegen stellt die SPD ihre Themen: Arbeitsplätze, Mittelstand, Bildung und Chancen für alle. Da müsste es eigentlich nur eine Frage der Zeit sein, bis der Funke überspringt.
Verlinken Sie auf diesen Beitrag:
- Kommentieren
- 1436 Aufrufe
Druckversion
Artikel verschicken



Auf beta.vorwaerts.de können Sie sich schon mal die neue Seite von vorwaerts.de anschauen.