Digitale Gesellschaft "Das Internet ist basisdemokratisch"

von Petra Tursky-Hartmann - 20.10.2011

Björn Böhning ist SPD-(Netz-)Politiker, Mitglied im Bundesvorstand seiner Partei und Leiter der Abteilung Politische Grundsatz- und Planungsangelegenheiten in der Senatskanzlei des Landes Berlin.

Petra Tursky-Hartmann ist medienpolitische Referentin der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag und war von 1997 bis 1999 und von 2002 bis 2008 Vorsitzende des Virtuellen Ortsvereins (VOV) der SPD.

Das Internet verändert unsere Art zu leben, zu arbeiten und zu denken. Doch wie gehen wir damit um? Im Interview mit vorwärts.de spricht Björn Böhning über die Herausforderungen der digitalen Revolution.
Leben und Arbeiten werden entscheidend geprägt vom Wandel der Technologien. Gerade das Internet gestaltet unsere sozialen Beziehungen auf neuartige Weise. Die digitale Gesellschaft entsteht. Kommunikation und Interaktion werden digitaler schneller, spontaner, offener. Björn Böhning zeichnet gemeinsam mit Alexander Görlach den Wandel nach. „Freiheit oder Anarchie“ heißt der Titel der Streitschrift der beiden „Digital Natives“, die darin strittige politische Themen der alten Welt wie Individualisierung, Konservativismus, soziale Demokratie, Emanzipation, Datenschutz und Freiheit miteinander diskutieren.
 
vorwärts.de: Sie behaupten, der eine von Ihnen ist links, der andere konservativ. Passt das überhaupt zusammen?
 
Björn Böhning: Wir haben bei netzpolitischen Fragen festgestellt, dass es kein durchgehendes Links oder Rechts gibt.
 
vorwärts.de: Wird die alte Welt nur digitalisiert oder vollzieht sich gar eine Revolution?
 
Björn Böhning: Die digitale Generation ist fast 24-Stunden täglich online und hat ihr Leben komplett auf online umgestellt. Wir twittern unsere Liebschaften, dank „Foursquare“ weiß auch gleich jeder, wo wir uns befinden.
 
vorwärts.de: Das suggeriert, dass es für jedes Problem eine App gibt. 1986 hat die Bevölkerung noch vehement gegen die Volksbefragung gekämpft. Wäre Erich Mielke nicht neidisch, wenn er sehen könnte, was heutzutage alles in Facebook und über Twitter veröffentlicht wird?
 
Björn Böhning: Es ist eine der Aufgaben von Politik, die Medienkompetenz der digitalen Generation so weit zu entwickeln, dass sie eigenverantwortlich abschätzen können, was sie online stellen und was nicht.
 
vorwärts:  Bekommt die Politik ein Problem mit ihrer eigenen Taktung?
 
Björn Böhning: Ja, sicher. Wir können doch beobachten, dass die auf Repräsentativität ausgerichtete Demokratie zunehmend unter Druck gerät, demokratische Beteiligungs- und Partizipationsmöglichkeiten stärker auszubauen. Das Internet ist eben basisdemokratisch und die Erwartungen seiner Nutzer ebenso.
 
vorwärts.de: Sie schreiben, die Werte in der digitalen Gesellschaft seien immaterielle Werte wie etwa der Schutz der Privatsphäre, der Schutz von Eigentum und der Schutz von Rechten an kreativen Erzeugnissen. Was man mit Gesetzen nicht regeln kann, müssten Ethos und Moral in einer Gesellschaft regeln. Hat Herr von Boetticher Ethos und Moral in der virtuellen Gesellschaft unterschätzt?
 
Björn Böhning: Von Boetticher hat wohl noch eine Menge mehr unterschätzt, was in der CDU so an Werten kursiert.

vorwärts.de: Bleiben wir doch noch einen Moment beim Konservativen. Sie beschäftigen sich in Ihrem Buch mit der Frage „Stirbt konservatives Denken aus?“ Ist das so?

 
Björn Böhning: Ich denke schon. Wo ein (Obrigkeits-)Staat nicht mehr die Macht hat, Dinge per Dekret zu verordnen, ist das konservative Staatsverständnis im Kern erschüttert.
 
vorwärts.de: Ihr Buch beschäftigt sich ja ausgiebig mit dem ersten virtuellen Sündenfall in der Wissenschaft. Sie schreiben, dass Karl-Theodor zu Guttenberg der erste Politiker sei, der an den Gesetzmäßigkeiten der digitalen Welt gescheitert ist. Ist kopieren okay, solange man es nicht als eigene Leistung ausgibt?  
 
Björn Böhning: Es vergeht doch kaum eine Sitzung der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“, in der nicht über die Frage des Urheberrechts diskutiert wird. Auf der anderen Seite muss man akzeptieren, dass das Wesen des Internets die Kopie ist.
 
vorwärts.de: Was ist denn dann die Währung, die im Internet zählt? Ehrlichkeit? Glaubwürdigkeit?
 
Björn Böhning: Ich finde es gut, dass das Internet den Versuch, seine Meinung im politischen Diskussionsprozess zu ändern, heutzutage erheblich erschwert. Das hat allerdings den Nachteil, dass wir in der Politik einen Trend zum Ungefähren beobachten.
 
vorwärts.de: Sie schreiben, das Web sei von Militärs und Wissenschaftlern entwickelt worden. Diese beiden Gruppen hätten nicht an Geschäftsmodelle gedacht. Vor dem Hintergrund des strukturellen Wandels durch das Internet fordern Lobbyisten nun ein Leistungsschutzrecht für Verlage. Dies sei nötig, um die Qualität des Journalismus zu erhalten. Wie sehen Sie das?
 
Björn Böhning: Früher war eben auch nicht alles besser. Qualitätsjournalismus war ja seit je her immer auf einen kleinen Teil der Medien und eine kleine Zielgruppe beschränkt. Ich bin überzeugt, qualitativ hochwertiger Journalismus wird auch in der digitalen Welt seine Abnehmer finden. Hat nicht der Zeit-Verlag seit 2003 seine Umsätze um 81 Prozent steigern können? Und war es nicht die Süddeutsche Zeitung, die die Informationen zur Doktorarbeit des ehemaligen Verteidigungsministers veröffentlicht hat?
 
vorwärts.de: Wie meinen Sie das genau?

Björn Böhning: Schon heute sind hervorragende Angebote wie die App der Frankfurter Rundschau sehr beliebt. Zugleich gibt es neue Formen von freiwilligen Abgaben, die es dem Nutzer ermöglicht, für von ihm begehrte Inhalte auch einen Beitrag zu zahlen. Und letztlich hab ich auch das Gefühl, das viele Blogs inhaltsschwerer und diskursiver sind, als so manche große Zeitung. Letztlich geht es um die Vielfalt, die wir offensiv angehen sollten.

 
vorwärts.de: „Sie ziehen am Ende Ihres Buchs das Fazit, das Netz sei kein rechtsfreier Raum. Aber was es dort im Vergleich zur realen Welt gäbe, wären Freiheitsräume. Dazu zählen Sie auch die Sicherheit vor der totalen Erfassung, Stichwort „Bundestrojaner“. Wie sehen Sie das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit?
 
Björn Böhning: Das Netz war noch nie ein rechtsfreier Raum. Aber ich erwarte vom Rechtsstaat, dass er ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts akzeptiert und umsetzt. Und Bundestrojaner sind eben ein No go!

Das Interview führte Petra Tursky-Hartmann auf der Frankfurter Buchmesse.

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Channel: Internet  

Das Internet ist anders,

Bild von Christian Alexander Tietgen

Das Internet ist anders, aber nicht besser. Wo es einerseits die Möglichkeit zur Teilhabe bietet, bietet es im Umkehrschluss auch die Möglichkeit zur Hetze. Man muss immer das Medium nutzen, was gerade Hochkonjunktur hat, um die Menschen zu erreichen. Das kann allerdings schnell zur Abflachung führen, wenn man tagtäglich liefern muss. Ich glaube, dass das Internet neben den vielen Möglichkeiten, die es bietet, auch viele Möglichkeiten nimmt. Jeder kann einen finden, man kann rund um die Uhr angeschrieben werden, man kann sich keine Zeit mehr lassen. Es ist zwar eine gute Sache, dass man sich selbst einmischen kann, ich selbst schätze das sehr, aber man muss den richtigen Umgang mit seiner neugewonnenen politischen Macht auch erst lernen. Denn die Proteste gegen Stuttgart 21, Atomkraft, Guttenberg etc. legen den politischen Betrieb größtenteils lahm. Die Herrschenden treffen aus Angst vor dem Bürger keine Entscheidungen mehr, weil sie wissen, wie schnell das hinten losgeht. Aber die Grünen oder die Piraten, die nun plötzlich die politische Meinung bestimmen, haben im Gegensatz zu den ideologisch gefestigten Parteien wie SPD, Union, FDP oder Linke wenig Konkretes anzubieten, sind sie doch als Einthemenpartei entstanden. Und hier liegt das grundlegende Problem des neuen Mitmachinternets. Ein Politiker trägt Verantwortung, der Bürger nicht. Wenn nun aber die Bürger die politischen Entscheidungen treffen und Mist bauen, haften sie nicht dafür. In den meisten Fällen, wie bei Bürgerhaushalten, klappt das gut. Aber in Fällen, wo Menschen nur ihren Frust ablassen wollen und Politik gar nicht wirklich gestalten wollen, scheitert das Konzept "Diskutieren vor Handeln". Wenn die Piraten erst mal in der Regierung sind, werden sie merken, dass sie keine Ahnung von praktischer politischer Arbeit haben. Und die Menschen werden merken, dass sie ja doch nicht besser sind als alle anderen Politiker. Sicherlich ist eine Basta-Politik fragwürdig. Früher war es üblich, nur zu handeln und nicht zu diskutieren. Im Moment sehen wir aber das Gegenteil: Viel Diskussion, kein Handeln. Um wieder ein Gleichgewicht zwischen Diskutieren und Handeln zu finden, sollten die herrschenden Politiker sich die Sorgen der Bürger ernsthaft zu Gemüte führen und die Bürger im Gegenzug wieder auf sie vertrauen. Denn die Grünen oder die Piraten haben zwar die guten Ideen, an denen es anderswo mangelt, sie haben aber nicht die guten Leute, die Experten. Die sitzen anderswo, vor allem in der SPD oder FDP, aber auch in der Union. Die Grünen, die Piraten und zum Teil auch die Linke verkaufen sich dagegen über Emotionen. Deswegen machen sie sich nicht die Mühe, eine nachhaltige Agenda auszuarbeiten. Das müsste die Internetbewegung auch tun, da sie aber quasi anarchisch aufgebaut ist, wird ihr das nicht so schnell gelingen. Von daher ist es fatal, die Basisdemokratie zu sehr zu romantisieren. Die Internetnutzer sind auch nur Menschen, die ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen. Und da sie meist nicht die Bildung der Politiker haben, werden sie nicht immer zu weisen/uneigennützigen Entscheidungen kommen. Basisdemokratie ist gut, um unproblematische Themen abzustimmen. Heikle Themen sollte dagegen eher der Realpolitik vorbehalten bleiben.

Herr Böhning vertritt die Interessen der jungen Internetnutzer. Diese Interessen sind aber sehr oberflächlich und bedenken noch zu wenig ethische und politikwissenschaftliche Fragen.

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