Rezension, Brigitta Eisenreich: „Celans Kreidestern“ Das Gedicht ist solidarisch

Suhrkamp Verlag
von Birgit Güll
Fast 10 Jahre verbindet Brigitta Eisenreich und Paul Celan eine Liebesbeziehung. Doch als der Dichter sich 1970 das Leben nimmt, erfährt sie es aus der Zeitung. Ihr Buch „Celans Kreidestern“ ist eine kleine literarische Sensation: Der persönliche Bericht einer Unbekannten und ein erhellender Kommentar zum Werk.

Gemeinsame Sprache

Paul Celan und Brigitta Eisenreich lernen sich 1952 in Paris kennen. Von Anfang an verbindet sie die gemeinsame Sprache: Deutsch, ihre Muttersprache, die Sprache der Mörder. Ihre Herkunft trennt sie. Paul Celan, der 1920 in Czernowitz geborene Jude, überlebt die Shoah in einem rumänischen Arbeitslager. Seine Eltern sterben in nationalsozialistischen Vernichtungslagern. Brigitta Eisenreich wächst, vergleichsweise behütet, im österreichischen Enns – unweit des Konzentrationslagers Mauthausen – auf.

Ihre Eltern waren zwar keine Nationalsozialisten, gehörten vielmehr zu der kleinen Gruppe „schweigende Gegner“, wie Brigitta Eisenreich schreibt. Doch die bereits kurz nach Kriegsende propagierte Geschichtslüge, Österreich sei ausschließlich Opfer Hitler-Deutschlands gewesen und die Rückwärtsgewandtheit des katholischen Provinzlebens stoßen sie ab. 1951 zieht die 23-Jährige nach Paris.

Ihr Bruder Herbert Eisenreich, ein heute fast vergessener Schriftsteller, macht Brigitta bei einem seiner Besuche in Frankreich mit Paul Celan bekannt. Der Lyriker ist zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet. Kaum jemand weiß von der Beziehung, die sich bald darauf entwickelt – Celans Frau, Gisèle Celan-Lestrange, ausgenommen. Verzweifelt vertraut sie sich ihrem Tagebuch an. Die Aufzeichnungen sind in Eisenreichs Buch erstmals veröffentlicht.

Erhellende Einblicke

In „Celans Kreidestern“ gibt eine bislang nahezu Unbekannte Einblick in das Leben des Dichters. Sie weist auf Spuren der Verbindung in seinem Werk hin, auf gemeinsam Erlebtes, eigene Wortschöpfungen oder Privatsprache, die Celan in seine Lyrik aufgenommen hat. So eröffnet Eisenreich neue Blickwinkel auf das komplexe Werk.

Uneitel erzählt sie von den Jahren „am Rande seines Lebens“, die sie „gleichzeitig sehr nahe und sehr weit von ihm entfernt“ verbrachte. Celan besucht die junge Frau in unregelmäßigen Abständen. Trifft er sie nicht an, zeichnet er einen Kreidestern auf die Schiefertafel vor ihrem Zimmer. Ein Zeichen, dass er ihr bisweilen als Widmung in seine Bücher schreibt.

Gedichte gegen Goebbels und Goll

Brigitta Eisenreich, die Anthropologin, schreibt auch eigene Gedichte. Sie zeigt sie Celan, der ist nicht unbeeindruckt. In dem Buch liegen einige davon erstmals gedruckt vor. Auch der kurze Briefwechsel zwischen Paul Celan und Brigitta Eisenreich findet sich darin. Er dokumentiert in erster Linie das langsame Zerbrechen der Beziehung.

Paul Celans Lage wird prekär, als die Plagiatsvorwürfe der Witwe Iwan Golls sich 1960 zur öffentlichen Affäre auswachsen. Er sieht sich mit antisemitischen Angriffen konfrontiert, sieht seine Existenz als Dichter und als Jude in Frage gestellt. „Das Gedicht, so fragil es sein mag, es ist, was es heute kaum mehr gibt: es ist solidarisch. ... Es steht mit Dir gegen die Infamie. Es steht gegen Goebbels und Goll“, so Celan in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises.

An Brigitta Eisenreich appelliert er verzweifelt: „Verjude doch!“. Sie hört den Ausdruck, der aufs Engste verknüpft ist mit der faschistischen Diktatur, als Schuldzuweisung. Die junge Frau kann nicht begreifen, was die heute 82-Jährige versteht: Celan meint „verjuden“ als Umkehrung von Hitlers Vernichtung. „Man kann zum Juden werden, wie man zum Menschen werden kann; man kann verjuden und ich möchte, aus Erfahrung, hinzufügen: auf deutsch heute wohl am besten.“

Dichten nach Auschwitz

Paul Celan hat Dichten nach Auschwitz möglich gemacht. Doch er kann sich selbst nicht retten. Sein psychischer Zustand verschlechtert sich im Verlauf der „Goll-Affäre“ zusehends. „Seiner Trost-Losigkeit war ich, war vielleicht niemand gewachsen“, schreibt Eisenreich. Zum Jahreswechsel 1962/63 ist Celan erstmals in einer psychiatrischen Klinik. Brigitta Eisenreich erzählt er davon nichts. Die beiden gehen bereits getrennte Wege als sie sich Anfang 1963 endgültig voneinander verabschieden. 1969 sieht sie Paul Celan ein letztes Mal. Im April 1970 nimmt er sich das Leben. Eisenreich erfährt es Monate später aus der Zeitung.

Jetzt hat sie sich entschlossen, ihre „Gedächtnisbrocken“ aufzuschreiben. Sie berichtet sachlich, mit der Distanz vieler Jahre, gibt Privates preis, nicht Intimes. Gestützt auf ein Notizbuch, auf Briefe, Widmungen, Gedichte und Erinnerungen erzählt sie von ihrer Beziehung zu dem Ausnahmedichter. Ein eindrucksvolles Zeugnis aus nächster Nähe. Genau wie die kürzlich erschienen Briefwechsel, die der Dichter mit Ingeborg Bachmann und Klaus Demus führte, wirft auch dieses Buch Licht auf Paul Celan und sein Werk.

Brigitta Eisenreich: „Celans Kreidestern. Ein Bericht“ unter Mitwirkung von Bertrand Badiou, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2010, 266 Seiten, 22,80 Euro, ISBN 978-3-518-42147-5

 

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