Das besondere Lexikon

von Dorle Gelbhaar
Erhard Eppler erklärt die Welt: von A wie „artfremd“ bis W wie „wertkonservativ“. In seinem kleinen Wörterbuch zum öffentlichen Sprachgebrauch schaut er Politikern aufs Maul. Er wendet deren Begriffe und verfolgt, wie diese sich wandeln. Es ist ein Vergnügen, ihm zu folgen und ganz nebenbei über die wesentlichen Dinge in Politik und Gesellschaft aufgeklärt zu werden – und das auch noch mit bildungsbürgerlich und historisch fundiertem Tiefgang.

Erhard Eppler prägte, moderierte und kommentierte Politik über Jahrzehnte hin so, dass er selbst als wandelndes Lexikon politischer Kultur in Deutschland gelten könnte. Folgerichtig hat er nun ein kleines Nachschlagewerk veröffentlicht. Darin ist zu erfahren, was es mit den öffentlich verwendeten Begriffen auf sich hat. Ganz locker entlarvt er dabei so manchen scheinbar plausiblen Vorschlag als Windei: die Lohn- und Einkommenssteuererklärung auf dem Bierdeckel oder Bildung als Humankapital. Er spürt der Geschichte von Begriffen nach, und überprüft ihre heutige Verwendung, z.B. im Kapitel „artfremd“ und er zeigt, wie Politiker sich hinter Begriffen verstecken, z.B. der „Maßnahme“.

Vor der Lektüre dieses hochinteressanten Büchleins des SPD-Granden lohnt es sich, kurz zu überschlagen, was alles Epplers Leben prägte. In Auseinandersetzung mit diesem Prägenden, ob überwunden oder erkämpft, ist schließlich seine Sicht auf das Gewordene und Werdende entstanden.

Biografisches
Erhard Eppler, 1926 geboren in Ulm, 1943 bis 1945 Soldat, 17-jährig NSDAP-Mitglied, dann Lehramtsstudent für Englisch, Deutsch und Geschichte, Doktor phil. Das Thema: „Der Aufbegehrende und Verzweifelnde als Heldenfigur in der Elisabethanischen Tragödie“. Eppler war Gynmnasial-Lehrer, nach vorheriger GVP (Gesamtdeutsche Volkspartei)-Zugehörigkeit seit 1956 SPD-Mitglied, fast zwei Jahrzehnte lang Mitglied des SPD-Bundesvorstandes, SPD-Präsidiumsmitglied, 1973 bis 1992, Vorsitzender der Grundwertekommission, Landesvorsitzender der SPD in Baden-Württemberg 1973 bis 1981, 1968 bis 1974 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit in den Kabinetten Kiesinger, Brandt und Schmidt, 1981 bis 1983, 1989 bis 1991 Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages – Erhard Eppler hat ein bewegtes und bewegendes Leben hinter sich, in dem er Deutschland und die SPD wesentlich mitprägte.

Schriftliches
Auch seine Schriften griffen stets in das politische Leben Deutschlands ein, beschäftigten sich mit der „Machbarkeit des Notwendigen“ und schon 1983 mit der als tödlich benannten „Utopie der Sicherheit“, 1990 mit der „Plattform für eine neue Mehrheit“ und 2000 mit der „Privatisierung der politischen Moral“. „Erfahrungen aus 50 Jahren Politik“ verarbeitete er 2001 und verfasste 2002 seine Schrift „Vom Gewaltmonopol zum Gewaltmarkt“.
2006 erhielt er für sein 2005 erschienenes Buch „Auslaufmodell Staat?“  den Preis „Das politische Buch 2006“ der Friedrich-Ebert-Stiftung. Texte über den „Gott des Wettbewerbs“ 2007, „Eine Partei für das zweite Jahrzehnt“ 2008 und über das Geld („Reden wir über das Geld“) 2009 folgten.

Bedenkliches
Das jetzt publizierte kritisch-politische Wörterbuch startet mit dem Wort „artfremd“. Eppler zitiert einen Journalisten der „Süddeutschen Zeitung“, der über „artfremde waghalsige Spekulationen“ schreibt, „die weltweit größte Versicherung AIG“, sei dadurch „in den Abgrund gestürzt“. Eppler konzediert: Da AIG eine amerikanische Gesellschaft sei, könne das betreffende Wort kaum im Nazi-Sinne „undeutsch“ oder „rassisch rein“ verwendet worden sein. Der Autor suggeriert mit dem Wort, so Eppler, etwas anderes: „Der Maßstab, das Richtige, Makellose ist nicht das ‚deutsche Wesen’, an dem einst ‚die Welt genesen’ sollte sondern der Kapitalismus, auch der Turbokapitalismus, den wir in den letzten zwei Jahrzehnten erlebt, erlitten, gefeiert oder verflucht haben. Dem war ‚waghalsige Spekulation ganz und gar fremd, artfremd.“ Wenn dem so sei, argumentiert Eppler weiter, müssten dem Autor zufolge, „wir nun dafür sorgen, dass es keine waghalsigen, artfremden Spekulationen mehr gibt, vor allem aber dass die zu Unrecht gescholtenen Banker ihre segensreiche Tätigkeit fortsetzen können. Dass im Übrigen alles so bleibt wie es ist. Das alles steckt in dem Nazi-Wort ‚artfremd’, dass man in der SÜDDEUTSCHEN  dreimal lesen muss, ehe man es glaubt“.

Begriffe haben ihre Tücken und können – ohne dass es an der Oberfläche sichtbar ist – kritisches, Zusammenhänge suchendes Denken erschweren. Ihren historischen Gebrauch mit zu bedenken, kann helfen, nicht über solche Klippen zu stürzen. Eppler kann darin gefolgt werden, dass über die Sprache der Nazis zwar alles gesagt sei, man aber genau hinzuschauen solle, wenn solche Worte wieder auftauchen.

Bilanziertes
Erhard Eppler verfolgt, wie Wörter sich wandeln: Das, was sich als selbstverständlich eingebürgert hat, hinterfragt er. Dabei kommt manch Unsinniges zum Vorschein. Etwa, wenn das der ökonomischen Sphäre angehörende Wort „Bilanz“ im politischen Gebrauch plötzlich vom Synonym für „Rechnungsabschluss“, dem „Abwägen von Einnahmen und Ausgaben“ zum bloßen Benennen von Erfolgen eigener Politik, von „politischen Einnahmen“ also, verkommt.

Unter der Überschrift „Bierdeckel“ setzt sich der Autor mit der Meinung des CDU-Politikers Friedrich Merz auseinander, unser Steuersystem müsse so vereinfacht werden, dass es auf einen Bierdeckel passe. Eppler weist darauf hin, dass die Kompliziertheit des Systems plausible Gründe hat. Man habe dem differenzierten sozialen Alltag zu entsprechen versucht.

Marktradikalismus versus soziale Gerechtigkeit: Eppler geht es in allen Passagen dieses Buches darum, zu zeigen, was den demokratischen Diskurs in unserer Gesellschaft behindert. Ein gedankenloser Umgang mit Sprache sei dabei symptomatisch, zeigt er.

So illustriert der Text selbst die darin getroffene Aussage, dass Bildung eben nicht nur ökonomisch notwendig ist, sondern ihren ganz eigenen uneingeschränkten Wert für den Menschen besitzt. Dieser Wert sollte nicht auf die wirtschaftliche Begründung reduziert werden. „Bei Bildung geht es um den ganzen Menschen, um Leib, Geist und Seele, um mathematische, sprachliche, musische, soziale, handwerkliche Fähigkeiten, auch um politische Mündigkeit, nicht um die Abrichtung auf eine bestimmte Tätigkeit.“ Zwar sieht auch Eppler, dass Deutschland und Europa in einer globalisieren Welt mithalten können müssen. „Aber vielleicht wird uns dies gerade dann misslingen, wenn wir Bildung zur ‚Investition in Humankapital’ degradieren“, lautet sein Fazit. Zu ökonomisch zu denken kann unökonomisch sein. Das steht so nicht im Lexikon. Aber es wäre daraus abzuleiten.

Erhard Eppler schwimmt gegen den Strom eindimensionalen, unkritischen Denkens. Von Abschnitt zu Abschnitt lässt er den Leser ganz nebenbei dessen geschichtliches und aktuell-politisches Wissen vertiefen. Für jedermann  sehr zu empfehlen!

Dorle Gelbhaar


 

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Erhard Eppler „Der Politik aufs Maul geschaut. Kleines Wörterbuch zum öffentlichen Sprachgebrauch“, Verlag J. H. W. Dietz Nachf GmbH, Bonn 2009, 193 Seiten, 14,80 Euro, ISBN 978-3-8012-0397-9

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AutorIn: Dorle Gelbhaar  

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