Bis auf die Grundmauern wurde in der Nacht zum 23. Januar das „Haus der Demokratie“ niedergebrannt. In der ehemaligen Baracke aus DDR-Zeiten führte die „Initiative „Zossen zeigt Gesicht“ Projekte gegen die rechtsradikalen Machenschaften durch und zeigte eine Ausstellung über das ehemalige jüdische Leben in der Stadt. Nach dem Brandanschlag telefoniert Klaus Staeck mit dem Gründer und Sprecher der Initiative Jörg Wanke (43) und bietet seine Unterstützung an.
Ein Akt der Solidarität
Und so finden sich am 26. Mai in der Berliner Akademie der Künste rund sechshundert Gäste zum 34. Akademiegespräch ein. Thema: „Brennpunkt Zossen – Demokratie verteidigen!“. Die Veranstalter, neben der Akademie der DGB, der Verein Gesicht zeigen! e.V., der „blick nach rechts“ und der Berliner Ratschlag für Demokratie haben ein beeindruckendes Programm aus Lesungen, Berichten, Filmen und Musik zusammengestellt. Uwe-Karsten Heye, vorwärts-Chefredakteur und Sprecher vom Verein Gesicht zeigen! führt durch den Abend. Das hier sei ein Akt der Solidarität mit denjenigen, die sich gegen Nazis und Alltagsrassismus stellen.
Die alte Grande Dame des Deutschen Theaters Inge Keller liest zur Einführung beeindruckend eindringlich einen Text von Stefan Berg aus dem „Spiegel“ über die Neonaziszene. Jörg Wanke, in Begleitung von sechzig Mitstreitern mit dem Bus angereist, schildert die Gründung und die Arbeit der Initiative „Zossen zeigt Gesicht.“ Als Neonazis 2008 eine Gedenkkundgebung für Zossener Juden grölend störten, war für den Versicherungsmakler das Maß voll. „Damit wollte ich mich nicht mehr einfach abfinden, also haben wir die Initiative gegründet.“ Ob sich sein Leben verändert habe? Ziemlich tiefgreifend, wie er meint. „Vorher war doch die Vorstandssitzung im Sportverein schon die höchste gesellschaftspolitische Betätigung für mich.“ Ja, er habe Morddrohungen erhalten, sein Büro sei mit Parolen beschmiert worden. Und natürlich habe seine Familie auch Angst. Aber er habe auch viele neue Freunde durch die Initiative gewonnen. „Und wir haben auch viel Spaß miteinander, es wird viel gelacht.“
„Lust auf Demokratie machen“
Klaus Staeck greift eine Formulierung von Erardo Rautenberg, Generalstaatsanwalt in Brandenburg auf: Fest der Demokratie. „Ein wunderbares Wort, wir sollten Feste der Demokratie feiern. Wir müssen Lust auf Demokratie machen.“ Er gehöre, so erklärt er, „zu den verrückten Leuten, die die Politik verteidigen. Wenn wir die Politik allein für alles verantwortlich machen, dann haben wir schon die Demokratie verloren.“
Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer schildert Angriffe von Neonazis auf Gewerkschafter, in Thüringen, in Dortmund, in Franken. Rechtsradikalismus sei eben kein auf den Osten beschränktes Phänomen, und er räumt ungewöhnlich offen ein, auch unter den gewerkschaftlich organisierten Kollegen gebe es Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Dennoch stehe der Kampf gegen Rechts für den DGB ganz oben auf der Agenda.
Ein kabarettistischer Parforceritt
Der Regisseur Michael Verhoeven führt Ausschnitte aus seinem Dokumentarfilm „Der unbekannte Soldat“ vor, die die Nazidemo gegen die Wehrmachtsausstellung in München zeigen. Anschließend liest die wunderbare Schauspielerin Iris Berben eine Passage aus dem Roman „Manja“ von Anna Gmeyner, der 1938 im Exilverlag Querido erschienen ist und das Schicksal von fünf Kindern in der Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus beklemmend schildert.
Zum Abschluss dokumentiert der inzwischen über 80-jährige Dieter Hildebrandt in einem unglaublichen Parforceritt durch die aktuelle politische und gesellschaftliche Szene, dass sein kabarettistischer Witz und seine Schärfe sich noch keineswegs in Altersmilde aufgelöst haben. Roland Koch, Guido Westerwelle oder die „Mutti Dolorosa“ Merkel – Hildebrandt ist in Hochform und schont auch die Sozis nicht, als er Olaf Scholz zitiert, das schlechte Wahlergebnis habe an einer unzureichenden „Verkaufe“ gelegen. Einige redeten jetzt auch noch von der „Denke“, so Hildebrandt, das habe bei ihm erst einmal zu einer „Stutze“ geführt. Sein Fazit: Wer so eine „Spreche“ benutze, müsse sich nicht wundern, wenn er so eine schlechte „Wähle“ bekomme. Mit stehenden Ovationen bedankte sich das Publikum beim Altmeister des politischen Kabaretts.
Für das neue „Haus der Demokratie“ fehlen der Initiative noch rund eine viertel Million Euro. In der Akademie kommen an diesem Abend immerhin rund 5.500 Euro an Spenden zusammen. Ein Anfang ist gemacht.
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