Der Rezensent ist Hochschullehrer und beschäftigt sich selbst u.a. mit Fragen der Bildung im Wohlfahrtsstaat, was zweifelsohne einen gewissen Bias impliziert. Ganz ähnlich sieht es mit den rund 20 Autoren dieses Bandes aus. Sie sind ebenfalls Betroffene und junge Wissenschaftler - methodisch gesehen also beobachtende Teilnehmer. Doch wird dann aus der Not eine Tugend, wenn man die Perspektiven und Themen breit hält und verschiedenartige Positionen zu lässt. Insofern bildet der Band ein interessantes Dokument breiter Selbstreflexion, Kritik und Gestaltungsoptionen.
Nach Bologna hat sich die akademische Welt grundlegend verändert; die Hochschulen sind internationalisiert - aber längst nicht vereinheitlicht. Was sich in analytischer Hinsicht als bemerkenswertes Beharrungsvermögen der etablierten Politikpfade interpretieren läßt (vgl. den Beitrag von Ch. Förster; zum Bologna-Prozess s. Berg/Dahm) erweist sich im Lichte der praktischen Studierbarkeit (vgl. E. Fuchslocher) jedoch als Problem. Die zeitliche (Über-) Beanspruchung gerät ebenfalls in Konkurrenz zu anderen wichtigen Aktivitäten der Studierenden (vgl. Reschke/Wenzlaff) oder das neue Punkte- und Studiensystem wird zur schweren Hürde auf dem Weg zum Auslandssemester (vgl. Zeller). Offensichtlich steckt hier die Tücke im Detail, zu viel ist einerseits überreguliert und andererseits nicht ausreichend standardisiert.
Solche Ergebnisse sind freilich nicht zwingend aus dem derzeit so viel geschmähten BA/MA-System abzuleiten; viele Fehler sind eher unintendierte Nebenfolgen komplexer Politikprozesse, die aus er Interaktion verschiedener Organisationen und ihrer Interessen entstehen. Dies wird am deutschen Fall überaus gut nachvollziehbar: Bei der Implementation des Bologna-Prozesses treffen Status- und Interessenpolitiken (auch manchmal von immer noch existenten Ordinarien) auf die institutionellen Eigendynamiken von Ministerialverwaltungen und Entscheidungsträgern im föderalen und europäischen Mehrebenensystemen. Und hinzu kommen die Hochschulen, die als bürokratische, selbstverwaltete, ja gelegentlich semiautoritäre Mischorganisationen an der Umsetzung der Reformmaßnahmen beteiligt sind. Der Markt bzw. der Wettbewerb fungiert dann als Beschleuniger, allerdings sachlich und normativ eher blind. Daher tauchen sowohl schlechte Qualitäten zu hohen Preisen (konkret: überfüllte Seminare trotz Studiengebühren, s. dazu F. Hildebrandt) und Gerechtigkeitslücken (wieder konkret: mangelnde Berücksichtigung von Durchlässigkeit, Genderaspekten usw.; s. dazu J. Zado, Schwetasch/Reiß) auf.
Die Verlockungen der Exzellenz (s. A. Neundorf) verstärken diese Tendenzen, und wie bei jedem Wettbewerb kommt es auch bei den Hochschulen zu Gewinnern und Verlierern. Entscheidend ist aber, dass sich angesichts der miserablen Ressourcenausstattung der deutschen Universitäten am "Run for Money" kaum etwas ändern lässt, ungeachtet der prekären Folgen für Studium und Lehre oder für die soziale Lage der Studierenden. Die Gräben und Löcher, die dadurch entstehen, widersprechen den Heilsversprechungen der reinen Marktlehren und belegen den Bedarf an politischer Steuerung und Gestaltung auf allen Ebenen. Die mehrfachen Selektivitäten - zwischen exzellenten und mittelmäßigen Hochschulen, Elitestudiengängen und Massenfächern, armen und reichen Elternhäusern usw. - sind nicht immer rational nachvollziehbar und gesellschaftspolitisch vertretbar. Und sie sind im Grunde ineffizient, denn der Wettbewerb fordert nicht nur Opfer, sondern auch Ressourcen, um daran teilnehmen zu können. Insofern verbindet sich mit der Malaise der deutschen Hochschulen gleich ein doppeltes Umverteilungsdefizit - sowohl was die mangelnde Ausstattung des Systems insgesamt angeht, als auch innerhalb des Systems, denn die Gefahr besteht, dass die Exzellenzuniversitäten nachhaltig privilegiert werden, was zwar deren internationale Reputation erhöht, aber deren nationale politische, soziale und ökonomische Funktion erodieren lässt.
Dazu zählen eben auch die Chance zum sozialen Aufstieg und der soziale Ausgleich im Modell Deutschland. Wie heißt es an einer Stelle: "Der Anspruch, Chancengleichheit in Deutschland unabhängig von den sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen der Studierenden zu realisieren, konnte bislang nicht eingelöst werden. Ob er in einer wettbewerblich organisierten Hochschullandschaft eher eingelöst werden kann, erscheint mehr als ungewiss. Sicher ist nur, dass die Dramatik der derzeitigen Situation keinerlei Rückschritte und Experimente zu Lasten der sozialen Situation der Studierenden mehr erlaubt.“ (Dahm, S.188.)
Und trotz aller Kritik ist aber zugleich eine gewisse Offenheit für Reformen spürbar; denn auch die alte Hochschule war vor Bologna keine heile Welt. Man darf das Kind eben nicht mit dem Bade ausschütten, weder in der einen wie der anderen Form. So gilt es etwa neue Steuerungsinstrumente vorsichtig auf die Bedingungen der Hochschule anzupassen, denn: „Zeitgemäß organisiert ist die Hochschule nämlich genau dann, wenn es ihr gelingt, Autonomie und gesellschaftliche Verankerung ebenso zu verbinden wie eine demokratische Struktur und vielfältige Partizipationsmöglichkeiten mit Effizienz und Effektivität.“ (Ch. Haberecht, S.43.)
Weitere Details kann man in den Beiträgen nachlesen - manchmal mit großer Zustimmung, manchmal mit Skepsis, aber immer fair im Argument und voller sachlich relevanter Informationen.





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