Der blanke Neid könnte einen packen angesichts so vielen Familien- und sonstigen Idylls. Anfangs jedenfalls. Später geht es dem Leser wie Ehemann Ahmet: Wer zu nahe herankommt, sieht auch das Unebene. Wie die Cellulitis der Bauchtänzerin offenbart sich Ahmet das Allzumenschliche im Politikbetrieb. Der Besuch im Bundestag raubt ihm die schöne Illusion von der Harmonie in der Sozialdemokratie.
Lale Akgün erzählt vom Alltag einer deutschen Familie „mit türkischem Migrationshintergrund“. Einer besonderen freilich, denn diese hat plötzlich eine frisch in den Bundestag einziehende SPD-Abgeordnete in ihrer Mitte. Das eröffnet eine ganz neue Perspektive, obwohl sich an der politischen Ausrichtung der Familie rein gar nichts ändert.
Traditionell Linkes
Der in die Familie einheiratende „Bio-Deutsche“, Alfred, gehört der CDU an. Die Witzeleien der neuen Familienangehörigen, die darauf anspielen, erwidert er mit der Bemerkung, eigentlich müssten sie alle als Angehörige der Mittelschicht doch eher zu den Konservativen zählen. Und ist sichtlich überrascht, als er erfährt, dass in der Türkei eher die Unterschicht konservativ sei.
Als einziger „Schwarzer“ in der Familie zeigt er sich erstaunlich anpassungsfähig. Das liegt zweifellos daran, dass ihm seine neue Familie gefällt und er keine politischen Scheuklappen trägt.Außerdem weiß er um die Mühen des Politikeralltags, auch wenn seine Erfahrungen nur regionaler Art sind. Frisch Gewählte sind oft mit Erwartungen konfrontiert, die sie beim besten Willen nicht erfüllen können. Auch Lale wird Lebenshilfe geben sollen, wie sie ihrer Funktion nicht ansteht. Obwohl oder vielleicht auch gerade weil sie Psychologin von Beruf ist. Den weggelaufenen Ehemann kann sie der schon verprellten potenziellen Wählerin nicht zurückbringen.
Allzumenschliches
Alfreds im Politikbetrieb erworbenen Kenntnisse, die die frisch gebackene Bundestagsabgeordnete Lale zunächst gern auf den CDU-Bereich reduzieren möchte, treffen also manches Mal ins Schwarze. Menschliche Schwächen gibt es nunmal auf allen Seiten, auch bei den „Roten“.
Zum Glück ist in diesem Kreis niemand geneigt, das vertuschen zu wollen. Ich-Erzählerin Lale plaudert munter über die Merkwürdigkeiten, denen sie im Fraktionsalltag begegnet, von der Bitte älterer Genossen, ihnen vom Urlaub in der Türkei Viagra mitzubringen bis hin zum ethnischen Schubladendenken, dem sie sich ausgesetzt sieht. Da gibt es doch wirklich Fraktionskollegen, die sich wundern, dass ihr Mann sie so ganz alleine und ohne Kopftuch in die Hauptstadt gehen lässt! Die studierte Psychologien hat damit kein Problem und ihre witzig-schlagfertigen Antworten beleben die Atmosphäre im Bundestag.
Klischeehaftes
Ihre aus Köln angereiste Familie wirft ebenfalls manche Klischees über den Haufen. Kopftuchtante Semra hat Angst, die politische Karriere ihrer Nichte zu beeinträchtigen, muss sich aber von dieser belehren lassen: Das ganze Gegenteil wäre der Fall. So werde sie, die Nichte, den Stempel der „Kopftuchhasserin“ endlich los.
Bei der Gelegenheit erfährt der Leser auch etwas über den Unterschied zwischen „säkular“ und „laizistisch“. Deutschland sei eben nicht laizistisch (den Einfluss von Religion auf das öffentliche Leben einschränkend oder ausschaltend) wie die Türkei, sondern säkular (weltlich). Toleranz auch gegenüber den Kopftuchträgerinnen sei angesagt, die Vermischung von Politik und Religion jedoch nicht zulässig.
Letzteres ist Lales Mutter, der Mathematikerin und zugleich Sachwalterin des gebündelten politischen Engagements der Familie, besonders wichtig. Sie empört sich regelrecht darüber, dass ihre Tochter zur Islam-Beauftragten ihrer Fraktion geworden ist. Eine solche Funktion erscheint ihr als unzulässige Vermischung von Politik und Religion. Außerdem: Wieso hat gerade ihre Tochter, die sich doch kaum mit solcher Art religiös geprägten Vereinen auskennt, solch eine Funktion? Die Tochter selbst sieht das gelassen.
Als diese nach sieben Jahren wieder aus dem Bundestag ausziehen muss, weil sie ihren Wahlkreis trotz allen Einsatzes verloren hat, hat nicht nur sie eine Menge an Erfahrung gewonnen. Auch die Familie hat dazugelernt.
Klischees lässt dieses Buch nicht bestehen, aber diejenigen, die ihnen anhängen, welchem Urgrund ihre Familien auch entstammen mögen, werden mit augenzwinkerndem Wohlwollen bedacht. Toleranz heißt das Programm.
Lale Akgün: „Der getürkte Reichstag. Tante Semras Sippe macht Politik“, Krüger Verlag, Frankfurt am Main 2010, 253 Seiten, 14,95 €, ISBN 978-3-8105-0121-9



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Um jeden Preis
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