SPD-Bildungskongress

Bildung: Wie die SPD mehr Chancen für alle schaffen will

Vera Rosigkeit26. Januar 2016
Vor der Bildungskonferenz besuchten SPD-Chef Sigmar Gabriel und Frankreichs Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem die Hans-Böckler-Schule in Berlin-Kreuzberg. Hier beim Einschlagen eines geschmiedeten Nagels.
Vor der Bildungskonferenz besuchten SPD-Chef Sigmar Gabriel und Frankreichs Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem die Hans-Böckler-Schule in Berlin-Kreuzberg. Hier beim Einschlagen eines geschmiedeten Nagels.
Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland sind die Bildungschancen ungleich verteilt. Das Kooperationsverbot muss weg, fordert Sigmar Gabriel auf einem Bildungskongress der SPD. Doch für eine bildungspolitische Wende braucht es mehr.

„Genies fallen nicht vom Himmel, sondern müssen genügend Zeit zur Ausbildung haben.“ Mit diesem Zitat August Bebels begrüßt SPD-Chef Sigmar Gabriel am Montag die Anwesenden der Konferenz „Bildung. Chancen. Zukunft“ im Berliner Willy-Brandt-Haus.

Bildung garantiere, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und sei die Grundlage für Emanzipation und Teilhabe, so Gabriel. Auch deshalb dürfe Bildung nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Genau das tue sie aber. Besonders in Deutschland. In keinem anderen Land sei Bildung so stark abhängig von der sozialen Herkunft. Für Gabriel ist das eine Gerechtigkeitsfrage. „Wir brauchen eine bildungspolitische Wende“, fordert er und beschreibt mit Blick auf Asylsuchende und Flüchtlinge eine doppelte Herausforderung: „Wir müssen die integrieren, die kommen und die beieinanderhalten, die da sind“.

Gabriel: Kooperationsverbot abschaffen

Nichts sei sinnvoller, als in Bildung zu investieren, erklärt Gabriel und verweist auf die Zuwanderung von ungefähr 300.000 schulpflichtigen Kindern im vergangenen Jahr. Um sie in Schulen zu integrieren, bräuchte es alleine 20.000 zusätzliche Lehrer. Um diese Aufgabe zu stemmen, „müssen wir alle zusammenarbeiten und das irre Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern abschaffen“. Es müsse möglich sein, dass der Bund gebührenfreie Kitas ebenso wie Ganztagsschulen finanziell unterstützen kann, sagt Gabriel.

Frankreichs Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem kennt dieses Problem nicht. Bildung wird in Frankreich auf nationaler Ebene geregelt und als Ministerin ist sie für alle Schulen zuständig. Doch ein anderes Problem ist ihr bekannt. Obwohl in Frankreich alle Kinder bis zum Alter von 16 Jahren die gleichen Schulen besuchen und somit formal die gleichen Chancen hätten, gebe es gravierende Ungleichheiten, sagt Vallaud-Belkacem. „Ungleichheit ist Ungerechtigkeit", fügt sie hinzu, denn wirtschaftliche und soziale Unterscheide würden verstärkt. Wäre Schule ein Wettlauf, erklärt sie, würden einige bei 50 Metern, andere bei 100 Metern starten. Ihre Schlussfolgerung: „Es gibt keine Chancengleichheit, denn die Voraussetzungen sind nicht dieselben.“

Vallaud-Belkacem: Mehr Geld für Schulen in benachteiligten Gebieten

Die Bildungsministerin hat sich zum Ziel gesetzt, gegen soziale Ausgrenzung zu kämpfen. Denn soziale Trennung bedeute, dass man sich zurückziehe, sagt sie. Ihre politische Lösung lautet Umverteilen: Schulen in sozial benachteiligten Gebieten müssten mit mehr Personal und mehr finanziellen Mitteln ausgestattet werden, um sie attraktiver zu machen. Um die „soziale Segregation“ zu entschärfen, könne man auch die Einzugsgebiete verändern oder in schwierigen Schulen besondere Fächer anbieten, erklärt sie.

Mit nicht weniger als dem Ziel, den „Zugang zur Elite zu demokratisieren,“ hat Vallaud-Belkacem im Januar den „Exzellenz-Parcours“ ins Leben gerufen. In 350 Schulen in besonders benachteiligten Gebieten werden ab September 2016 Schüler der neunten Klasse durch Tutoren von Universitäten und Unternehmen unterstützt, um sie für ein Hochschulstudium zu interessieren. Für Vallaud-Belkacem ein Kampf gegen „soziale Vorbestimmung“.

Müller: Duale Ausbildung stärken

Es sind der Regierende Bürgermeister Berlins, Michael Müller, und der Vorsitzende des Vorstandes der Deutschen Bahn AG, Rüdiger Grube, die sich in der  anschließenden Diskussion für die Berufliche Bildung als Alternative zur akademischen Ausbildung stark machen. Die duale Ausbildung in Deutschland sei beispielhaft, so Grube. Er berichtet vom Berufsvorbereitungsprogramm „Chance plus“ der Deutschen Bahn AG, in dem jährlich bis zu 4000 Jugendliche ausgebildet werden, darunter auch Schüler ohne Hauptschulabschluss. Müller bestätigt, dass die duale Ausbildung keine Einbahnstraße sei. Gemeinsam mit Gabriel sind sie sich einig, dass eine Lehre gleichberechtigt mit dem Studium bewertet werden müsse.

Müller geht noch einen Schritt weiter. Er wirbt für ein freiwilliges, industrielles Jahr und für ein duales Abitur. Gleichzeitig räumt er Versäumnisse in der Bildungspolitik ein. Zu spät sei man in die Gebührenfreiheit eingestiegen, sagt er. Die Erkenntnis, dass die frühe individuelle Förderung ein Schlüssel für mehr Chancengleichheit sei, habe spät eingesetzt, betont auch der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Hubertus Heil, und erinnert an die ideologischen Grabenkämpfe mit der Union.

Katharina Spieß, Leiterin der Abteilung Bildung und Familie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kritisiert, dass die frühe Bildung in Deutschland unterfinanziert sei. Sie betont, dass eine gute Ausbildung nicht nur Garant für ein geringeres Arbeitslosenrisiko sei, sondern auch für mehr Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt stehe. Auch deshalb fordert die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Marlis Tepe, nicht nur mehr Qualität in den Kitas und Schulen, sondern auch mehr Geld für Integrationskurse. Gleichzeitig setzt sie sich dafür ein, die Politische Bildung als Unterrichtsfach aufzuwerten, auch als Kampf „gegen Rechts“.

Es sei wichtig, dass die bildungspolitische Wende alle erreiche, ist Gabriel schon zu Beginn der Veranstaltung überzeugt. Er warnt vor einem gefährlichen Satz, der sich zur Zeit in die Mitte der Gesellschaft hineinbewege: „Für die tut ihr alles und für uns tut ihr nichts.“ Auch wenn der Satz nicht stimme, baue die AfD darauf ihre „Anti-Flüchtlingsbewegung“ auf, erklärt Gabriel und fügt hinzu:. „Wir müssen zeigen, dass wir in Deutschland alle im Blick haben“.

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