Familien- und Erwerbsarbeitsmodelle wandeln sich. Nicht nur der so genannte Alleinernährer ist überholt, auch eine gerechtere Verteilung von Familien- und Hausarbeit steht, allerdings nicht erst seit gestern, auf dem gesellschaftspolitischen Tapet. Auch für Väter ist die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie durchaus ein Thema.
Sorgende Väter
Ja, es gibt sie: erziehende, aktive Väter, die sich bewusst für Kinder entscheiden und Verantwortung übernehmen. Für sie ist es nicht selbstverständlich, dass die Frau ihnen den Rücken stärkt und dafür auf eine berufliche Karriere verzichtet. Für Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen, ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf selbstverständlich ein Problem, dass auch Männer betrifft. Er selbst hat die zwei gesetzlich möglichen Vätermonate genutzt, in denen er zu Hause blieb, um sich um sein Kind zu kümmern. Als "anwesender Vater" stünde man aber immer vor dem Vereinbarkeitsproblem. Die deutsche Gesellschaft sei nicht wirklich Kinder- oder Familienfreundlich. Bestimmte Formen der Arbeit sind für Eltern schlicht nicht möglich: "Telefonkonferenzen um 22 Uhr in der Nacht sind dann natürlich Tabu, im Alltagsgeschäft natürlich durchaus normal", erläutert er. In der jetzigen Generation von Männern wird die Frage nach Vereinbarkeit seiner Meinung nach gestellt. Allerdings ist es ein verschwindend geringer Teil von Männern, der die Vätermonate in Anspruch nimmt.
Geschlechternormen als Frage der Kultur?
Wie seine Einstellung von der muslimischen Community aufgenommen wurde, die als besonders traditionell hinsichtlich der Rollen in der Familie gilt, fragt Ulrike Detmers, Mitglied der Geschäftsführung der Mestermacher-Gruppe. Özdemir schildert, dass er, als er die Vätermonate genommen hat, zahlreiche Anrufe von türkischen Journalisten bekam. Dass ein Mann in einer solchen politischen Funktion aktiv ein eben nicht traditionelles Rollenverständnis lebt, wurde sehr positiv aufgenommen. Außerdem sieht er die Emanzipation der Frau im Vergleich Türkei mit Deutschland zeitversetzt, aber in Bewegung.
Die Publizistin Bascha Mika sagt, dass im Vergleich zu anderen Ländern Deutschland "auch noch im Mittelalter ist". Es sei "ja immer leichter, auf andere zu schauen". Wagt man aber einen Blick nach Skandinavien, schneidet Deutschland auch nicht sehr gut ab. In Schweden sind die "Papamonate" mit einem 13-monatigen Anspruch auf Elterngeld beispielsweise schon in den 70er Jahren eingeführt worden. Ziel war es damals, Männer für Sorgearbeit zu sensibilisieren.
"Letztendlich meint es die Politik da in Deutschland nicht ganz so ernst", so Mika. Nach 40 Jahren zweite Frauenbewegung seien zwei Vätermonate in Deutschland nicht gerade rühmlich. Bei der Abschaffung des Ehegattensplitting, der Forderung "Mehr Frauen in Führungspositionen" oder sinnvolle Zeitarbeitsmodelle, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleisten, hat sich auch die rot-grüne Regierung nicht mit Ruhm bekleckert.
Kinderbetreuung
Die Arbeitswelt ändere sich und der demographische Wandel sowie der damit verbundene Fachkräftemangel würden ihren Tribut fordern, so Dagmar Ziegler, stellvertretende Vorsitzende der SPD Bundestagsfraktion. Gut ausgebildete Frauen würden über kurz oder lang gebraucht. Özdemir merkt an, dass die Kinderbetreuung sinnvoll auszubauen sei sowie die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern und die Finanzierung durch Kommunen diskutiert werden müsse. "Es soll bis 2013 zwar einen Rechtsanspruch auf Krippenplätze geben, auf der anderen Seite nehmen wir den Kommunen, die für den Ausbau zuständig sind, das Geld weg", erläutert er weiter. Das sei ein gravierendes Problem.
Wandel der Einstellungen – Stärkung von Frauen
Ob zwei Vätermonate auf freiwilliger Basis die Einstellung von Männern zur Sorgearbeit ändern, bleibt abzuwarten. Laut Detmers sei es aber notwendig alternative Lebensmodelle in die Gesellschaft zu transferieren. Dazu gehört nicht nur ein "Einsehen" der Männer, oftmals seien es die Frauen selbst, die in alten Denkmustern aus Angst oder Bequemlichkeit verharren, so Mika. Frauen wie Männer sind in der Pflicht, wenn es um eine gerechte Aufteilung der Hausarbeit und Kindererziehung geht: "Alle Nach- aber natürlich auch Vorteile sollen geteilt werden", sagt sie. Letztendlich sei das "Private auch politisch", um an die politische feministische Forderung der 68er anzuschließen.
Aspekte der Sorge- und Erwerbsarbeit müssen auch in Bezug auf verschiedene Bevölkerungsschichten betrachtet werden. Mit dem Elterngeld beispielsweise seien eher Besserverdienende angesprochen worden, so Ziegler. Was ist aber mit den zahlreichen schlecht oder gar nicht ausgebildeten Frauen und Männern? Wie junge Frauen und Mütter gestärkt werden können, veranschaulicht sie an einem vom Europäischen Sozialfonds geförderten Projekt in Brandenburg, bei dem junge Mütter bei ihrer Ausbildung unterstützt wurden. Unabdingbar für eine gleichberechtigte Integration von Frauen in die Erwerbsarbeit sowie die Sensibilisierung der Männer für die Sorgearbeit seien zwar gesetzliche Rahmenbedingungen, aber auch role-models, die es vormachen.
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