Das Deutsche Kinderhilfswerk hilft Kindern in Deutschland. Als gemeinnütziger Spendenverein setzt es sich seit mehr als 35 Jahren für Kinderrechte, für Beteiligung und für die Überwindung von Kinderarmut in Deutschland ein. Es initiiert und unterstützt allem Maßnahmen und Projekte, die Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten von Kindern fördern.
Lesen Sie hierzu auch: Sozialistische Jugend Deutschlands- Die Falken: "Ach was, so alt ist sie schon, unsere Kleine?" Die UN-Kinderrechtskonvention hat Geburtstag! Am 20.11.2009 wird sie 20 Jahre alt.
Uwe-Karsten Heye: Wie steht es mit der Lebenswirklichkeit der Kinder in Deutschland?
Thomas Krüger: Wenn man nach der Lebenswelt der Kinder fragt, dann gibt es natürlich viele glückliche Kinder in Deutschland. Deutschland ist keine Bananenrepublik, aber man darf die Probleme auch nicht verschweigen.
Es gibt ein gravierendes Armutsproblem. Mittlerweile leben drei Millionen Kinder in Deutschland von ergänzenden Leistungen. Sie leben in Bedarfsgemeinschaften und sind Hartz-IV-Bezieher. Diese drei Millionen Kinder haben absolute Einschränkungen an den Segnungen und Reichtümern dieser Gesellschaft. Es fehlt das Geld, in einen Sportverein einzutreten, es fehlt das Geld fürs Schwimmbad und vieles mehr.
Die Armutsbekämpfung hat eigentlich bisher keine wirksamen Instrumente entwickelt. Alles, was ich an zusätzlichen Transfers monetärer Natur bereitstelle, wird ja sofort gestrichen und angerechnet auf Hartz IV. Das heißt, es gibt so etwas wie eine Armutsfalle und keine selbst gewählten Wege aus dieser Armutsfalle.
Um das zu bekämpfen, gehört auch dazu so etwas wie Scham darüber zu empfinden, dass so viele Kinder in der Armutsfalle landen.
Das Problem der Armut, das ja ein gesamtgesellschaftliches ist, ist bisher noch nicht in der Öffentlichkeit angekommen. Es wird verdrängt. Es wird marginalisiert. Jeder kennt wahrscheinlich arme Familien, Familien in Notsituationen, aber man lässt das Thema nicht an sich rankommen.
Nur da, wo Kinder miteinander spielen und lernen, schlägt das voll auf. Wenn ein Kind plötzlich nicht mehr bei der Klassenfahrt dabei ist, weil der relativ überschaubare Beitrag, der da abgefordert wird, von den Eltern schlicht nicht aufzubringen ist, dann gründen andere Eltern Elternvereine und versuchen Härtefälle abzufedern. Aber es gibt Regionen in Deutschland, wo für Kinder dieses zivilgesellschaftliche Netz nicht aufgespannt ist.
Deshalb muss man, was die Armutsbekämpfung betrifft, scharfe Schwerter schmieden. Man braucht Instrumente, um Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre Potenziale auszuschöpfen.
Bietet der Kinderreport scharfe Instrumente an? Was sind die dringlichsten Forderungen?
Wir haben uns in diesem Kinderreport vorrangig auf die Bildungsthematik konzentriert, weil es der Schlüsselpunkt überhaupt ist. Das deutsche Bildungssystem wird vor allem von internationaler Seite kritisiert, weil es zu wenig durchlässig nach oben ist, weil es Benachteiligungen impliziert, zu früh selektiert und vor allem benachteiligte Kinder benachteiligt lässt.
Es kann doch nicht sein, dass es in einem Land wie Deutschland, für ein Kind aus einer Akademikerfamilie sechs mal aussichtsreicher ist, das Abitur zu machen, als für ein Kind aus einer Nichtakademikerfamilie! Das System reproduziert die bildungsaffinen Milieus in der Gesellschaft.
Oben bleibt oben und unten bleibt unten.
Genau so kann man das sagen. Wie entkommt man dem? Das zeigt dieser Kinderreport sehr deutlich, dass es mehrere Stellschrauben gibt.
Die erste Stellschraube ist die frühkindliche Bildung. Es geht ja immer das Gerücht, Bildung fängt mit der Schule an – völliger Blödsinn. Das erste Lernfenster, was kognitives Lernen betrifft, geht nachweislich zwischen vier und fünfeinhalb Jahren auf. Da kann ich Sprache noch mal lernen, wenn ich aus einem anderen Land komme.
Schön, wenn unsere Festplatte auch so leer wäre.
Es ist aber so, dass auch ab null eigentlich schon Lernen losgeht. Das motorische Lernen, das soziale Lernen, das sind alles Sachen, die man unter dem Stichwort „Lernen von Anfang an“ und „frühkindliche Bildung“ begreifen muss. Wir haben bisher ein System von Betreuung. Wir bewahren unsere Kinder auf. Wir betreuen sie, aber wir nutzen nicht die Bildungspotenziale in diesem Alter.
Zweiter Punkt: Das längere gemeinsame Lernen ist eine Schlüsselfrage, um den unterschiedlichen Entwicklungen von Kindern gerecht zu werden und auch Benachteiligungen, die existieren, aufzufangen. Ein längeres gemeinsames Lernen hilft sowohl leistungsstärkeren Schülern als auch leistungsschwächeren Schülern.
Was gymnasiale Eltern nicht einsehen wollen.
Richtig, das sieht man in Hamburg oder beim Widerstand gegen die Schulreform. Bildungspolitiker, die sich überhaupt trauen eine Schulreform zu machen, verdienen alle das Bundesverdienstkreuz. Man verliert Wahlen zur Zeit hauptsächlich mit Schulreformen. Da muss man den Eltern auch sagen, passt genau auf, wessen Interessen und welche Besitzstände ihr verteidigt. Habt ihr nicht auch eine Verantwortung fürs Ganze?
Der dritte Punkt, den ich fürs Bildungssystem ansprechen will, sind die individuellen Förderungen. Das deutsche Bildungssystem ist am wenigsten in der Lage, individuelle Förderung innerhalb des Schulsystems zu realisieren. Zusätzliche Ressourcen sollten nicht einfach in die Architektur und die Lehrerstellen insgesamt eingesetzt werden, sondern sollten stärker auf individuelle Fördermöglichkeiten konzentriert werden, weil das Lernpotenziale, zusätzlich frei setzt.
Für die innere Verfasstheit von Schule heißt das natürlich, dass man von der Lernanstalt Schule mit Dreiviertel-Stunden-Takten und Curricula zu sich öffnenden Systemen hinkommen muss, die stärker Kompetenzfelder entfalten und ausschöpfen, um eine Basisbildung zu bauen, auf der spezialisierende Bildung bis hin zur Hochschule dann realisiert werden kann.
Kompetenzen ausschöpfen, statt Curricula abarbeiten.
Es fehlt an Geld und offenbar an politischem Willen, den Lernort Schule zu verändern. Mit welchen Verbündeten kann das Kinderhilfswerk rechnen?
Verbündete finden wir in bewussten Pädagogen, die die Grenzen ihrer eigenen Systeme am besten kennen. Die Lehrerinnen und Lehrer, die sich engagieren, verzweifeln oft an dem System, weil viele Lehrer es auch ablehnen, sich in solche Diskussionen überhaupt einzumischen und sich in diesem System auch eingerichtet haben.
Aber Partner für uns sind nicht diejenigen, die wegducken, sondern diejenigen, die aufstehen und sagen, es muss sich was ändern, es kann sich was ändern. Man kann Schule lebendig gestalten. Anja Riegels Buch „Schule kann gelingen“ gibt tolle Beispiele.
Wir brauchen aber auch eine öffentliche Diskussion, die Eltern ermutigt, über starres Reproduzieren der bisherigen Systeme hinauszugehen. Die Angst, mein Kind wird dumm in einem neuem Schulsystem, muss Eltern genommen werden. Eltern müssen Partner und nicht Verhinderer solcher Schulreformprozesse werden.
Das Dritte ist natürlich die Politik. Die Politik muss Mut haben, das Thema anzufassen und muss es professionell kommunizieren. Daran fehlt es sehr oft – bis dahin, dass Eltern Volksentscheidbemühungen anstrengen. Politik kann, wenn sie besser kommuniziert, wenn sie professioneller erklärt, auch Eltern mitnehmen in solchen Prozessen.
Und wir brauchen leidenschaftlich Engagierte, die vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung in Deutschland sagen, dass eigentlich viel mehr in die nächste Generation investiert werden muss, weil wir neigen ja dazu, immer jede Krise zu Lasten der Zukunft der Kinder zu finanzieren.
Diese Finanzkrise hat in einem so ungeheuerlichen Ausmaß Schulden aufgetürmt, dass man eigentlich der nächsten Generation die letzte ihr noch verbleibende Ressource, nämlich die Zeit, nimmt, die Schulden überhaupt abzutragen. Die nächste Generation wird gar nicht in der Lage sein, die Schulden loszuwerden. Das ist gesellschaftspolitisch eine Diskussion, die man noch mal viel zugespitzter, viel engagierter führen muss.
"Kinderrechte im Grundgesetz verankern" ist auch eine Forderung des Deutschen Kinderhilfswerkes. Was würde sich dadurch ändern?
Die Sozialdemokratin Elisabeth Selbert hatte 1948/49 für den Gleichstellungsparagraphen im Grundgesetz gefochten. Es gibt kaum einen Paragraphen, der so deutlich gesellschaftliche Veränderungen durch Rechtsnormensetzung angestoßen hat. Das Verhältnis der Geschlechter zueinander wäre nicht so wie jetzt, wenn es diese Verankerung der Gleichberechtigung im Grundgesetz nicht gegeben hätte.
Auch bezogen auf die Verantwortung für die nächste Generation macht es Sinn, die besonderen Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern und so eine über Jahre oder Jahrzehnte eine andere Politik zu entwickeln. Deshalb fechte ich dafür, dass die Kinderrechte ins Grundgesetz kommen.
Man darf doch mal fragen, ohne den Tierschützern zu nahe zu treten, ob das nicht leichte Irritation auslöst, wenn wir die Tiere schützen, aber die Kinder und ihre Rechte nicht im Grundgesetz verankern. Wir müssen mal die Kirche im Dorf lassen und vor allem die großen Herausforderungen unserer Gesellschaft, was die Humanressourcen betrifft, auch im Blick behalten.
Stichwort Betreuungsgeld - Mir scheint ein Streit entstanden zu sein, der möglicherweise nur verdeckt, was die bayerische Landesregierung im Hinterkopf hat. Je mehr Eltern davon Gebrauch machen, umso weniger Kitas und Krippen brauche ich. Ist das nur eine Prämie zur Einsparung von Kindertagesplätzen?
Es kommt ja noch viel verrückter. Im Koalitionsvertrag von Schwarz-Gelb steht drin, dass die Betreuungsinfrastruktur auch mit Bundesmitteln ausgebaut wird. Da geht was nicht zusammen. Ich kann doch nicht auf der einen Seite sagen, dass ich die Betreuungsinfrastruktur mit Steuermitteln ausbaue und dazu noch mal eine Prämie von 150 Euro auslobe, um die selber ausgebaute Infrastruktur nicht zu nutzen.
Als Bayer würde man sagen, das ist ein Schmarrn, was da vorgeschlagen worden ist. Da haben sich verschiedene Bereiche in der Politik nicht miteinander abgesprochen. Ich unterstütze den Punkt des Ausbaus der Betreuungsinfrastruktur, das kommt vermutlich aus dem Jugendministerium, aus dem Umfeld von Frau von der Leyen, die viele alte Zöpfe in der Familienpolitik – auch in Richtung der Konservativen – abgeschnitten hat.
Aber jetzt ein Betreuungsgeld auszuloben, was wahrscheinlich wieder auf Hartz IV anzurechnen ist, ist kapitaler Unsinn. Die drei Millionen Kinder in Armutssituationen werden davon überhaupt nicht profitieren. Diese Kinderbrauchen viel dringender diese Betreuungsangebote und die Bildungsangebote im frühkindlichen Bereich. Bildung ist es, was ihnen einen Weg aus der Armutsfalle weist und nicht 150 Euro.
Ich danke für das Gespräch.
Verlinken Sie auf diesen Beitrag:
- Kommentieren
- 2736 Aufrufe
Druckversion
Artikel verschicken



Auf beta.vorwaerts.de können Sie sich schon mal die neue Seite von vorwaerts.de anschauen.