Gesundheit Behandlung statt Burnout

von Fréderic Verrycken - 03.03.2010
Mit Rehabilitation kann nicht nur geholfen, sondern sogar Geld gespart werden. Das gilt auch in Zeiten der Wirtschaftskrise, sagt Reha-Experte Rudi Schäfer.

Welche gesundheitlichen Aus­wirkungen hat die Wirtschaftskrise auf Arbeitnehmer?

Sicherlich hat die Wirtschaftskrise die Angst um den Arbeitsplatz, die Belastung und damit den psychischen Druck auf den Einzelnen verstärkt. Doch verzeichnen bestimmte Erkrankungen bereits längerfristig einen Zuwachs. Die Nachfrage etwa nach unseren psychosomatischen Angeboten spiegelt wider, was auch Studien belegen: So gilt ein Viertel aller bundesdeutschen Erwerbstätigen als von Burn­out betroffen. Die Betriebskrankenkassen verzeichneten schon 2008 die gra­vierendsten Steigerungsraten bei psychischen Erkrankungen. Der Bereich der Abhängigkeitserkrankungen zeigt ebenfalls bereits seit Jahren steigende Tendenz. Der behandlungsbedürftige Umgang mit Alkohol, Medikamenten, so genannten Lifestyledrogen, Glücksspiel oder neuerdings PC und Internet überspringt seit geraumer Zeit gesellschaftliche und soziale Grenzen.

Werden entsprechende Angebote angesichts der aktuellen Wirtschaftslage verstärkt angenommen?

Erfreulicherweise ja, wobei die Erfahrung uns zunächst anderes vermuten ließ. Die zeigte bislang, dass sich Betroffene in solchen Zeiten aus Angst um den Arbeitsplatz oft scheuen, einen Antrag auf Rehabilitation zu stellen. Für 2009 verzeichnen die Statistiken der Rentenversicherung und auch unsere Belegungszahlen jedoch einen gegenläufigen Trend. Die Gründe für diese Entwicklung sind sicherlich komplex: vor allem zunehmender Bedarf einerseits, kontinuierliche Aufklärung und wachsende Medienberichterstattung andererseits.

Im Zuge einer solchen Wirtschaftskrise geraten auch die sozialen Sicherungssysteme schnell in die öffentliche Kritik. Betrifft diese Diskussion auch die Rehabilitation?

Solcher Kritik stehen spätestens seit Herbst letzten Jahres die Ergebnisse einer Studie des Prognos-Instituts gegenüber, die den volkswirtschaftlichen Nutzen medizinischer Rehabilitation zum ersten Mal genau beziffern konnte. Zugrunde gelegt wurden von der Deutschen Rentenversicherung fünf Krankheitsbilder, die im Jahr 2005 rund 45 Prozent aller medizinischen Reha-Maßnahmen ausmachten, also Ausgaben in Höhe von 1,1 Milliarden Euro. Dieser Summe konnte ein Netto-Spar-Effekt von 5,8 Milliarden Euro gegenübergestellt werden, der sich aus gewonnenen Berufstätigkeitsjahren und reduzierten Arbeitsunfähigkeitstagen zusammensetzt – Tendenz steigend. Für uns sind die Ergebnisse eine wichtige Bestätigung: Rehabilita­tion ist eine volkswirtschaftlich sinnvolle Zukunftsinvestition und immer mehr auch ökonomische Notwendigkeit.

Was sind die langfristigen Konsequenzen für Arbeitnehmer und Unternehmen?

Psychische beziehungsweise psychosomatische Erkrankungen sind heute ein gesellschaftliches Phänomen, auf das nicht nur die Medizin Antworten finden muss. Am Arbeitsplatz sind neben der Politik etwa auch Unternehmenskultur und Führungsverhalten gefragt. Letzt­­-lich bedürfen beide Seiten der Aufklärung und Ermutigung: Arbeitnehmer, um Symptome zu erkennen und Hilfe zu suchen, Betriebe, um Gefährdungen vorzubeugen oder zu begegnen. Noch immer schrecken viele Unternehmen vor den Kosten eines Gesundheitsmanagements zurück, doch belegen belastbare Zahlen auch hier längst das Gegenteil: Langfristige betriebliche Gesundheitspolitik stabilisiert und kommt Unternehmen wie Beschäftigten gleichermaßen zugute. Die AHG selbst ist dafür das beste Beispiel. Als Entwickler solcher Dienstleistungen bieten wir umgekehrt diese auch unseren Mitarbeitern an.

Würden Sie sich mehr Engagement der Politik in diesem Bereich wünschen?

Die medizinische Rehabilitation wird angesichts des demografischen Wandels, steigender Lebensarbeitszeit, zunehmender chronischer Erkrankungen und Fachkräftemangels immer wichtiger – und zwar nicht nur zur nachträglichen Wiederherstellung. Heute setzen wir unsere Therapieerfahrung viel umfassender ein: über die klassischen Sektoren unseres Gesundheitssystems hinweg längst auch zur Vorbeugung oder Frühintervention.
Mit bundesweit mehr als 3000 Beschäftigten gehört unser Familienunternehmen zu den größten Unternehmensgruppen in diesem Segment. Auf vielen Ebenen sind wir seit Jahrzehnten mit politischen Gremien im Gespräch und finden viel Gehör. Dasselbe gilt für die enge und konstruktive Zusammenar­-beit mit den Kostenträgern. Gleichwohl schließen wir uns gern dem Appell der Studie des Prognos-Instituts an: „Die Gesellschaft sollte nicht an, sondern sie muss mit der Rehabilitation sparen.“

Rudi Schäfer ist Vorstand der AHG Allgemeine Hospitalgesellschaft, eine der größten Unternehmensgruppen in Deutschland im Bereich Therapie und Rehabilitation.
 

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