Silvester in Köln

#ausnahmslos: Wie die Kampagne gegen Sexismus und Rassismus kämpft

Kristina Lunz13. Januar 2016
Gewalt in Köln: Die Ereignisse wurden für sexistische und rassistische Debatten instrumentalisiert
Kristina Lunz gehört zu den Initiatorinnen der Kampagne #ausnahmslos. Hier beschreibt sie, warum der Kampf gegen Sexismus und Rassismus so wichtig ist – und warum sexuelle Gewalt mitnichten etwas „Importiertes“ ist.

Urlaubszeit: Die Familie meines Freundes besuchen und die Sonne genießen. Als wir Silvester das Feuerwerk in Sidney anschauten, konnte ich nicht ahnen, was bereits wenige Stunden später in Köln, Hamburg und anderen deutschen Städten geschehen sollte. Die Nachricht erreichte mich – so wie die meisten –  erst Tage nach Silvester. Ich war entsetzt. In den ersten Berichten hieß es, dass bis zu 100 Frauen von sexualisierter Gewalt betroffen sein sollen, Vergewaltigungen inklusive.

Egal wo man sich als Frau bewegt, ob im öffentlichen oder privaten Raum: Nirgends ist man sicher vor körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt. Das bestätigen Zahlen, die bislang kaum Beachtung fanden: 40% aller Frauen haben seit dem 16. Lebensjahr  sexuelle und/oder körperliche Gewalt erlebt. Mehr als jede Zweite erlebt sexuelle Belästigung. Im vergangenem Jahr zeigte eine Umfrage, dass in der Pariser Metro jeder einzelnen Frau sexuelle Belästigung widerfährt. Jeder Einzelnen. Diese Taten hinterlassen Spuren, oft ein Leben lang.

Wo können Frauen sich noch sicher fühlen?

Im vergangenen Jahr war ich als Studentin bei der Kampagne #notguilty an der Universität Oxford involviert, die Aufmerksamkeit für sexualisierte Gewalt und gegen Victim-Blaming (Täter_innen-Opfer-Umkehrung) schaffte. Bevor ich im Rahmen der Kampagne für das britische Fernsehen interviewt werden sollte, bat ich meine Bekannten auf Facebook, ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt mit mir zu teilen. Ich wollte die harten Zahlen mit persönlichen Geschichten untermalen. Die zahlreichen Erlebnisse, die mir zugeschickt wurden, waren entsetzlich. Von sexuellen Einschüchterungen über sexuellen Missbrauch durch den Onkel der besten Freundin bis hin zu Vergewaltigungen auf dem Campus. Das sind die Erfahrungen meiner Freundinnen – und das ist nur eine Auswahl.

Nun passiert genau das schier unzählige Male an einem öffentlichen und angeblich gut überwachten Platz, mitten in der Stadt. Wo können Frauen sich denn noch sicher fühlen?

Stellvertreterdebatten um Asylpolitik und Merkel

Es dauerte nicht lange, bis die Köln-Debatte widerliche Beigeschmäcke erhielt. Ziemlich schnell wurden auch hier, wie so oft wenn es um sexualisierte Gewalt geht, die Taten verharmlost. Es wurde von „Antanztricks“ gesprochen und somit die Erfahrungen der Betroffenen ins Lächerliche gezogen. Die Medien berichteten vom „Sex-Mob“ und „Sex-Gangster“, als ob sexualisierte Gewalt irgendetwas mit Sex zu tun hätte. Dann folgten auch schon die Stellvertreterdebatten. Es  ging auf einmal gar nicht mehr um sexualisierte Gewalt und die Betroffenen, sondern um Asylpolitik, Angela Merkel und Böller. Als ob es nicht schlimmer kommen konnte, fingen nun all diejenigen, die sich noch nie für Frauenrechte interessierten, an, Feminismus für deren populistische und rassistische Agenda zu instrumentalisieren.

Die Titelbilder von Focus und SZ waren traurige Höhepunkte. Generell wurde der Eindruck vermittelt, dass Sexismus und sexualisierte Gewalt in unserem Land völlig neue Probleme seien, die von „den Anderen“ importiert wurden. Völlig falsch und eine Farce für alle Betroffenen und diejenigen, die schon seit Jahren und Jahrzehnten versuchen, den Kampf gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt politische Priorität zu machen.

#ausnahmslos

Als am letzten Mittwoch Kübra Gümüşay, Anne Wizorek und Emine Aslan eine Email an uns andere 19 Feministinnen schickte und uns fragten, ob wir gemeinsam etwas unternehmen wollen, waren alle dabei. Das erste Skypegespräch folgte am Donnerstagabend. Dann ging alles ganz schnell. Wir arbeiteten das ganze Wochenende durch an #ausnahmslos: Erklärung verfassen, Forderungen aufstellen, Internetauftritt, Pressemitteilung, Social Media. „Das gab es noch nie, dass sich so viele Feministinnen aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammengetan und gemeinsam eine Stellungnahme veröffentlicht haben“, Kübra in der SZ.

Wir alle kämpfen seit Jahren für eine gleichberechtigtere und respektvollere Gesellschaft und gegen Sexismus, sexualisierte Gewalt und Rassismus und wir haben ein gemeinsames Ziel: „Alle Menschen sollen sich von klein auf, unabhängig von ihrer Ethnie, sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität, Religion oder Lebensweise, sicher fühlen und vor verbalen und körperlichen Übergriffen geschützt sein: egal ob auf der Straße, zu Hause, bei der Arbeit oder im Internet. Ausnahmslos. Das sind die Grundlagen einer freien Gesellschaft.“

Und wir werden gehört. Die Liste unserer prominenten Erstunterzeichner_innen ist beachtenswert. Wir überlassen die aktuelle Debatte nicht den Rassist_innen und Sexist_innen.

Gegen medialen Sexismus

Ich setze mich mit meiner Kampagne StopBildSexism bereits seit mehr als einem Jahr gegen medialen Sexismus ein. Denn Sexismus in unseren Massenmedien trägt zu Sexismus in unserer Gesellschaft bei und bildet u.a. die Grundlage für weitverbreitete Gewalt gegenüber Frauen. So schreiben wir in Forderung 11: „Sexismus und andere Diskriminierungsformen müssen als Nährboden für sexualisierte Gewalt verstanden und als reale und bestehende Probleme anerkannt werden.“

Die gesellschaftlichen Strukturen, die Sexismus und Rassismus bedingen, sind ähnlich. Feminismus muss intersektional sein. Für mich ist es eine unbeschreibliche Ehre, mit diesen großartigen Feministinnen zusammenzuarbeiten. Und wir werden nicht ruhig sein, denn unsere wichtigste Ressource ist unsere Leidenschaft.

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Kommentare

#ausnahmslos

Die totale Berührungshysterie stärkt die Sexismusindustrie,
entnaturalisiert die menschliche Natur, (Naturzerstörung = Umweltzer-
störung) und verwandelt lebendige Beziehungen in totes Material; Lebendiges wird zur Ware (s.o.).

Die Täter kommen aus einer

Die Täter kommen aus einer patriarchalisch-islamischen Gesellschaft, welche für Frauen die Haustierhaltung vorsieht. Verglichen damit waren die miefigen 50er Jahre in der BRD geradezu fortschrittlich. Diese gesellschaftlichen Verhaltensweisen kann man mit Fug und Recht als etwas "Importiertes" bezeichnen. Wer fähig ist, das Ereignis in Köln in einem Atemzug mit den anzüglichen Bemerkungen eines Rainer Brüderle zu nennen, hat alle Maßstäbe verloren oder nie welche gehabt.