Tommy Heuss: Dr. Westerwelle Aus dem Leben eines Taugenichts

von Kai Doering
Er ist der unbeliebteste deutsche Außenminister seit Menschengedenken. In seinen Äußerungen über „spätrömische Dekadenz“ offenbarte er sein krudes Denken. Wer mehr über den „selbsternannten Leistungsträger“ Guido Westerwelle erfahren möchte, sollte seine satirisch verfasste „Guidografie“ lesen.

Die letzten Jahre waren nicht leicht für politischer Kabarettisten, Satiriker und Karikaturisten. Nachdem Franz-Josef Strauß gestorben, Helmut Kohl abgewählt und Edmund Stoiber nach Brüssel emigriert war, blieb die politische Bühne öde und leer. Doch dann kam die Bundestagswahl 2009 und Deutschland hatte nicht nur einen neuen Außenminister und Vize-Kanzler, sondern auch die lange gesuchte Reizfigur.

Wer aber ist dieser „Dr. Westerwelle“, der vor der Wahl lediglich als hintersinniger Schuhträger (Größe 18), ausdauernder Fahrer eines nach ihm benannten Automobils und temporärer Containerbewohner aufgefallen war? Mit der „ersten offiziellen Guidografie“ bringt der Politikberater Tommy Heuss endlich Licht ins Dunkel und beschreibt Westerwelles Weg aus dem beschaulichen Bad Honnef auf die große Bühne internationaler Politik zwischen Brüssel und New York.

Egoist, Populist und Selbstinszenierer

Von der ersten Seite an lässt Heuss keinen Zweifel aufkommen, was er von dem „besserverdienenden Anwaltssöhnchen“ hält – nämlich rein gar nichts. „Westerwelle ist der unverdaute Essensrest des Brachialkapitalismus, der uns vom großen Fressen der 80er Jahre noch wie ein Klumpen im Magen liegen geblieben ist und nun dafür sorgt, dass uns täglich die Galle in den Hals hoch steigt“, schreibt Heuss gleich im zweiten Absatz seines Buchs. Und auch Westerwelles Partei, die FDP, die er als „Prototyp des egoistischen Opportunisten“ zu einem „Franchise-System für karrieregeile Wohlstands-Yuppies ausgerufen“ habe, kommt nicht besser weg.

Dies ist auch der Grundton, der sich durch die rund 130 Seiten zieht, auf denen Tommy Heuss Westerwelles Werdegang nachzeichnet. Die Fakten (juristisches Elternhaus, aufgewachsen beim Vater, Mitgründer der „Jungen Liberalen“) stimmen dabei, werden jedoch gnadenlos überzeichnet und so gedeutet, dass sie in Heuss’ Westerwelle-Bild passen – das des Egoisten, Populisten und Selbstinszenierers.

Der Ton ist dabei im (für Westerwelle) besten Fall satirisch, meistens jedoch bitterböse und richtig fies. Besonders hat es Heuss Westerwelles Interpretation des Leistungsbegriffs angetan, die er genüsslich seziert. So habe der „Jura-Student aus besserem Hause, der bislang noch nicht durch nennenswerte Beiträge zum Bruttosozialprodukt geglänzt“ habe, schon früh gewusst, „dass ‚Leistung sich endlich wieder lohnen muss’“. Und auch später sei der „selbsternannte Leistungsträger“ mehr von anderen getragen worden, „als dass er irgendetwas außer Pullundern trägt“.

Abrechnung mit Westerwelle und der FDP

Was aber ist dann das Geheimnis von Westerwelles Erfolg? Für Heuss ist die Sache klar: Die FDP hat auf jemanden wie ihn nur gewartet. „Sie können den medienwirksamen Lautsprecher gut für ihre Zwecke gebrauchen und haben die passende Aufgabe für ihn. In ihrem Krieg gegen den Staat, die Steuern und den Sozialismus ist Guido ihr General.“ Kein Wunder also, dass Tommy Heuss „Guidos Garde“ ein eigenes Kapitel in seinem Buch widmet, in dem er die Leistungsträger der FDP wie Christian „Moomax“ Lindner, den „Guido der nächsten Generation“, Cornelia „Blockflöte“ Pieper oder Rainer „Wein“ Brüderle kurz und beißend vorstellt.

So ist Heuss’ „Guidografie“ nicht nur satirische eine Abrechnung mit Westerwelle, sondern mit der gesamten FDP. Der Autor scheint sich seinen angestauten Frust über das „Sammelsurium merkwürdiger Gestalten, mit denen man ein Wachsfigurenkabinett des Unwohlseins eröffnen könnte“ von der Seele geschrieben zu haben. Meist ist ihm dies sehr unterhaltsam gelungen. Streckenweise kommt seine Kritik allerdings allzu plump daher. Auch die Illustrationen von Karikaturist Pit Hammann wirken fehl am Platz. Und doch wird sich die Lektüre des Buchs für die meisten Leser lohnen, denn wer kann Guido Westerwelle schon wirklich leiden?

Tommy Heuss: Dr. Westerwelle. Die erste offizielle Guidografie, Eichborn Verlag 2010, ISBN 978-3-8218-6610-0, 9,95 Euro

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