SPD im Exil Auf der Flucht

von Horst Heimann - 05.01.2006
Die Nazis konnten mit ihrem Terrorsystem zwar vielen Sozialdemokraten „Freiheit und Leben nehmen“, aber nicht ihre demokratisch-sozialistischen Überzeugungen. So hatte es der SPD-Parteivorsitzende Otto Wels in seiner Rede gegen das „Ermächtigungsgesetz“ vorausgesagt.

Die Ereignisse gaben ihm Recht. Schon 1933 wurden über 20 000 Strafurteile aus politischen Gründen gefällt. Nach einer Gestapo-Statistik gab es 1939 über 302 000 politische Häftlinge, die meisten aus der Arbeiterbewegung; darunter der im Juli 1933 verhaftete Kurt Schumacher. Zusätzlich zu den in Konzentrationslagern und Gestapo-Haft Ermordeten wurden von 1933 bis 1944 fast 12 000 von „Gerichten“ verhängte Todesurteile vollstreckt. Otto Wels blieb dieses Schicksal erspart. Er starb im September 1939 in Paris.

Schon bald nach der „Machtübergabe“ am 30. Januar zwang der Nazi-Terror sozialdemokratische Funktionäre und Mitglieder des Parteivorstands zur Emigration. Sitz des SPD-Exilvorstands wurde Prag. Zahlreiche sozialdemokratische Emigranten lebten in den Grenzgebieten zu Deutschland. So konnte der Exilvorstand zunächst intensive Kontakte mit den illegalen Gruppen in Deutschland aufrechterhalten und von ihnen Informationen über die Brutalisierung des Nazi-Systems bekommen. Die Hoffnung, durch die Zusammenarbeit zwischen Exil und Widerstand die Konsolidierung der Nazi-Herrschaft zu verhindern und gar zum Sturz Hitlers beizutragen, ging zwar nicht in Erfüllung. Aber der in Prag herausgegebene „Neue Vorwärts“, Broschüren, Flugblätter und informelle Netzwerke stärkten den Zusammenhalt der Sozialdemokraten im Exil und in der Illegalität.

Während des Krieges war es dem Exilvorstand (1938-1940 in Paris, ab 1940 in London) kaum möglich, Kontakte nach Deutschland aufrechtzuerhalten. Aber er koordinierte Diskussionsprozesse der zahlreichen Exil-Gruppen über den Neuanfang in Deutschland nach dem Sieg der Alliierten. Eine Weichenstellung für einen Neuanfang war es, dass alle demokratisch-sozialistischen Gruppen und Parteien wieder in die SPD integriert werden konnten. Was vielen heute nicht bewusst ist: In der Endphase der Weimarer Republik, in Widerstand und Exil waren mehrere linkssozialistische Gruppen und Parteien entstanden, die in Opposition zur SPD standen.

Wie wichtig dieser Einigungsprozess war, für den sich Erich Ollenhauer im Londoner Exilvorstand besonders engagiert hatte, verdeutlicht ein Blick auf bekannte Sozialdemokraten: Willy Eichler, einer der Väter des Godesberger Programms, kam vom Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK), Willy Brandt von der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) Fritz Erler und Waldemar von Knoeringen von „Neu-Beginnen“. Die Sozialdemokratie hat in Emigration, Illegalität und Widerstand die Nazi-Herrschaft überlebt.

„Kein Ermächtigungsgesetz“ gibt den Nazis „die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten“, hatte Otto Wels am 23. März 1933 gesagt. Nicht zuletzt den von diesen Ideen geprägten Sozialdemokraten ist es zu verdanken, dass der demokratische Neuaufbau Deutschlands nach 1945 gelungen ist.

Von Horst Heimann

Quelle: vorwärts 4/2003

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Channel: Geschichte  
AutorIn: Horst Heimann  

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