„Sommerfrische hoch über dem Silser See in den Schweizer Bergen: Alljährlich traf sich hier die Familie Frank, die sonst über ganz Europa verstreut war. Noch Anne Franks Ururgroßvater hatte als kleiner Junge in der engen Frankfurter Judengasse leben müssen, doch schon eine Generation später wurde ein Vorfahr Anne Franks zum ersten jüdischen Professor in Deutschland berufen. Ihre Großmutter Alice führte als Bankiersgattin ein weltoffenes Haus in Frankfurt, bis die Familie nach London, Basel und Amsterdam übersiedelte, das dann zum Schicksalsort der Familie werden sollte. Der letzte noch lebende Verwandte Anne Franks, ihr Cousin Buddy Elias, wurde schließlich berühmt als Eiskunstläufer und Schauspieler.“ Kurz und knapp führt der Klappentext in die Geschichte der Familie von Anne Frank ein. So als sei es ganz selbstverständlich, dass nun die Familienchronik erscheint.
Sensationeller Fund
Doch das ist es ganz und gar nicht! Und wäre wohl auch nie passiert, hätte Cousin Buddys Gattin Gertrud nicht einen sensationellen Fund auf dem Dachboden ihres Baseler Hauses gemacht: „...ein Konvolut von Briefen, Dokumenten und Fotos der Familien Frank und Elias... , die weit zurückgehen und über die Jahrzehnte hinweg aufgehoben worden waren. Insgesamt müssen es um die sechstausend sein.“ (Nachwort von Gerti Elias) So richtig darum kümmern konnte sie sich erst, nachdem sie das Antiquitätengeschäft, dass sie von ihrer Schwiegermutter Leni-Elias-Frank übernommen hatte, aufgeben hatte. Sie fand heraus, dass es sich um Briefe handelte, die ihre Schwiegereltern Leni und Erich sowie Lenis Mutter Alice all die Jahre aufbewahrt hatten. Darunter befanden sich Briefe, die ihr Mann Buddy aus aller Welt geschrieben hatte, aber auch welche von Otto Frank, und dessen Töchtern Margot und Anne...
Auf Beschluss des Ann Frank Fonds übernahm der Historiker Dr. Peter Toebak die Archivierung. Die Dokumente befinden sich inzwischen als zeitlich begrenzte Leihgabe im Archiv der Anne Frank Stichting in Amsterdam. Peter Toebak half auch beim Auswählen von etwa 500 für eine Chronik relevante Schriften.
Bewegende Chronik
Und schließlich konnte Mirjam Pressler, die schon das Tagebuch der Anne Frank übersetzt und eine Biographie über sie veröffentlicht hatte (»Ich sehne mich so. Die Lebensgeschichte der Anne Frank«), für das Schreiben der Chronik gewonnen werden. „Das erwies sich als großes Glück“, so Gerti Elias, „denn die Zusammenarbeit mit Miriam Pressler war nicht nur angenehm und freundschaftlich, sondern auch interessant und anregend.“ Ihr gemeinsames Buch vom Aufstieg und Schicksal der Familie Anne Franks über drei Jahrhunderte liest sich wie ein großer schicksalhafter Familienroman. Einfühlsam begleitet Miriam Pressler die Familie und ordnet die Briefe in die jeweilige Zeit ein. Ein Stammbaum am Ende des Buches erleichtert das Zurechtfinden.
„Es ist mir eine große Befriedigung, diese Arbeit geleistet zu haben“, schreibt Gerti Elias im Nachwort. „Dadurch ist mir die wunderbare Familie, in die ich eingeheiratet habe, sehr sehr nahe gekommen.“ Miriam Pressler gelingt es, diese dem Leser ganz genauso nahe zu bringen. Ein wunderbares Werk.
Mirjam Pressler / Gerti Elias: Grüße und Küsse an alle. Die Geschichte der Familie von Anne Frank, Verlag S. Fischer, Frankfurt/M. 2009, 426 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978-3-10-022303-6
Verlinken Sie auf diesen Beitrag:
Miep Gies, die Helferin der Familie Frank, ist tot
- Die letzte noch lebende Helferin der Familie Frank, Hermine Gies-Santrouschitz, verstarb am 11. Januar im Alter von 100 Jahren in ihrem Wohnort Hoorn.
- Als Anne Frank und ihre Familie am 4. August 1944 verraten und abtransportiert wurden, versteckte sie Annes Tagebuch und übergab es dem als einzigen von der Familie zurückgekehrten Vater nach dem Krieg.
- Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter die Yad-Vashem-Medaille und das Bundesverdienstkreuz.
- Zum Gedenken an Miep Gies hat das Anne Frank Zentrum eine Webseite eingerichtet, auf der kondoliert werden kann: http://www.annefrank.de/miepgies/



Artikel kommentieren
Unsere Internetseite soll eine Plattform für ernsthafte Diskussionen sein, bei dem Toleranz, Offenheit und Fairness zu den Grundprinzipien gehören. Wir begrüßen sachliche und konstruktive Inhalte, die zu einer angeregten Diskussion beitragen und der Meinung anderer Kommentatoren tolerant und unvoreingenommen begegnen. Teilnehmer, die gegen diese Regeln verstoßen, können von der Teilnahme ausgeschlossen werden.
Unsere Diskussionsregeln