Nachruf: Die SPD-Ministerin Anke Martiny ist tot

Anke Martiny: Vorkämpferin für eine Politik für Männer und Frauen

Renate Faerber-Husemann15. Januar 2016
Die SPD-Ministerin Anke Martiny ist am 11. Januar nach schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren in Berlin verstorben.
Die SPD-Ministerin Anke Martiny ist am 11. Januar nach schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren in Berlin verstorben.
Als sie 1972 in den Bundestag gewählt wurde, war sie eine von 15 weiblichen SPD-Abgeordneten. In Bonn und in den Landesparlamenten dominierten die grauen Anzugträger. Anke Martiny hat sich nie mit dem entweder Familie oder Karriere abgefunden. Sie wollte beides.

Der Klappentext ihres Buches „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“ von 1986  beginnt mit folgendem Satz: „ Die Tagesschau: Männer, Männer, Männer – an repräsentativen Schreibtischen, in stattlichen Autos, vor großen Palästen, in endlosen Fluren. Ist dies die Welt der Macht?“

Martiny war eine von 15 weiblichen Abgeordneten

Dass das heute nicht mehr so ist, das ist auch Frauen wie Anke Martiny zu verdanken. Am 11. Januar ist sie nach schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren in Berlin verstorben. Als sie 1972 in den Bundestag gewählt wurde, war sie eine von 15 weiblichen SPD-Abgeordneten. In Bonn und in den Landesparlamenten dominierten die grauen Anzugträger. 1989, kurz vor dem Mauerfall, wurde sie Kultursenatorin in Walter Mompers rot-grünem, von Frauen dominierten Senat. Das hatte Signalwirkung weit über Berlin hinaus.

Heute, nur wenige Jahrzehnte später, sind weibliche Politikkarrieren so selbstverständlich wie männliche. Über ihre 17 Jahre im Bundestag hat Anke Martiny in ihrer 2014 erschienenen Autobiografie eher pessimistisch geschrieben: „Mit wie viel Mühe hatte 1989 eine leidlich liberale Form des Schwangerschaftsabbruchs und eine Präzisierung des Artikels 3 GG, der die Gleichberechtigung von Frauen und Männern festschreibt, der männlichen Parlamentsmehrheit und und den Konservativen abgetrotzt werden müssen!“

Als alleinerziehende Mutter Familie und Beruf vereinbaren

Das Buch mit dem leider etwas umständlichen Titel „...und vor allem muss man jederzeit als voller Mensch leben“ (ihr Lebensmotto, wie sie einmal sagte) ist sehr lesenswert. Denn es zeigt, wie schwer Frauen dieser Generation es hatten, wenn sie mehr wollten als ein Leben mit Mann und Kindern, wenn sie gar eine Karriere in der Politik anstrebten. Anke Martiny hat sich nie mit dem „Entweder - Oder“ abgefunden. Sie wollte nicht entweder Familie oder Karriere, sondern beides.

Sehr jung bekam sie ihre drei Kinder. Kurz vor der Geburt des dritten Kindes wurde die Musikwissenschaftlerin noch mit einer Dissertation über die Oratorien Josef Haydns promoviert. Dann war sie erst einmal Hausfrau, hielt das aber nicht lange aus. Die Ehe scheiterte und es begann das aufreibende Leben als alleinerziehende  Mutter zwischen Bonn und der Arbeit in ihrem Landesverband in Bayern. 1976 heiratete sie Peter Glotz, Bundesgeschäftsführer und Ausnahmetalent in der SPD. Auch diese Ehe scheiterte.

Für eine Politik für Männer und Frauen

Die erklärte Feministin litt unter den Zuständen in der Politik und schilderte das immer wieder mit drastischen Sätzen, etwa in ihrem 1986 erschienenen ersten  Buch: „Immer noch wirken die wenigen Frauen, die sich in diesem Bereich tummeln, wie fehl am Platz in dieser Atmosphäre: halb englischer Club, halb orientalischer Basar – beides tunlichst nur am Arm eines Mannes zu betreten.“

Ihre eigene Partei nahm sie da nicht aus: „Wäre ich nicht Politikerin, ich müsste an den Parteien, auch meiner eigenen, zweifeln, wenn nicht gar verzweifeln, weil sie offenbar weniger als andere gesellschaftliche Gruppierungen reflektieren, wie die Gesellschaft sich wandelt.“

Jüngeren Politikerinnen von heute mag vieles immer noch bekannt vorkommen, was Anke Martiny und die Frauen ihrer Generation erlebt haben, vieles aber eben auch sehr fern. Und dass das so ist, haben sie diesen Vorkämpferinnen zu verdanken, die nie aufgaben, die bereit waren, sich unbeliebt zu machen und nach anderen Wegen als die männliche Mehrheit suchten, um ihre Vorstellungen von Politik für Männer und Frauen durchzusetzen.

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