„Ich halte sie in der hohlen Hand, betaste sie, lasse sie von einer Hand in die andere kullern und denke darüber nach, was ich mit ihnen anstellen soll, ich sitze, wie es so schön heißt, zwischen Baum und Borke.“ Der erste Satz legt die Fährten in den Roman: Wer sind sie? Wer ist ich? Warum zwischen Baum und Borke? Verraten wird nur scheibchenweise: „sie“ fühlen sich an „wie kleine Nüsse“. Aber als der noch unbekannte Erzähler endlich die Faust öffnet ...
... erfahren wir erstmal nicht, was es mit ihnen auf sich hat. Ein klassischer Cliffhanger, man kennt es aus Filmen, auf dem Höhepunkt einer Episode wechselt die Szene. Antwort später. Keine Frage, Julia Wiener versteht ihr Metier. Mit „Mischas roter Diamant“ hat die in Moskau geborene Autorin, die seit 1971 in Israel lebt, ihren ersten Roman vorgelegt. Eine Studie über russische Einwanderer in Israel, ein Schelmenroman, aufgezogen als Krimi, rasant erzählt, durchdrungen von Melancholie, mit immer wieder aufblitzender Komik.
Wer ist das erzählerische Ich? Erst nach etwa einem Drittel des Romans – wir wissen inzwischen, dass es sich bei den kleinen Nüsse um eine Sammlung gestohlener Diamanten handelt – erfahren wir seinen Namen: Mischa. Gutaussehend. Ein Frauenheld. Geboren in Russland. Behindert. Nach Israel ausgewandert. Jude. Verheiratet mit einer Nichtjüdin, auch aus Russland. Er leidet an Spondylitis ankylosans, vulgär Morbus Bechterew. Die Wirbelsäule versteift, es bildet sich ein Buckel, Sehnen, Muskeln, Gelenke schmerzen. Keine gute Voraussetzung, um Diebesgut im Wert von mindestens fünf Millionen Dollar, das ihm durch eine Mischung von Neugier, Ärger und Dummheit in die Hände gerät, zu verstecken und zu Geld zu machen.
Wohin mit fünf Millionen?
Allein die Frage: Was ist ein sicheres Versteck? Denn nicht nur die Hehler, auch die Polizei ist ihm auf der Spur. Also wohin damit? In Eiswürfel einfrieren? Mit dem Ergebnis, dass sie plötzlich in der Cola der Kinder klappern, die sich mal eben aus dem Kühlschrank der Eltern versorgt haben? Der Saum der Vorhänge, die die nicht-eingeweihte Ehefrau unangekündigt in die Waschmaschine wirft? Mischa, der dank seiner künstlerischen Ader Teppiche aus Stoffresten webt, nun ja ... auch das ist kein sicherer Ort, wie sich herausstellt.
Nachdem die Diamanten in Mischas Hände geraten sind, bleibt in seinem Leben nichts wie es war: Seine Frau verliebt sich in einen anderen, seine Tochter will eine israelischen Araber heiraten, er landet samt seiner Diamanten mit gebrochener Hüfte im Krankenhaus. Das kann nicht gut gehen. So weit, so unterhaltsam, so spannend. Gerade als nach zwei Dritteln des Romans die Spannung nachlässt, bekommt die Geschichte einen neuen Schub. Und irgendwann schafft Mischa es auch, seine Diamanten vor allem den roten, wieder loszuwerden. Die allerdings haben sein Leben derweil unwiderruflich auf den Kopf gestellt.
Susanne Dohrn




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Ah ja.
die hühner
Felix Krebs