Ortsvereins-Portrait Alles Picobello

von Gero Fischer - 30.04.2010
Stell Dir vor, es ist Ortsvereinssitzung und viele gehen hin. Was für etliche Ortsvereine in Deutschland wohl nicht mehr zutrifft, gilt für die SPD-Abteilung »Südstern« in Berlin-Kreuzberg uneingeschränkt.

Mehr als 25 Mitglieder sind an diesem Dienstagabend zur Abteilungssitzung ins Nachbarschaftshaus Urbanstraße gekommen. Die Plätze an den Tischen sind belegt, einige Genossen müssen sich an den Rand des Raumes setzen. Vor ihnen liegen 26 Fragen, die sie heute beantworten wollen – die Ortsvereinsvorsitzenden-Befragung des SPD-Parteivorstandes. Die Vorsitzenden-Umfrage wird so zu einer Befragung der gesamten Abteilung. „Schließlich soll jeder, der will, zu Wort kommen“, sagt die Abteilungsvorsitzende Anja Möbus. Die zahlreich erschienenen Genossen geben ihr Recht.

 

Schon bei der ersten Frage sind sie auf Betriebstemperatur. Gefragt wird nach den Gründen für das schlechte Ergebnis der SPD bei der letzten Bundestagswahl. Die Antworten kommen schnell und direkt: eine zu späte Korrektur der Agenda 2010, die fehlende Machtoption, vor allem aber das Problem mit der Glaubwürdigkeit. „Die Menschen auf der Straße haben uns schlicht und einfach nicht mehr geglaubt“, so Martin Jungmann. Auf dem viel zitierten Kommunikationsproblem möchte sich hier niemand ausruhen. „Die Leute haben ziemlich gut verstanden, was wir gemacht haben“, sagt Björn Eggert und bringt es selbstkritisch auf den Punkt: „Sie haben uns nicht mehr als Partei der sozialen Gerechtigkeit gesehen.“

Alt und Jung zusammen

Es ist offensichtlich, dass die Anwesenden diese Frage nicht zum ersten Mal diskutieren. Sie nutzen die Gelegenheit, um noch mal zusammenzufassen, was in vielen Sitzungen seit dem 27. September zur Sprache gekommen ist. Auch weil es dabei nicht ausschließlich um die negativen Aspekte geht. Denn die Genossen haben auch Positives aus dem Bundestagswahlkampf mitgenommen. Sie hätten ihn mit viel Engagement und Spaß geführt, betont die stellvertretende Abteilungsvorsitzende Andrea Bührmann. „Wir haben zwar die Wahl verloren, aber vielleicht etwas zueinander gefunden.“ So ein Wahlkampf schweißt zusammen, auch wenn die Belohnung am Ende ausbleibt.

Überhaupt scheint Zusammenhalt eine Stärke der Abteilung „Südstern“ zu sein. Das Zusammenwirken von Alt und Jung funktioniert. In einem Stadtteil wie Berlin-Kreuzberg dominieren zwar die jüngeren Mitglieder, von den derzeit 263 sind über 40 Prozent im Juso-Alter. Aber in der Abteilungssitzung diskutieren auch Genossinnen wie Edith Töpfer mit, die auf eine über 40-jährige SPD-Mitgliedschaft zurückblicken kann. „Wir haben eine ganz gute Mischung“, sagt Anja Möbus, „und versuchen, jeden entsprechend seiner Fähigkeiten einzubinden.“

Mentoring-Programm

Die 26-jährige Politikstudentin ist seit fünf Jahren in der Abteilung aktiv, seit Februar ist sie Vorsitzende. Gemeinsam mit dem Vorstand bemüht sie sich erfolgreich, den Zusammenhalt und die Beteiligung in der Abteilung hoch zu halten. Dies geschieht vor allem über den engen Mitgliederkontakt und ein ständiges Mitmachangebot. Zu jeder Sitzung gibt es Einladungen per E-Mail, seit einiger Zeit hat die Abteilung eine eigene facebook-Gruppe. „Jeder Einzelne kann Vorschläge machen, welche Themen auf den Sitzungen besprochen werden sollen“, so Möbus.

Doch damit nicht genug: Im Mai startet die Abteilung ein Mentoring-Programm. Dabei führen dienstältere Genossen weniger erfahrene oder neue Mitglieder in die Parteiarbeit ein. „So wollen wir den Zusammenhalt in der Abteilung stärken und unerfahrenen Mitgliedern wichtiges Wissen vermitteln“, erklärt Andrea Bührmann die Idee des Programms. Gemeinsam mit dem Abteilungsschriftführer Ibrahim Gülnar kümmert sie sich um die Umsetzung. Geplant sind auch zentrale Veranstaltungen wie Besuche der Bezirksverordnetenversammlung, des Abgeordnetenhauses oder des Bundestages.

Auch nach außen präsentiert sich die Abteilung mit Erfolg. In den letzten Jahren ist es gelungen, die Mitgliederzahlen stetig zu steigern. Vor allem über die Präsenz im Kiez. Aktuell läuft zum Beispiel eine Frühjahrsputzaktion, bei der die Abteilungsmitglieder nach und nach die Spielplätze im Kiez vom Winterschmutz säubern. Das Motto der Aktion: „Südstern picobello“ – ein Motto, das auch gut zum Zustand der SPD-Abteilung „Südstern“ passt.

 

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