Attacke in Berlin

Wie die AfD die Opfer der Berlin-Attacke instrumentalisiert

Robert Kiesel20. Dezember 2016
Trauer am Breitscheidplatz in Berlin
Die Trauer um die Opfer des Anschlags am Breitscheidplatz in Berlin ist groß. Die AfD und andere sorgen mit ihrer politischen Instrumentalisierung der Tat für Empörung.
Die AfD hat viele Feindbilder, eines davon ist die vermeintlich gleichgeschaltete „Lügenpresse“. Mit seiner Reaktion auf die Attacke von Berlin enttarnt sich Marcus Pretzell, Chef der AfD in Nordrhein-Westfalen, jedoch selbst.

Die Tat war gerade eine Stunde alt, der später wieder auf freien Fuß gesetzte erste Tatverdächtige noch auf der Flucht, da hatte Marcus Pretzell die Verantwortliche für die tödliche Attacke auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche schon gefunden. „Es sind Merkels Tote!“ ließ der Vorsitzender der AfD in Nordrhein-Westfalen seine knapp 6.000 Follower auf Twitter wissen. Zu einem Zeitpunkt, an dem weder geklärt war, ob es sich bei dem Vorfall um einen Unfall oder einen gezielten Anschlag handelt, noch, wer hinter dem Steuer des Lkw gesessen hatte und ob und wenn ja warum er oder sie das Fahrzeug mitten in die Menge gesteuert hatte.

Die AfD und der Tabubruch

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. „Ekelhaft“ oder „Widerlich“ waren noch die harmloseren Kommentare, mit denen sich andere User über die politische Instrumentalisierung der Opfer von Berlin verwahrten. Hunderte beschwerten sich binnen kurzer Zeit über den „unmöglichen und abscheulichen Tweet“ Pretzells, wie ein Nutzer stellvertretend für viele feststellte. Allein: Der Satz war in der Welt und mit jeder Reaktion darauf erweiterte sich die Reichweite seines kalkuliert tabubrechenden Inhalts. Es ist, als hätten AfD und weiter rechts stehende Kreise nur auf einen Anlass gewartet, um loszuschlagen.

Pretzells Vorgehen folgt einer Masche, derer sich Mitglieder der AfD von der Basis bis zur Führungsriege der Partei um Frauke Petry oder Alexander Gauland immer wieder gern bedienen. Sie preschen mit einer Aussage vor – in vollem Bewusstsein darüber, sich mit dieser für eine seriöse Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Anlass zu disqualifizieren – um im trüben Brackwasser rechter bis rechtsextremer Kreise nach willfäriger Beute zu fischen. Dort also, wo jeder nach Deutschland geflüchtete Mensch pauschal ein von Angela Merkel persönlich eingeladener „Asylforderer“ ist. Wo Ermittlungen und Fakten nur stören, weil sie im schlimmsten Fall das eigene, auf Vorurteile gebaute Weltbild ins Wanken bringen.

Mit Pegida auf einer Stufe

Petry-Ehemann Pretzell spielt diese Klaviatur bewusst. Nur unwesentlich später war auf der Facebook-Seite des offiziell „islamkritischen“ Pegida-Bündnisses um den mehrfach verurteilten Lutz Bachmann zu lesen: „Na Merkel, biste stolz auf Deine Kumpels in Berlin?“. Auch dieser Post zu einer Zeit, als weder die Nationalität des Lkw-Fahrers sicher feststand, noch klar war, warum er oder sie das Fahrzeug in die Menge auf dem Berliner Breitscheidplatz gesteuert hatte. „Nichts wissen, alles behaupten“, so die Prämisse der Rechtsausleger. Wohlwissend, dass in den sozialen Netzwerken mit einem Klick Gerüchte zu Fakten, Fiktionen zu Realitäten, Lügen zu (gefühlten) Wahrheiten werden.

Der Vorgang zeigt: „Postfaktisch“ ist nicht ohne Grund zum Wort des Jahres 2016 gekürt worden. Beim nächsten Intonieren der unsäglichen „Lügenpresse“-Rufe sollten Pretzell, Pegida und Co den Finger jedoch besser auf sich selbst richten anstatt auf andere zu zeigen. Ihre eigene „Informationspolitik“ dient nämlich mitnichten der Wahrheitsfindung oder gar der Aufklärung. Pretzell, Petry, Gauland und Co wollen aufstacheln, spalten, hetzen.

Polizei kündigt Überprüfung an

Objektivität, Differenzierung oder gar Recherche - wie sie derzeit von einem Großteil der deutschen Medien praktiziert werden - stören da nur.

Update Am Dienstagmorgen kündigte die Polizei München an, den Tweet von Marcus Pretzell straftrechtlich prüfen zu lassen. Wir haben uns vor diesem Hintergrund dazu entschlossen, den zunächst im Artikel veröffentlichten Tweet zu löschen.

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Kommentare

Die AfD hat recht, wir brauchen Grenzkontrollen

Die AfD und die CSU haben recht, die Regierung vernachlässigt effiziente Personenkontrollen an den Grenzen.

Joachim Datko - Physiker, Philosoph

Lügenpresse

Wer im Glashaus sitz sollte nicht mit Steinen werfen. Lüge immer nur anderen unterstellen ist unredlich.

"Objektivität, Differenzierung oder gar Recherche - wie sie derzeit von einem Großteil der deutschen Medien praktiziert werden - stören da nur."

Wo wird differnziert? Wo ist man Objektiv? Wo gibt es eigene Recherchen? Texte einfach kopieren und nachplappern was andere sagen gehört doch heute zum "guten Jounalismus". Und gerade die Leitmedien, Presse, Rundfunk, Fernsehen in Deutschland gehören dazu. Es erinnert an Staatsnahe Berichterstattung. Und ihr macht natürlich parteinahe Berichterstattung. Wäre nichts einzuwenden, wenn ihr trotzdem mal mit Objektivität, Differenzierung und Hintergrund- Recherche berichten würdet.

Schäbig! Undeutsch!

Wie viele andere AfD-Anführer, die, wie Frau Petry in Anbetracht des Münchner Amoklaufs bekannte, nicht normal sind bzw. normal sein wollen, ist z.B. auch Herr Gauland nachweislich rassistisch und obendrein, wie erst kürzlich bei Anne Will dokumentiert, ein Lügner! Höcke, Petry, Poggenburg, von Storch, Bystron, Meuthen, Pretzell,... sind aber nicht besser! "Hass ist der Schutzwall gegen das Eindringen des Fremden." Das ist ihre Ideologie. So handeln sie.
Schäbig! Widerlich! Undeutsch!
"Wer rassistische Parolen absondert, ist verdammt noch mal ein Rassist!" Und wer populistisch gegen Flüchtlinge und fremde Andersgläubige hetzt, befördert Ausländerfeindlichkeit und ist für solche abstoßenden Bilder wie kürzlich in Sachsen und Sachsen-Anhalt auch mit verantwortlich! Dort hetzen immer noch selbsternannte Retter des christlichen Abendlandes (AfD im engen Schulterschluß mit PEGIDA) unbehelligt gegen Flüchtlinge und fremde Andersgläubige und treten damit die christlich-abendländische Kultur mit Füßen (offensichtlich sind sie intellektuell nicht in der Lage, diesen Widerspruch zu erkennen!). Denen darf man auch den Stinkefinger zeigen!
Erfreulich scheint das pubertäre Poltikverständnis

Schäbig! Undeutsch! -2

...
Poltikverständnis der AfD. Erfreulich deshalb, da dies auf absehbare Zeit die AfD zerreißen wird! Wie schön!
Deutsche Wähler! Die AfD will Euch zwischenzeitlich Eure demokratische Wähler-Stimme wegnehmen!
Sage nicht einer hinterher, er habe von nichts gewusst!
Verkehrte Welt?
http://youtu.be/QqoSPmtOYc8
Echte Demokraten wählen aber mit Herz und Verstand.
Gebt den Hetzern die Quittung! Zeigt Ihnen die rote Karte!

Doch die Medien spielen dieses infame "Spiel" mit: der eine Protagonist von AfD/PEGIDA hetzt, der andere - oder derselbe - widerspricht, und schon ist diese rechte Gruppierung wieder im Gespräch, weil die Medien dieses Spiel beflissen mitspielen! Insofern erhält das Schimpfwort "Lügenpresse" der AfD/PEGIDA eine ganz neue Bedeutung: die "Lügenpresse" unterstützt die Verbreitung deren Lügengeschichten!

Im übrigen: nach der Wahl ist vor der Wahl:
http://youtu.be/0zSclA_zqK4

Viel Spaß beim Anhören!