Yad Vashem, eine bedeutende Holocaust-Gedenkstätte in Israel, baut ihr Online-Archiv aus. Bereits 130.000 Bilder von Opfern des Nationalsozialismus sind auf ihrer Seite frei zugänglich. Die Bilder können in hoher Auflösung betrachtet werden, auch eine Kommentarfunktion ist vorhanden.
Zu finden ist die Sammlung unter
http://collections.yadvashem.org/photosarchive
(SZ)
vorwärts.de: Sie sind der erste Präsident des Zentralrats der Juden, der nach dem Holocaust geboren wurde. Was bedeutet der 27. Januar für Sie?
Dieter Graumann: Mir persönlich bedeutet der Tag nicht besonders viel, da für mich eigentlich jeder Tag Holocaust-Gedenktag ist. Wer wie ich in der zweiten Generation aufgewachsen ist, braucht gar keinen speziellen Tag, um an den Holocaust zu denken. Wir sind mit den Albträumen und Traumata unserer Eltern aufgewachsen. Deshalb ist der Holocaust immer in uns.
Braucht man dann überhaupt noch einen speziellen Gedenktag?
Auf jeden Fall. Es ist wichtig, dass möglichst viele Menschen an dieses einmalige Menschheitsverbrechen denken. Das Wissen von der Vergangenheit soll unsere gemeinsame Verantwortung für die Zukunft verstärken, so macht es Sinn.
Wird der Tag im öffentlichen Bewusstsein ausreichend gewürdigt?
Ich glaube, ja das wird er. Der Deutsche Bundestag hält jedes Jahr eine sehr würdige Gedenkstunde ab. Die Presse berichtet auch ausführlich. Und in diesem Jahr besucht sogar der Bundespräsident am ersten Holocaust-Gedenktag seiner Amtszeit Auschwitz. Das ist ein großes Zeichen von Engagement und Sensibilität, das wir sehr ernst nehmen.
Viele Menschen reagieren auf Themen, die mit der NS-Diktatur zu tun haben, ablehnend. Wie groß ist die Gefahr der Abnutzung des Holocaust-Gedenktags?
Natürlich gibt es leider Menschen, die sagen, das kann ich alles nicht mehr hören. Für uns Juden ist das natürlich etwas völlig anderes. Wir denken an diesem Tag an sechs Millionen Menschen, die ermordet wurden und nicht einmal ein Grab haben. Ihre Gräber sind allein unsere Gedanken und Gefühle, die uns tagtäglich begleiten. Deshalb dürfen und werden wir sie auch niemals vergessen. Aber auch für Nicht-Juden ist der Holocaust-Gedenktag eine wichtige Gelegenheit, innezuhalten. Gedenken soll kein Selbstzweck sein, sondern den Zweck haben, zu einem besseren Selbst zu kommen. Wir sollten die Vergangenheit würdigen, um zugleich alle mehr Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.
Der Tag wurde ja auch nicht zuletzt eingeführt, um der „Gefahr einer Wiederholung entgegenzuwirken“. Wie groß ist diese Gefahr angesichts aufstrebender rechtspopulistischer Bewegungen in Deutschland und Europa?
Gerade diese besorgniserregende Entwicklung zeigt, dass der Holocaust-Gedenktag nicht dazu da ist, dass wir Juden mit dem Finger auf andere zeigen. Wir alle müssen auf uns selbst zeigen und mehr tun, damit sich Ähnliches nicht wiederholt. Mir ist auch wichtig zu betonen, dass wir den Menschen, die heute in Deutschland leben, keinerlei Schuld zusprechen. Das wäre absolut ungerecht und einfach falsch. Es geht allein um die Verantwortung, wissen zu wollen, um Ähnliches wie damals verhindern zu können.
Ende vergangenen Jahres haben Sie dazu aufgerufen, einen neuen Anlauf für ein NPD-Verbot zu unternehmen. Warum ist das wichtig?
Die NPD, die sich ja gerade frisch mit der DVU vereinigt hat, rechnet sich gute Chancen bei einigen Landtagswahlen in diesem Jahr aus. Für mich ist es ein Skandal, dass die NPD Steuermittel bekommt, parlamentarische Plattformen und den Anschein von Legalität missbrauchen kann. Anfang Januar hat die NPD sogar in einer Berliner Schule getagt. Die Politik hat versucht, das zu verhindern, hatte aber keine Chance, weil Gerichte gesagt haben, die NPD sei eine zugelassene Partei mit Parteienprivileg und dürfe deshalb in einer Schule eine Versammlung abhalten. Das ist doch eine Schande! Und in anderen Ländern in Europa sind rechtsradikale Parteien ja noch weitaus stärker. Diese Entwicklung müssen wir alle sehr ernst nehmen, gerade weil die neuen Faschisten versuchen, unsere Jugend durch ihr braunes Gift für sich zu gewinnen.
Der Islam scheint sich zu einem neuen Feindbild zu entwickeln. Wie bewerten Sie die zunehmende Ablehnung von Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland?
Ich finde diese Entwicklung schrecklich. Wir vom Zentralrat waren die allerersten, die in der Sarrazin-Debatte die Stimme erhoben und gesagt haben, dass Integrationsprobleme zwar ernst genommen werden müssen. Dass aber Menschen derart herabwürdigend und respektlos behandelt werden, darf nicht sein. Schon Ignatz Bubis hat sich entschlossen gegen die Diskriminierung von Menschen mit muslimischem Glauben eingesetzt. Wir tun das heute nicht weniger überzeugt. Aus unserem jüdischen Erbe heraus treten wir stets für Minderheiten ein. Schließlich wissen wir aus eigener Erfahrung, wie schlimm es ist, als Minderheit diskriminiert zu werden. Der Zentralrat will nicht nur Stimme für jüdische Themen sein, sondern jüdische Stimme für alle Themen, die wichtig sind.
Nicht zuletzt haben Sie bei Ihrem Amtsantritt im November gesagt, die Opferrolle reiche für die Juden nicht aus. Der Zentralrat müsse zeigen, dass er nicht nur kritisiert. Welche Rolle möchte der Zentralrat in Zukunft spielen?
Es stimmt: Der Zentralrat und die jüdische Gemeinschaft dürfen sich nicht auf die Opferrolle konzentrieren, andererseits auch nicht von außen nur darauf reduziert werden. Wir sind keine depressive Trauergemeinschaft und dürfen den Holocaust nicht als Ersatzidentität ansehen, sondern müssen unsere neue Zukunft mit einem positiven, frischen „Spirit“ gestalten. Gerade am 27. Januar ist es gut zu sehen, dass wieder ganz neues jüdisches Leben in Deutschland wächst. Durch den Zuzug neuer Mitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion haben wir neue Kraft bekommen, neue Dynamik, eine ganz neue Perspektive. Das ist eine große Chance, die wir nutzen müssen. Das Gedenken wird damit natürlich nicht obsolet. Wir sind aufgefordert, die Stafette der Erinnerung weiterzutragen. Dafür brauchen wir Menschen, die zuhören wollen und die die Vergangenheit überhaupt interessiert.
Bedeutet diese neue Rolle auch, sich zur Politik Israels zu äußern?
Selbstverständlich. Israel und die Menschen dort liegen uns sehr am Herzen. Das heißt allerdings nicht, dass jeder von uns jedes Detail der israelischen Politik gutheißt. Das machen die Menschen in Israel ja auch nicht. Das ist die Freiheit der Demokratie. Und Israel ist nun mal die einzige Demokratie in der ganzen Region – das könnte ruhig mehr gewürdigt werden.
Interview: Kai Doering
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