Interview mit Franziska Drohsel „Wir müssen unser Menschenbild verteidigen“

von Birgit Güll, Kai Doering - 12.03.2010
Menschenwürdige Existenzsicherung darf sich nicht an die Bereitschaft zur Arbeit knüpfen, fordert Franziska Drohsel. In der aktuellen Hartz-IV-Debatte kritisiert die Juso-Bundesvorsitzende Guido Westerwelle. Dieser gefährde mit seinen Äußerungen humanistische Grundprinzipien.

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass die Hartz-IV-Sätze neu berechnet werden müssen. Was muss die Regierung nach diesem Urteil tun?

Franziska Drohsel: Der Bedarf für Kinder und für Erwachsene muss neu ermittelt werden – seriös und gründlich. Nach meiner Einschätzung müssten die ALG-II-Sätze erhöht und ein eigenständiger Regelsatz für Kinder eingeführt werden. Ich denke nicht, dass ihr Bedarf sich von jenem der Erwachsenen ableiten lässt. Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass das gesamte ALG-II-System kritisch hinterfragt und evaluiert wird. Die Verschärfung der Zumutbarkeits-Kriterien und die Sanktionen gegen Arbeitslose führen Menschen nicht zurück in die Arbeitswelt. Sie setzten sie unter extremen Druck. Das führt zu mehr, statt zu weniger sozialer Ausgrenzung und ist falsch.

Nach dem Urteil ist die Debatte über Hartz IV neu entbrannt. Sie haben Guido Westerwelle in einem Interview "Nützlichkeits-Darwinismus" vorgeworfen. Was meinen Sie?

Ich beobachte in unserer Gesellschaft eine Stimmung, die Menschen in nützliche und nutzlose Menschen teilt. Es gibt eine immer stärkere Ausgrenzung von Erwerbslosen. Sie müssen sich anhören, dass sie faul seien und sich nicht einbringen würden. Dabei muss Arbeitslosigkeit als gesellschaftliches Problem behandelt werden und darf nicht zum individuellen verklärt werden. Außerdem ist solch eine Stimmungsmache diffamierend und ausgrenzend. Auf die Spitze wird es dann von denen getrieben, die Menschen, die nicht bereit sind sich „nützlich“ einzubringen, das Recht auf eine menschenwürdige Existenzsicherung absprechen. Das ist ein Menschenbild und eine Vorstellung von gesellschaftlichem Zusammenleben, das letztlich sogar gegen unsere Verfassung verstößt.
Laut unserer Verfassung gibt es ein Recht auf Leben - und zwar nicht qua dessen, dass man arbeitsfähig und arbeitsbereit ist, sondern qua dessen, dass man Mensch ist in dieser Gesellschaft. Und daran knüpft sich, dass man das Notwendige zum Leben bekommt. Die Äußerungen von Guido Westerwelle verstärken die Stimmung, Menschen, denen unterstellt wird, sich nicht "nützlich" einzubringen, auszugrenzen. Das ist gefährlich.

Was kann man dagegen tun?

Man kann offensiv dagegen halten. Wir müssen unser Menschen- und Gesellschaftsbild verteidigen. Wo kommen wir hin, wenn es in dieser Gesellschaft einen Arbeitszwang gibt und menschenwürdige Existenzsicherung sich an die Bereitschaft zu arbeiten knüpft? Hier geht es nicht um super-linke Gesellschaftskritik, sondern um humanistische Grundprinzipien.
Der Leistungs-Diskurs läuft seit Jahren. Guido Westerwelle hat ihn nur populistisch getoppt. Ich frage mich, aus welchem Grund es keine stärkere Gegenstimmung gibt. Einfaches Gesetzesrecht müsste so geändert werden, dass deutlich wird: In dieser Gesellschaft hat jeder ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben. Das hieße beispielsweise Sanktionen abzuschaffen. Das wäre ein ganz klares Signal.

Interview: Kai Doering, Birgit Güll

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Gegenseitige Solidarität

Bild von Hendrik Bollmann

Es gibt viele und gute Wege, um aus sozialdemokratischer Sicht gegen die unertäglich populistische Auffassung Westerwelles zu argumentieren. Franziskas Weg allerdings ist genau der falsche, weil sie dabei die andere Seite der Realität ausblendet.
Selbstverständlich sind Arbeitslose in ihrer Situation erst einmal Opfer. Und noch schlimmer trifft es Kinder in Problemvierteln, deren Eltern bereits in der zweiten Generation arbeitslos sind, wo geregelte Arbeit etwas völlig unbekanntes ist und sozialer Aufstieg als Ziel aus dem Auge verloren geht, weil man sich abgehängt fühlt.
Man sollte allerdings eines bedenken. Selbst wenn der flächendeckende Mindestlohn durchgesetzt werdn kann, heißt es nicht, dass die unteren Einkommensschichten in Saus und Braus leben werden. Die Spanne zwischen ALG2 und Mindestlohn wird auch in diesem Fall so gering sein, dass sie ein ambivalentes Gerechtigkeitsempfinden auslösen wird. Und dennoch finanzieren auch die Menschen im Niegriglohnbereich in einem Solidaritätsakt über ihre Beiträge dieses Sozialsystem mit.
Ist da nicht auch ein Solidarakt der ALG2-Bezieher von Nöten, um diesem guten und solidarischen Sozialsystem seine Legitimation vor der Bevölkerung zu sichern? Solidarität ist keine Einbahnstraße.
Von daher halte ich die jetzigen Instrumentarien, um ALG2-Empfänger in Arbeit zu bringen für vertretbar - wenn auch für höchst überarbeitungsbedürftig.
Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: das hat nichts mit der Westerwellschen Auffassung von Zwangsarbeit an Schüppe und Besen zu tun. Die Arbeit muss dazu dienen um die Würde wieder zu finden. Solche Arbeit bereitzustellen ist ein Akt zweiseitiger Solidarität zwischen Gesellschaft und Arbeitslosem, zu dem aber die auch möglichst freiwillige (!) Annahme des Arbeitsangebots gehört. Hier hat Hannelore Kraft mit ihrem Vorstoß der öffentlichen Diskussion einen wichtigen Impuls gegeben. Freiwilligkeit und Wiederherstellung von Würde, statt Zwangsarbeit und populistischer Schuldzuweisung.
Der zweiseitige Akt der Solidarität muss am Ende aber stehen. Alles andere lässt in einer noch so sachlichen Diskussion dem Wachmann oder Friseur-Angestellten nicht erklären.

Menschenwürdige Existenz

Bild von Rolf Ullrich

Die Genossin denkt viel zu pessimistisch. Man müsste mal in den Gängen der Arbeitsagenturen eine Umfrage starten, wer denn nun gerne Schneeschaufeln würde. Ich glaube, die öffentlichen Orte wären bald schneefrei, wären da nicht immer diese bürokratischen Sachzwänge und das Kompetenzgerangel gerade in diesen Sphären, wer was wann überhaupt darf. Dass die Jungs von der FDP ein bisschen abgehoben sind, im Elfenbeinturm sitzen, ergibt sich aus all dem zwangsläufig. Auch einfachste Jobs müssen erst mal vergeben werden. Da liegt eher das Geld auf der Straße, als dass man blindwütig drauflosarbeiten könnte.

Daß Konkurrenz inhuman sein

Bild von Markus

Daß Konkurrenz inhuman sein kann, weiß man ja; daß diese auch widernatürlich ist, ist eine interessante neue Erkenntnis.

http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=230156

"Prinzip Menschlichkeit" eben, Herr Westerwelle!

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