Sineb El Masrar, 1981 als Tochter marokkanischer Einwanderer in Hannover geboren, wuchs in Niedersachsen auf und gründete 2006 mit „Gazelle“ das einzige multikulturelle Frauenmagazin Deutschlands. Am 4. Oktober erscheint im Eichborn-Verlag ihr Buch „Muslim Girls“, in dem sie das Leben moderner Muslimas in Deutschland beschreibt.
vorwärts.de: Sie bezeichnen sich selbst als „Muslim Girl“. Was muss man sich darunter vorstellen?
Sineb El Masrar: Man ist hierzulande sehr daran gewöhnt, in Schubladen zu denken. Da fallen dann Begriffe wie Migrantin, Türkin oder Muslima und macht dadurch eine gewisse Zahl von Frauen zu Außenseitern. Um Klischees aufzubrechen und über muslimische Frauen allgemein zu schreiben, habe ich für sie den Begriff „Muslim Girls“ erfunden. Hier bediene ich selbst das Schubladendenken. Muslim Girls hat etwas Poppiges, Ungezwungenes und Freies – also Dinge, die man mit muslimischen Frauen im Allgemeinen eher nicht verbindet. Dabei sind muslimische Frauen in der Mehrzahl sehr fröhlich, humorvoll und haben unterschiedliche Charaktere. In meinem Buch packe ich sie erstmal in eine große Schublade und klebe das Etikett „Muslim Girls“ darauf. Und dann gebe ich dem Leser die Möglichkeit, nach und nach herauszufinden, wie vielfältig wir doch sind und was uns eigentlich im Leben so beschäftigt. Und das ist nicht wirklich das, was man aus vielen Medien gewohnt ist.
Was beschäftigt die Muslim Girls?
Sie sind Mädchen und Frauen und somit beschäftigt sie auch dasselbe, was alle anderen Frauen nicht muslimischen Glaubens auch beschäftigt. Sie wünschen sich ein schönes Familienleben, einen Partner und häufig auch Kinder. Wollen die Welt sehen, sich selbst verwirklichen. Leider gibt es für uns aber viele Barrieren in der Gesellschaft etwa in der Schule oder im Beruf. In der Schule wird man wie andere nicht deutsch-deutsche Mitschüler anders bewertet. Häufig entscheiden andere für uns, weil sie uns angeblich kennen, uns angeblich sogar helfen wollen. Das kann manchmal die Familie sein, ist aber viel häufiger die Schule, Uni, oder der Arbeitgeber. Wenn wir uns dann zu Wort melden und selbst unseren beruflichen Weg einschlagen wollen, werden wir häufig nicht ernst genommen. Als Folge müssen wir uns doppelt so stark beweisen, um halbwegs dieselbe Anerkennung zu erhalten. All das beschäftigt uns viel mehr als das Themen Zwangsheirat und Ehrenmord, die uns von der Gesellschaft immer wieder aufgezwungen werden, mit denen aber die Mehrzahl der muslimischen Frauen gar nicht in Berührung steht. Was allerdings im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass uns diese Vorfälle nicht traurig machen und uns ärgern.
In Ihrem Buch schreiben Sie: „Manche wissen so gut wie nichts über uns.“ Woran liegt das?
Dafür gibt es viele Gründe. Zum Teil muss man tief in die Einwanderungsgeschichte zurückgehen. Muslimische Frauen der ersten Stunde wurden ja lange ignoriert. Sie wurden wie die Männer auch als sogenannte Gastarbeiter angeworben. Viele Frauen der ersten Einwanderergeneration kamen vor ihren Männern oder auch als Single nach Deutschland und waren erstmal ganz auf sich allein gestellt. Niemand hat sich aber für diese Frauen interessiert. Als die Männer dann aber ihre Familien nachholten, kam dann die eine oder andere tragische Geschichte auf, wo ein Mann seine Frau einsperrte, niedergeschlagen hat oder Mädchen mit ihren Cousins gegen ihren Willen verheiratet wurden. Viele Medien haben diese Tragödien – die auch immer eine gute Auflage und Öffentlichkeit garantieren – nach außen getragen. So herrscht heute in vielen Köpfen ein bestimmtes Bild über Muslime vor – egal ob gläubig oder nicht. Für so manche Persönlichkeit in der Öffentlichkeit sind Einwanderer und insbesondere Muslime zudem heute sehr willkommene Sündenböcke. Wenn es heißt, dass das Bildungsniveau sinkt, dann sind für sie die Einwanderer und insbesondere die Muslime daran schuld. Damit lenkt man nur von dem eigentlichen Problem ab – nämlich von seinem eigenen Versagen in der Bildungspolitik.
Wie kann man das ändern?
Zunächst einmal indem man anfängt zuzuhören und aufhört, seine Interessen auf unserem Rücken durchzusetzen. Die Stimmen der „muslimischen“ Frauen sind unterschiedlich. Weil sie unterschiedlich sozialisiert sind, aus unterschiedlichen Familienhäusern stammen und verschiedene Erfahrungen gemacht haben. All diese Frauen haben etwas zu erzählen, haben einen reichen Erfahrungsschatz, auf den man bei Problemlösungen zurückgreifen kann. Es muss endlich ein wirklicher Austausch stattfinden, ein Wissensaustausch auf vielen Ebenen. Hierbei soll nichts unter den Teppich gekehrt werden. Keine muslimische Frau leugnet, dass es in ihren Communitys Schieflagen gibt, die angepackt werden müssen. Aber auch das Mitleid muss aufhören. Man möchte ernst genommen werden und auch nicht für das gute Gewissen der anderen missbraucht werden, damit sich ein anderer Teil der Gesellschaft auf unsere Kosten besser fühlt oder sich aufwerten kann.
Welche Rolle spielt eigentlich das Bild des Kopftuchs in diesem Zusammenhang?
Es ist ein Dilemma, dass das Hauptaugenmerk in der Debatte auf das Kopftuch gerichtet wird. Viele Frauen, die ein Kopftuch tragen, sind selbstbewusst und möchten selbstbestimmt ihr Leben leben. Manche von ihnen möchten dabei auch ihre Religiosität sichtbar machen. Das Kopftuch an sich beschäftigt eine gläubige Muslima, aber meistens weitaus weniger als etwa die Frage, welches Thema ihre Magisterarbeit haben soll oder wie sie nach einer Geburt wieder in den Beruf einsteigen kann.
Diese Probleme klingen vertraut.
Weil sie genau dieselben sind wie von deutsch-deutschen Frauen auch! Wir können viel miteinander teilen, aber auch voneinander lernen. Es gibt viele Dinge, die muslimische Frauen schon viel länger auf die Reihe kriegen. Mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gehen viele muslimische Frauen z.B. viel lockerer um als ihre deutsch-deutschen Schwestern. Wir können uns häufig auch eher auf den familiären Zusammenhalt verlassen als es in so manchen deutsch-deutschen Familien leider der Fall ist. Das ändert aber trotzdem nichts an der schlechten Betreuungspolitik, für dessen Verbesserung wir uns einsetzen möchten und müssen.
Sie beklagen, dass sich Frauen mit multikulturellem Hintergrund in der deutschen Medienlandschaft nicht richtig wiederfinden. Deshalb haben Sie 2006 das Frauenmagazin „Gazelle“ gegründet. Was ist das Besondere daran?
Gazelle versteht sich als Magazin für alle Frauen in Deutschland. Und deshalb schreiben wir ausdrücklich auch für Frauen mit Zuwanderungsgeschichte. Andere Frauenmagazine machen das nicht. Das merkt man vor allem bei der Auswahl der Themen. Das ist ein Fehler, denn in Zukunft wird niemand an dieser Zielgruppe vorbeikommen. Wenn man Frauen mit Zuwanderergeschichte als Leserinnen und Abonnentinnen gewinnen möchte, muss man aber auch auf ihre Bedürfnisse eingehen. Mit Gazelle versuchen wir, alte Bilder aufzubrechen und zu schauen, wie die Gesellschaft in Deutschland heute aussieht. Auch gibt es zahlreiche deutsch-deutsche Leserinnen, die Neues erfahren und kennenlernen möchten. Wenn man da realistisch ist, sieht man schnell, dass Deutschland vielfältiger ist als vor fünfzig Jahren. Die Bevölkerung wurde bereits sehr von Zuwanderern aus anderen Herkunftsländern beeinflusst. Die Mehrheitsgesellschaft empfindet ihr neues Lebensgefühl als schick und toll, ohne sich dieser Entwicklung und des Ursprungs bewusst zu sein. Und natürlich muss sich dieser Wandel auch auf das Themenspektrum eines Magazins auswirken.
Was macht Gazelle anders?
Ich habe bei „Migrationsthemen“ häufig den Eindruck, dass versucht wird, eine Alibi-Veranstaltung zu machen, nach dem Motto: „Wir brauchen mal wieder ein Migrantenthema. Was können wir da machen?“ Und dann kommt meistens etwas Verallgemeinerndes dabei heraus, das erklärt, wie Migranten angeblich sind. Nie wird z.B. darüber gesprochen, wie eine türkischstämmige Unternehmerin ihr Geschäft aufgebaut hat und welche Tipps sie vielleicht bei der Unternehmensgründung geben kann. Mit Gazelle wollen wir den Blick genau dafür öffnen und fragen, was uns diese Frauen erzählen können. Was können wir voneinander lernen und wirklich erfahren. Unsere Leserinnen kommen mit Geschichten in Kontakt, die sie so normalerweise woanders nicht lesen könnten. Vor drei Jahren waren wir z.B. die ersten – und bisher einzigen – die ein Interview mit einer Trägerin eines Niqab (ein schwarzer Gesichtsschleier, der nur die Augen frei lässt d. Red.) im Blatt hatten.
Sie haben marokkanische Eltern, wurden in Deutschland geboren und bezeichnen sich als Muslim-Girl. Welche Identität haben Sie?
Ich sehe mich auf jeden Fall als Deutsche und als Teil dieser Gesellschaft. Das kommt allerdings nicht immer so einfach über die Lippen. Oft werde ich gefragt, woher ich „eigentlich“ komme. Und das Gegenüber ist erst dann zufrieden, wenn es sich bestätigt sieht, dass ich doch eine „Ausländerin“ bin. Das finde ich schade. Obwohl wir in Deutschland in einer Wissensgesellschaft leben, gibt es in anderen Ländern eine viel größere Sensibilität und aufrichtiges Interesse an anderen Kulturen und im Umgang mit Menschen.
Was würden Sie Ihrer Tochter wünschen, wenn sie eines Tages ein „Muslim Girl“ ist?
Naja, erst einmal wäre sie automatisch eines – nach der Schubladentheorie. Die Mutter ist ja bereits eine. Ich hoffe aber sehr, dass dann die ganze Debatte über muslimische Frauen einen ganz anderen Ton hat und sie mit einem ganz anderen Fokus wahrgenommen wird. Muslim zu sein sollte denselben Stellenwert haben wie Buddhist, Christ oder Atheist zu sein. Die Probleme, die es in der Gesellschaft gibt, sollten ehrlich angesprochen und vom Kern aus gelöst werden. Das Pochen auf die Religionszugehörigkeit und Herkunft helfen da nicht weiter, denn sie sind nicht das alleinige Hauptproblem. Im Kleinen tut sich ja bereits etwas. Sobald Deutsch-Deutsche mit Deutsch-Türken oder anderen aufwachsen, ist auch der Umgang insgesamt viel ungezwungener. Das macht es auch für die Muslim Girls einfacher.
Interview: Kai Doering
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