Lage von Lesben und Schwulen in Deutschland „Westerwelle ist eine Luftnummer“

von Kai Doering - 13.06.2010

Ansgar Dittmar ist Ortsvereinsvorsitzender der SPD in Langen und Bundesvorsitzender des Arbeitskreises Lesben und Schwule in der SPD (Schwusos).

Eine Anmeldung für die CSD-Matinee inklusive Hissen der Regenbogenfahne am 18. Juni ist noch bis zum 15. Juni möglich.

Deutschland hat einen schwulen Außenminister und doch ist die Lage Homosexueller in der Bundesrepublik nicht einfach. Sie werden verfolgt, verprügelt und sogar umgebracht. Was die Politik verändern könnte und wo konservative Kreise blockieren, sagt der Vorsitzende der Schwusos, Ansgar Dittmar, im Interview mit vorwärts.de

vorwärts.de: Am 18. Juni wollen die Schwusos zum diesjährigen Berliner Christopher-Street-Day am Willy-Brandt-Haus eine Regenbogenfahne – das Symbol der Schwulen- und Lesbenbewegung – hissen. Warum?

Ansgar Dittmar: Mit dem Hissen der Regenbogenfahne wollen wir gemeinsam mit der SPD ein deutliches Zeichen gegen Homophobie setzen und zeigen, dass Schwule und Lesben auch in der Partei angekommen sind.

Werden die Anliegen von Homosexuellen noch nicht ausreichend in der SPD berücksichtigt?

Das Programm zur Bundestagswahl im letzten Jahr war das homofreundlichste, das die SPD in ihrer 146-jährigen Geschichte hatte. Da sind wir also definitiv angekommen. Allerdings gibt es immer noch sehr viele Alltagsprobleme für Lesben und Schwule. Um deren Lösung muss und wird sich die SPD kümmern.

Wie sehen diese Probleme konkret aus?

Schwule und Lesben werden immer noch viel zu häufig offen angefeindet oder es kommt sogar zu gewalttätigen Übergriffen. Daneben gibt es unzählige kleine Sticheleien bis hin zu Mobbing. All das führt dazu, dass Schwule und Lesben ihr Leben nicht so leben können, wie sie es gerne wollen.

Aus diesem Grund starten die Schwusos am 18. Juni auch eine Unterschriftenkampagne unter dem Titel „Vielfalt statt Einfalt – Gemeinsam gegen Homophobie“. Wie drückt sich die in der Gesellschaft aus?

Sehr vielfältig. Vor allem schwule Männer werden immer wieder Opfer von Übergriffen. Sie werden gezielt abgepasst und – meistens von Gruppen – verfolgt und körperlich angegriffen. Die Übergriffe tauchen allerdings in keiner Kriminalstatistik dezidiert auf, weil sie nicht zielgruppenspezifisch erfasst werden. In der Statistik ist der Fall lediglich eine normale Körperverletzung, aber es wird nicht nach dem Hintergrund gefragt. Als einziger Anhaltspunkt bleiben uns die Erhebungen des schwulen Überfalltelefons „Maneo“. Sie können uns zumindest für Berlin die aktuellen Zahlen liefern. Für alle anderen Städte können wir die Zahl der Fälle nur vermuten.

Und was ist das genaue Ziel der Unterschriftenkampagne?

Unser Ziel ist, dass die Menschen ein Verständnis für die Probleme von Schwulen und Lesben bekommen. Nachdem es mittlerweile Usus ist, dass in jeder Seifenoper ein schwules oder ein lesbisches Pärchen mitspielt, kann man den Eindruck bekommen, dass das alles doch ganz normal ist. Im Alltag ist das aber häufig noch ganz und gar nicht der Fall. Gerade dort, wo Menschen keinen direkten Bezug zu Lesben und Schwulen haben, haben sie völlig falsche Vorstellungen. Hier soll die Kampagne aufklären aber auch aufrütteln, dass es noch erhebliche Probleme gibt, die gelöst werden müssen.

Seit der letzten Bundestagswahl hat Deutschland einen schwulen Außenminister. Der Bezug ist also da.

Der schwule Außenminister ist in der Frage eine absolute Luftnummer. Als Oppositionsführer hat Guido Westerwelle groß getönt, wenn er Außenminister ist, streicht er allen Ländern, in denen Homosexuelle diskriminiert werden, die Entwicklungshilfe. Diese Ankündigung stellt sich jetzt als der berühmte springende Tiger heraus, der als Bettvorleger gelandet ist. Auch die Bekundungen aus der FDP, Westerwelles Reisen mit seinem Lebensgefährten seien doch ein wichtiges Zeichen, sind ein Witz. Ich würde mich freuen, wenn dieses Zeichen nicht nur das Dollarzeichen in den Augen der beteiligten Personen wäre, sondern wenn es sich um politische Forderungen handeln würde. Genau die bleiben aber aus.

Was kann die Politik überhaupt für Schwule und Lesben tun?

Eine ganze Menge. Lebenspartnerschaften sind noch immer nicht mit der Ehe gleichgestellt. In vielen Bundesländern wird da massiv blockiert. Bestes Beispiel ist zurzeit Baden-Württemberg, wo die Gesetzgebung schon vor dem neuen Ministerpräsidenten Mappus sehr rigide war und sich die Situation jetzt noch verschärft hat. In der Diskussion ist auch Artikel 3 des Grundgesetzes, der um die sexuelle Identität ergänzt werden soll. Diese Forderung stand im Leitantrag der SPD zum Bundesparteitag in Dresden im letzten Jahr und von den SPD-geführten Landesregierungen im Bundesrat eingebracht wurde. Die sogenannten bürgerlichen Parteien haben die Änderung jedoch abgelehnt. Auch ist es für Lesben und Schwule immer noch nicht möglich, Kinder zu adoptieren, obwohl das häufig Menschen sind, die sich Kinder wünschen. Die Politik kann also viel tun – wenn sie endlich mal die ideologischen Scheuklappen abnimmt.

Interview: Kai Doering

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Channel: Inland  
Bundesland: Berlin  

Ansgar Dittmar

Bild von Ralf

Sehr sympatischer junger Mann, der sich engegiert und nicht nur aus parteilicher Sicht für die Rechte von Schwulen und Lesben eintritt.
Seine Arbeit wird anerkannt und honoriert - siehe: http://blog.gays.de/4995/ansgar-dittmar-als-vorstand-der-schwusos-bestae...

Bis Freitag in Berlin,
lg Ralf

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