Er ist und bleibt ein merkwürdiger Mann. Sicher ein Genie, aber auch mit den Gefahren eines Genies geschlagen. Maßlosigkeit, Irrealität und bereit, in materiellen Dingen immer seinen Partner zu erpressen“, notiert Siegfried Unseld 1975. Eine derartige „Erpressung meinerseits“, so Bernhard, markiert 10 Jahre zuvor den Beginn der Beziehung: Im Januar 1965, zwei Jahre nach Erscheinen seines Romanerstlings „Frost“, ringt der Schriftsteller dem Suhrkamp-Verleger ein Darlehen von 40 000 DM ab. Es folgt eine 24-jährige Beziehung.
„ ... charmant und zum Verzweifeln“
Mehr als 800 Buchseiten geben Einblick in harte geschäftliche Verhandlungen, einen literarischen Aufstieg und ein Wechselbad der Gefühle. „Ihre Briefe sind charmant und zum Verzweifeln“, schreibt Bernhard an Unseld. Dieser formuliert: „Sie benehmen sich unvernünftig, ungerecht, unfair.“ Und ist doch fasziniert: „Sie haben mir den geschicktesten und raffiniertesten Brief geschrieben, den mir je ein Autor zugesandt hat.“ Gerungen wird um Geld, Erscheinungstermine, Buchumschläge und alles, was sonst zum Literaturbetrieb der Zeit gehört. „In die Poesie gehört die Ökonomie in die Phantasie, die Realität in das Schöne das Grausame, Hässliche, Fürchterliche hineingemischt“, stellt Bernhard fest.
Der Schriftsteller hat einen genauen Plan, wie sein Werk inszeniert, publiziert und präsentiert werden muss. „Thomas Bernhard, der genialste Regisseur seiner selbst“, notiert Unseld anerkennend. Doch der Starrsinn des Dichters kann ihn bisweilen an den Rand der Verzweiflung treiben: „Lieber Thomas Bernhard, auch ein Verleger ist ein Mensch. Auch er braucht seine Streicheleinheiten. Wenn er nur geprügelt, wie ein Hund geprügelt wird, dann kann er ja nur noch hündisch werden...“. – Und Bernhard lenkt ein: „Dass Sie auch ein Mensch sind, ist klar, und was für ein Mensch! Und also was für ein Mensch! Und was für ein Verlag!“
„Was für ein Dichter!“
Doch der Schriftsteller kann auch anders: „Mehr und mehr stellt sich mir der Verlag als eine anonyme gegnerische Macht dar“, schreibt er. Und ein anderes Mal: „Wir stehen auf einer Eisdecke von Missverständnissen. Rühren wir uns also besser nicht, sonst brechen wir ein.“ Da hilft nur die persönliche Begegnung. Diese Treffen sind nicht immer ein Vergnügen. Das erfährt der Leser aus Unselds Aufzeichnungen, die als Fußnoten in dem eindrucksvoll edierten Briefwechsel abgedruckt sind. Die Erfahrungen gehen von „Er war reizend, liebenswürdig, ...“ bis zu „Er empfing mich mit einer halbstündigen Kanonade an Vorwürfen“.
Doch Unseld weiß, dass die Mühe sich lohnt. „Was für ein Dichter!“, notiert er. Bernhard ist kein einfacher Autor, doch er ist ein Ausnahmeschriftsteller. Sein Werk gehört zu den bedeutendsten der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Sprachmächtig bricht er das Schweigen, thematisiert die Verdrängung des nationalsozialistischen Massenmordes in seiner österreichischen Heimat. „Ich kann einen so gewaltigen Rundumschlag kaum ertragen, aber er macht es wirklich mit großer Kunst“, so Unseld. Mit den Mitteln der Sprache entlarvt Bernhard den Opfer-Mythos seiner Landsleute. Das verzeihen diese ihm nicht, diffamieren ihn als „Nestbeschmutzer“ und Wahnsinnigen.




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