Ein Lied ging in die Welt „Wann wir schreiten Seit’ an Seit’“

von Heinrich Eppe - 28.02.2007
Wanderlied der Jugend, Pausenzeichen im Rundfunk und Schlusslied bei Parteitagen der SPD. Auch Lieder haben ihre Geschichte.

Falsche Liederbücher

Den Text zu diesem Lied schrieb Hermann Claudius 1916. So steht es in den meisten Liederbüchern. Denn der Autor beschreibt 1925 in der Zeitschrift „Arbeiter-Jugend“ und dem Almanach des Arbeiterjugendverlages, wie ihn während eines Heimaturlaubes Pfingsten 1916 eine vorüber schreitende singende Jugendgruppe zu diesem Gedicht angeregt habe. Eine romantische Entstehungsgeschichte mit dem kleinen Makel, dass sie nicht wahr ist.

Der Urenkel von Matthias Claudius schrieb den Text bereits 1914

Zum ersten Mal erschien der Text des Liedes noch vor dem Weltkrieg in der Juni-Ausgabe der „Arbeitenden Jugend“, der Jugendbeilage der sozialdemokratischen Zeitung „Hamburger Echo“, im Jahre 1914.

Hermann Claudius, der Textautor wurde 1878 bei Altona geboren und starb hoch betagt 1980. Er war ein Urenkel von Matthias Claudius („Der Mond ist aufgegangen“). Zunächst arbeitete er als Lehrer. Nach einem Motorradunfall ging er 1934 in Pension und lebte als freier Schriftsteller. In die Literaturgeschichte ist er vor allem als niederdeutscher Mundartlyriker eingegangen. Vor 1933 stand er der Sozialdemokratie nahe. Der Arbeiterjugendverlag veröffentlichte eine Reihe seiner Schriften.

Vom Amtsrichter zum Arbeitersekretär

Die erste Melodie komponierte im Frühjahr 1915 Michael Englert. Er wurde 1868 im mainfränkischen Marktheidenfeld geboren, studierte Jura in Würzburg und besuchte nebenher die Musikschule. Mit 43 Jahren gab er den Staatsdienst als Amtsrichter auf und übernahm 1912 als Arbeitersekretär die Rechtsberatung bei den Gewerkschaften in Hamburg. Vielen Jugendlichen aus dem Hamburger Jugendbund brachte er das Laute- und Mandolinespielen bei. Zusammen mit Fritz Voß stellte er Arbeiterjugendchöre zusammen und arrangierte die Lieder im jugendgemäßen 3-stimmigen Satz. Er begann zu komponieren. Schon sein erstes Lied (1914) blieb bis heute bekannt: „Wir sind jung, die Welt ist offen“. Mit dem Ohrwurm „Wann wir schreiten…“ schuf er einen Klassiker.

Arbeiterjugendchöre machten es zum "Weimarlied"

Mitglieder des Hamburger Arbeiterjugendbundes brachten das Lied zum ersten reichszentralen Arbeiterjugendtag im August 1920 nach Weimar mit. Es wurde zur Hymne des Jugendtages. Innerhalb weniger Wochen verbreiteten die Jugendtagsteilnehmer das „Weimarlied“ im ganzen Reich. Bald sagen es auch Jugendorganisationen, die mit der sozialdemokratischen Jugend ansonsten wenig zu tun haben wollten, die bürgerlichen, bündischen und die konfessionellen Gruppen.

Von der SA enteignet

Katholische Bearbeiter fügten eine neue Strophe hinzu und wandelten den Refrain in „Christus, Herr der Neuen Zeit“ ab. Die Hitlerjugend und der Bund Deutscher Mädel (BDM) übernahmen es. Die SA druckte das Weimarlied in ihren Liederbüchern schon 1933 in der Kategorie „Eigene Lieder“ und sang nach der 2. Melodie von Armin Knab. Alle weltanschaulichen Richtungen konnten ihre Überzeugungen, Zukunftshoffnungen oder ihr ideologisches Gebräu in das leere Gefäß der ‚Neuen Zeit’ gießen.

Vom Weimarlied zum Pausenzeichen

Die Sozialdemokraten zogen 1933 nicht mit der ‚Neuen Zeit’. Anders der Textdichter Hermann Claudius. Noch 1940 schrieb er einen blasphemischen Hymnus auf Adolf Hitler: „Herrgott / steh dem Führer bei / dass sein Werk das deine sei / dass dein Werk das seine sei. /Herrgott, steht dem Führer bei“.

Nach dem 2. Weltkrieg war das Lied nicht vergessen. Die drei Rundfunksender der DDR verwendeten Anfang der 50er Jahre die Tonfolge des Refrains „….mit uns zieht die neue Zeit’ als Pausenzeichen.

Zurück zum SPD-LIed

Auch in der SPD lebte es fort. Als Schlusslied für Parteitage eignet es sich wohl deshalb besonders gut, weil es kein politisches Kampflied ist, aber die Solidarität und Geschlossenheit der Partei über die hitzigen Parteitagsdebatten hinweg bewegend ausdrückt. So ist es wieder geworden, was es ursprünglich war – ein Lied der Sozialdemokratie.

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AutorIn: Heinrich Eppe  

Anbei sei aus einem weiteren

Bild von Cornelia

Anbei sei aus einem weiteren historischen Lied der SPD, welches zur Stunde hoffentlich zukunftsweisend ist, zitiert:
"Nicht predigen wir Hass auf die Reichen, doch fordern wir unser Recht!"

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