Studienfinanzierung „Von Chancengerechtigkeit weit entfernt“

von Kai Doering - 10.07.2009
Geldsorgen sind für Abiturienten der Hauptgrund, auf ein Studium zu verzichten. Dies ergab eine Studie im Auftrag des Reemtsma Begabtenförderungswerks, die in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde. Im Interview mit vorwärts.de erklärt der Leiter des Werks, Michael Wenzel, was sich bei der Studienfinanzierung ändern muss.

vorwärts.de: Haben Sie mit den Ergebnissen der Studie gerechnet?
 
Michael Wenzel: In ihrer Deutlichkeit haben uns diese Ergebnisse überrascht. Von der Verwirklichung des Leitbildes Chancengerechtigkeit sind wir offensichtlich weit entfernt. Für die Zukunft des Landes ist es unerlässlich, dass die Studienwünsche begabter und motivierter junger Menschen nicht an der Finanzierung scheitern.

Vor allem Kinder aus finanzschwachen Haushalten werden laut der Studie abgehalten zu studieren. Soziale Ungleichheiten werden so verstärkt. Was kann man dagegen tun?
 
Die von Allensbach durchgeführte Umfrage zeigt deutlich, dass die Betroffenen sowohl von der Politik als auch von der Wirtschaft erwarten, sich beim Thema Studienfinanzierung einzubringen. Mit Blick auf unsere eigenen Aktivitäten sehen wir das als Bestätigung des Weges, den das Reemtsma Begabtenförderungswerks seit 50 Jahren beschreitet und als klaren Appell, das Engagement fortzuführen.
 
Welche Rolle spielen Studiengebühren  in Hinblick auf die Finanzierungsprobleme?
 
Das Thema Studiengebühren stand nicht im Vordergrund, deshalb können wir das mit den vorliegenden Ergebnissen nicht beantworten. Prinzipiell ist es natürlich so, dass Studiengebühren die Finanzierungsprobleme eher zuspitzen werden. Es sei denn – und das ist ein ganz wichtiger Punkt – es gibt ein System, das es motivierten Studenten trotzdem ermöglicht, zu studieren. In anderen Ländern ist das schließlich auch möglich. Hier muss sich einerseits die Politik fragen, ob sie alles tut, was nötig ist. Gleichzeitig betrifft dies jedoch auch die Wirtschaft: Sie ist auf gut ausgebildete junge Menschen angewiesen und sollte das ihrige tun, dies zu fördern. Ein bewährtes Mittel dafür sind Stipendien.
 
Doch auch hier werden Ihrer Studie zufolge Kinder aus reichen Elternhäusern bevorzugt. Wie kommt das?
 
Die Studie stellt fest, dass Kinder mit einem sogenannten bildungsfernen Hintergrund bei Stipendienbewerbungen unterdurchschnittlich erfolgreich sind. Das ist eine neue und sehr brisante Erkenntnis. Die Warum-Frage kann die Studie – die wir ja in dieser Form zum ersten Mal durchgeführt haben – allerdings nicht beantworten. Das ist sozusagen eine Steilvorlage für weiterführende Untersuchungen. Generell wird deutlich, dass die existierenden Stipendienangebote offensichtlich nicht bekannt sind und dass die meisten Studenten die Chancen auf ein Stipendium als verschwindend gering einschätzen. Hier besteht immenser Informations- und Aufklärungsbedarf.
 
Welche Rolle spielt die soziale Herkunft bei der Vergabe von Stipendien des Reemtsma Begabtenförderungswerks?
 
Das Reemtma Begabtenförderungswerk vergibt Stipendien an begabte Schüler und Studenten, deren Familien ihr Studium nicht oder nur sehr begrenzt unterstützen können. Weitere Kriterien wie z.B. soziales Engagement fließen in die Beurteilung des Bewerbers mit ein. Die einzelnen Kriterien werden von der Auswahlkommission bewertet. Das monatliche Einkommen der Eltern darf bei Schülern 3675 Euro und bei Studenten 5400 Euro brutto nicht übersteigen. Durch Geschwister kann dieser Betrag erhöht werden.

Interview: Kai Doering

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Channel: Kultur  
AutorIn: Kai Doering  

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