Die Studie "Sprichst du Politik" kann auf der projekteigenen Website als pdf-Dokument heruntergeladen werden. Informationen zur Initiative "Junger Rat für Mast" sind auf der Seite von Katja Mast abrufbar.
„Wie cool, dass mal jemand mit uns redet“, war die Reaktion eines Jugendlichen, als er nach seiner Wahrnehmung von Politik gefragt wurde. Dass der Austausch für ihn ebenso erwünscht wie unerwartet war, offenbart ein Grundproblem, das die Autoren der Studie „Sprichst du Politik“ akribisch beschreiben: Es besteht eine große Kluft zwischen dem Interesse junger Menschen an politischen Themen und der Darstellung von Politik im öffentlichen Raum. Diese Kluft, so die Forscher, sei vor allem eine sprachliche.
„Der Anlass für die Studie war unter anderem die Tatsache, dass die Wahlbeteiligung bei jungen Menschen seit Jahren am niedrigsten ist“, erklärt Bettina Fackelmann, Professorin an der design akademie berlin. In ihren Vorlesungen habe sie festgestellt, dass sich nur wenige Studenten an politischen Diskussionen beteiligten. „Woher kommt diese Distanz?“, wollte sie wissen und startete mit Studenten ein Forschungsprojekt über die Wahrnehmung politischer Sprache durch junge Wähler.
Distanz zum politischen Geschehen
„Die Ergebnisse sind mitunter überraschend, vor allem aber ein Aufruf zum Handeln“, betont Fackelmann. Die Aussage „Die Jugend von heute interessiert sich nicht für Politik“ sei falsch. Vielmehr gebe es ein Problem der Kommunikation politischer Inhalte. Befragt wurden 16- bis 19-jährige Schüler an verschiedenen Berliner Schulen, dazu füllten 30.000 Menschen dieser Altersklasse Online-Fragebögen aus, die über das soziale Netzwerk „studiVZ“ verfügbar waren. 73 Prozent der jungen Frauen kommen demnach im privaten Bereich kaum mit politischen Themen in Verbindung und nur 38 Prozent der Schüler sind der Meinung, dass sie ihr Lehrer dabei unterstützt, eine eigene politische Meinung zu entwickeln.
Eine Mehrheit findet außerdem, dass die Medien nicht objektiv genug berichten, während gleichzeitig das Bild von Parteien als „Zwangsgeräte“ dominiert. „Viele glauben an eine Verschwörung von Politik und Industrie, der eine empfundenen Fremdsteuerung zugrunde liegt“, resümiert Fackelmann. Ihr zufolge ist jedoch die „Abgehobenheit“ der politischen Sprache die wesentliche Ursache für die Distanz von Jugendlichen und Politik.
Politikunterricht ab der 5. Klasse
Um dies zu ändern, richten die Autoren konkrete Botschaften an Medien, Politik und Schulen. Der Politikunterricht sollte für alle Schulformen verbindlich sein und schon ab der fünften Klasse angeboten werden, heißt es in der Studie. Die Medien dürften dabei nicht die Floskeln der Politiker übernehmen, sondern sollten Unverständliches übersetzen, um eine Debattenkultur anzustoßen, an der jeder teilnehmen kann. Und was wünschen sich die Schüler von den Politikern? „Redet so, dass wir euch verstehen. Legt das Manuskript beiseite und sprecht in eurer Alltagssprache, direkt, offen und unkompliziert.“
Ein Beispiel dafür gibt die Bundestagsabgeordnete Katja Mast, die in ihrem Wahlkreis Pforzheim Enzkreis das Gespräch mit Schülern sucht. Unter dem Motto „Junger Rat für Mast“ lässt sie sich von den Jugendlichen bei politischen Themen beraten und versucht, ihre Anliegen in den politischen Entscheidungsprozess einzubringen. Dies sei sehr bereichernd. Bei einem Gespräch über soziale Gerechtigkeit wollten die Schüler beispielsweise lieber über Kinderarmut reden. Dazu hatten sie Videos vorbereitet und machten einen Vorschlag, der mittlerweile breit diskutiert wird: Das Arbeitslosengeld sollte nicht nur als Geld an die Eltern gehen, sondern in Bildungsangebote für die Kinder fließen.
„Die Politik muss als Prozess vermittelt werden, an dem jeder teilnehmen kann“, findet die Abgeordnete. Die Demokratie brauche Demokraten, zitiert sie Friedrich Ebert, sie dürfe dabei aber nicht vom Bildungsgrad abhängen. Deshalb gehe sie in die verschiedensten Schulen – und sei bei facebook aktiv. Die sozialen Medien sprächen die Jugendlichen an und könnten so auch für politische Themen genutzt werden. In erster Linie würden sie aber dazu beitragen, „Distanz abzubauen“.
Politisches Interesse bei Schülern
Um diese Distanz geht es auch in der Podiumsdiskussion. Zenna Gürgen, die gerade in Berlin ihr Abitur gemacht hat, findet aber, dass sie nicht nur durch die unverständliche Sprache entsteht, sondern durch die „Auffassung, dass es nichts bringt, selbst aktiv zu werden“. Ein guter Weg sei Masts Projekt der direkten Begegnung. So berichten auch die Autoren der Studie, dass viele Schüler „aufgeblüht“ seien, wenn eine Diskussion in Gang kam. „Umso erstaunlicher war die Haltung vieler Lehrer, die den Jugendlichen nicht zutrauten, über politische Themen zu reden“, betont Bettina Fackelmann im Hinblick auf die Anfragen ihres Teams bei den Schulen.
Die Verantwortung für die politische Bildung liege aber nicht nur bei den Schulen, bemerkt Mast: „Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“ Hier kommen die Diskutanten auf die Sprache zurück. „Die Funktion der Sprache ist, dass wir uns verstehen“, sagt Fackelmann. Dadurch vermittele sie zwischen den Menschen. Viele ihrer Freunde, erzählt Zenna Gürgen, glauben, in der Politik gelte keine Ehrlichkeit. Dem anderen sein Wort zu geben, auf das er sich verlassen kann, so möchte man hinzufügen, hält die Gesellschaft zusammen. Wenn es verstanden wird.
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