Europaparlament beschließt Stockholm-Programm „Im Mittelpunkt stehen die Bürgerrechte“

von Kai Doering - 25.11.2009

Das Stockholm-Programm wurde von der schwedischen EU-Ratspräsidentschaft bei ihrem informellen Treffen vom 15. bis 17. Juli 2009 vorbereitet und nach dem Ort seiner Veröffentlichung benannt. Nach der Stellungnahme des Europaparlaments heute und der Beschlussfassung der Innen- und Justizminister der EU am 1. Dezember wird es den Staats- und Regierungschefs beim Europäischen Rat in Brüssel am 10. und 11. Dezember zur endgültigen Abstimmung vorgelegt.

Als Nachfolgeprogramm des Haager Programms enthält es die Richtlinien für die Innenpolitik der europäischen Staaten für den Zeitraum von 2010 bis 2015. Hauptanliegen ist es, die bürgerlichen Freiheiten im EU-Recht zu konsolidieren und zu stärken.

Mit dem Stockholm-Programm gibt sich die Europäische Union den innenpolitischen Fahrplan für die kommenden fünf Jahre. Das Europaparlament hat heute in Straßburg seine Stellungnahme verabschiedet. Endgültig entscheidet der Europäische Rat Mitte Dezember. Die SPE-Abgeordnete Birgit Sippel erklärt, was sich mit dem Programm ändert.

vorwärts.de: Wo liegen die Schwerpunkte des Stockholm-Programms?

Birgit Sippel: Im Mittelpunkt stehen die Bürgerrechte. Seit 2001 lag der Schwerpunkt bei der Terrorismusbekämpfung, da gab es zuletzt ein Ungleichgewicht. Deshalb werden die Bürgerrechte in der nächsten Zeit mehr Raum bekommen. Dazu zählen die Bekämpfung des Menschenhandels und der Kinderpornografie sowie stärkere Prävention und ein verbesserter Opferschutz. Ein wichtiges Thema ist auch die Migration und hier vor allem die Asylpolitik. Besonders im Mittelmeerraum haben wir eine zunehmende Anzahl von Flüchtlingen. Unsere gemeinsame Verantwortung ist es, einen Weg zu finden, damit umzugehen.

Welche konkreten Maßnahmen sieht das Stockholm-Programm bei der Asylpolitik vor?

Das Stockholm-Programm gibt nur den Rahmen vor und beschreibt die Herausforderungen. Darauf aufbauend werden wir in den kommenden Jahren die konkreten Gesetze beschließen. Bei der Asylpolitik wird es darum gehen, die Bereitschaft der Mitgliedstaaten zu stärken, Asylbewerber aufzunehmen. Die Herausforderung ist hierbei, eine größere Akzeptanz der europäischen Bevölkerung für Asylbewerber zu erreichen. Dafür müssen auch Modelle entwickelt werden, wie wir illegale Migration bekämpfen. Und die Staaten an den Außengrenzen brauchen Unterstützung um einerseits die Grenzen zu sichern und andererseits eine sichere Zuflucht für schutzbedürftige Personen zu gewährleisten.

Angeblich soll hierbei ja in Zukunft auch das Militär stärker eingebunden werden. Stimmt das?

Manche Staaten im Mittelmeerraum versuchen schon jetzt, Flüchtlingsboote gar nicht erst an ihren Küsten anlanden zu lassen. Das kann aber nicht die Lösung sein. Unsere Aufgabe muss es sein, die Mittelmeerländer dabei zu unterstützen, korrekt mit den Flüchtlingen umzugehen. Es kann nicht darum gehen, alle Flüchtlinge abzuweisen oder zurückzuschicken und damit billigend in Kauf zu nehmen, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken. Stattdessen muss es schnell ein geordnetes Asylverfahren geben, damit entschieden werden kann, wer tatsächlich einen Fluchtgrund hat und aufgenommen werden muss, sofern eine Rückführung in ein sicheres Drittland ausgeschlossen ist.

Einen anderer Punkt, der am Stockholm-Programm kritisiert wird, sind die geplanten länderübergreifenden Online-Durchsuchungen. Droht ein europäischer Überwachungsstaat?

Natürlich müssen Polizeibehörden in der Lage sein, einen Blick ins Internet zu werfen, um zu sehen, was dort passiert. Aber das darf nur gezielt geschehen – etwa bei Seiten mit kriminellem Hintergrund. Eine generelle Freigabe, sich in Internetseiten zu hacken und Daten zu erfassen, darf es nicht geben. Im Grundgesetz ist die Unverletzlichkeit der Wohnung mit gutem Grund verankert. Im übertragenen Sinne gilt sie auch für Internetseiten. Wenn hier durchsucht werden soll, muss es einen richterlichen Beschluss dafür geben – und zwar in jedem Einzelfall.

Nicht umsonst soll Europa mit Hilfe des Stockholm-Programms zu einem einheitlichen Rechtsraum werden. Allerdings halten sich schon jetzt viele Staaten nicht an gemeinsame Beschlüsse. Ändert sich da jetzt etwas?

Das Stockholm-Programm verzichtet bewusst darauf, ausschließlich auf neue Instrumente zu setzen. Stattdessen wollen wir im Dialog mit den Staaten erreichen, dass das, was bereits beschlossen wurde, auch wirklich angewandt wird. Bei 27 Staaten mit einer unterschiedlichen Rechtstradition ist es schwierig, immer den einzelnen rechtlichen Rahmen im Blick zu behalten. Die strittige Frage ist häufig, ob sich die einzelnen Behörden bei der grenzüberschreitenden Kriminalität auf Daten und Informationen benachbarter Kollegen verlassen können. Da gibt es oft Vorbehalte, weil man die jeweils anderen Systeme nicht so genau kennt. Von europäischer Seite gibt es u. a. Überlegungen, gemeinsame Standards zu schaffen und ein Austausch-Programm für Polizei- und Justizbehören ins Leben zu rufen, um gegenseitiges Vertrauen zu schaffen.

Heute ist die Stellungahme des Europaparlaments zum Stockholm-Programm verabschiedet worden. Einige Punkte waren strittig. Welche?

Es gibt bei der Stellungnahme des Parlaments gewisse Sollbruchstellen. Die Konservativen akzeptieren bisher nicht, dass es bei der Frage der Bürgerrechte uns hier konkret bei der Familienzusammenführung auch um die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften geht. Dennoch ist es uns gelungen, eine breite Mehrheit für unsere Stellungnahme zu erreichen. Dies kann der Europäische Rat im Dezember berücksichtigen, er muss es aber nicht.. Wir haben uns positioniert, doch unsere Position ist für die Mitgliedsstaaten nicht bindend.

Was ist der Beschluss von heute wert, wenn der Europäische Rat im Dezember sich daran nicht halten muss?

Der Rat muss sich nicht an das halten, was wir beschließen. Es ist aber auch nicht die entscheidende Frage, welche unserer Punkte er aufnimmt. Wichtiger ist, dass wir als Parlament einen roten Faden entwickelt haben. Dieser legt fest, welche Punkte für uns entscheidend sind. Sobald es dann ab dem kommenden Jahr an die konkrete Gesetzgebung geht, bei der wir mitentscheiden können, wissen wir, woran wir unsere Zustimmung zu den Vorschlägen der Kommission festmachen. Da wird der Lackmustest kommen, ob es die Mitgliedstaaten mit dem Schutz der Bürgerrechte ernst meinen.

Interview: Kai Doering

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Online-Durchsuchung von Webseiten ?

Bild von Siegfried Schlosser

Ach Birgit, ach Kai

nicht verstanden, was mit einer Online-Durchsuchung gemeint ist ? Oder ist das Nicht-Nachfragen Absicht ??

Einfach mal ins BKA-Gesetz schauen und schaudern ...

hier: http://bundesrecht.juris.de/bkag_1997/ mal in die §§ 20a ff einlesen... Webseiten kommen da nicht vor. Wie man da auf diese Idee kommen kann ....

EU-Projekt INDECT

Bild von Eurobuerger

Sehr geehrte Frau Sippel,

die Europäische Kommission hat 1,4 Milliarden Euro speziell für die Sicherheitsforschung zur Verfügung gestellt. Der Name ist “Seventh Framework Programme for Research (FP7)2007-2013″.
http://cordis.europa.eu/fetch?CALLER=FP7_PROJ_EN&ACTION=D&DOC=4&CAT=PROJ...

FP7 umfasst 45 Projekte darunter auch das Projekt INDECT
"Intelligent information system supporting observation, searching and detection for security of citizens in urban environment"
http://www.indect-project.eu/

Welche Informationen haben Sie über Indect und wie ist die Postition der SPE dazu?

Mit freundlichem Gruß

Ddie Bürgerrechte stehen im Mittelpunkt und sind daher im Weg

Bild von Anonymous

Sehr geehrte Frau Sippel,

dieses Interview liest sich wie die entsprechende Pressemitteilung des Bundesinnenministers. Einen Unterschied zu dessen Position oder gar Kritik kann ich hier leider nicht entdecken.
http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2009/12/stockhol...

Der europäische Datenschutzbeauftragte jedoch kritisiert eine Transformation zur Überwachungsgesellschaft. Mit dem Stockholm Programm sind erhebliche Investitionen in IT-Technik geplant.

Es sollen feinmaschige Kontrollsysteme nach US-Vorbild alle Reisebewegungen innerhalb und an den Grenzen der Union erfassen. Die Zusammenführung der existierenden Datenbanken Europol, Eurojust und jener der europäischen Grenzschutzagentur Frontex, die 2005 in Betrieb gegangen ist wird ebenso beschlossen.

Als weiterer Punkt werden die geplanten länderübergreifenden Online-Durchsuchungen kritisiert.
Außerdem plant die EU- selbst ein "Terrorist Finance Tracking Programme" nach US-Vorbild aufzubauen.
Die Überwachung des Finanzverkehrs wird im Stockholm-Programm behandelt. Unter dem Abschnitt "Terrorismus" (ab Seite 52) ruft der Europäische Rat die Kommission dazu auf, die Möglichkeiten, den Zahlungsverkehr der Terroristen rückzuverfolgen, zu prüfen" sowie "neue "Zahlungsformen" dabei zu berücksichtigen. Darunter fallen sämtliche Daten aus dem SWIFT-System sowie Daten von PayPal und Co.

Das ACTA-Handelsabkommen im Kampf gegen die Verletzung von Marken-, Patent- und Urheberrecht wurde von der EU mehrheitlich als unabdingbar erachtet."Raubkopierer" sollen laut dem Programm zu Schwerkriminellen werden. Zu finden ist diese Forderung unter dem Titel "Wirtschaftsverbrechen und Korruption".

mfg.

ACTA -Abkommen

Bild von Edelweiß

Sehr geehrte Frau Sippel,

das Urheberrechtsschutz-Abkommen ACTA (Anti-Counterfeiting Trade Agreement)wird derzeit zwischen dem US-Handelsministerium , der EU-Kommission und einer Reihe von Staaten unter Ausschluss der Öffentlichkeit und vorbei an den demokratisch gewählten Volksvertretungen ausgehandelt.

Die nächste Verhandlungsrunde wird im Januar 2010 in Mexico-Stadt stattfinden und dort wird ein Abschluss des Abkommens angestrebt.

Dort soll auch über Vorschläge seitens der US-Unterhaltungsindustrie diskutiert werden, die den Umgang mit dem Urheberrecht in der EU drastisch zum Nachteil der Konsumenten ändern könnten.

Wie ist die Haltung der SPD zu diesem Thema und welche Informationen haben Sie dazu?

Mit freundlichem Gruß

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