Herr Grass, in den 60er und 70er Jahren haben viele Künstler und Intellektuelle die SPD unterstützt. Heute halten sich die meisten weitgehend aus der Politik heraus. Ein Anlass zur Sorge?
Ja, ich sehe das mit Sorge. Es ist wichtig für unsere Demokratie, dass sich die Bürger politisch engagieren, im Wahlkampf, aber auch zwischen den Wahlterminen. Das gilt auch für Intellektuelle und Künstler. Besonders beunruhigt mich, dass in der jungen Schriftsteller-Generation dieses Engagement nachgelassen hat.
Das nehmen Sie aber nicht einfach hin.
Nein. Man darf es nicht hinnehmen, sondern muss aktiv werden. Deshalb habe ich einige jüngere Autoren eingeladen, die sonst politisch sehr zurückhaltend sind. Ich habe ihnen meine Wählerinitiative für die SPD vorgestellt und lange mit ihnen diskutiert. Das trägt Früchte. Mittlerweile sind es an die zehn Autoren, die sich im Wahlkampf engagieren, unter anderem Michael Kumpfmüller und Jens Sparschuh. Ich rechne damit, dass dieses Engagement über den Wahltermin hinaus weitergeht.
Obwohl viele Künstler sich als politisch interessiert bezeichnen, engagieren sich immer weniger in einer Partei. Woran liegt das?
Das ist so ein bisschen die Einstellung: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“. Man übt sich in vornehmer Zurückhaltung. Eine etwas elitäre Haltung. Das ist nicht gut für unsere Demokratie, weil oft eine Verachtung gegenüber den Parteien mitschwingt. Ich spreche dagegen und sage auch meinen jüngeren Kollegen meine Meinung.
Woher kommt diese Verachtung gegenüber den Parteien?
Da schwingt eine gewisse Feuilletonhörigkeit mit. Seit den 80er Jahren wird den jungen Autoren in den Feuilletons geraten: Lasst die Finger von der Politik, das verdirbt den Stil und ist ein schmutziges Geschäft. In den Feuilletons gibt es diese Haltung, sich zurückzulehnen und zuzuschauen. Mit den so genannten Niederungen der Politik will man nichts zu tun haben.
Was können Parteien tun, um sich für Künstler und Intellektuelle zu öffnen?
Künstler und Intellektuelle brauchen vor allem Ansprechpartner. Das waren damals Willy Brandt, aber auch Karl Schiller, Erhard Eppler und Horst Ehmke, literarisch interessierte Menschen, da war der Kontakt relativ leicht. Sogar Herbert Wehner war - nach anfänglichem Zögern - dabei. Er hat mir dann später sogar einen Band seiner Reden geschenkt mit der Widmung: „Mit knurrender Hochachtung, Herbert Wehner“. (lacht)
Es gibt die Einschätzung, nicht mehr die Politik treffe die wichtigen Entscheidungen, sondern die Wirtschaft. Wird mit Politikern nicht mehr gesprochen, weil sie nichts mehr zu sagen haben?
Das ist eine berechtigte Besorgnis. Bei der Gesundheitsreform kann man das auch genau beobachten. Nicht gewählte Mächte wie Pharmaindustrie, Ärzteverbände und Apothekerlobby verunstalten jedes Reformvorhaben. Das stellt die Unabhängigkeit der Parlamentarier in Frage. Mit der verhängnisvollen Folge, dass immer mehr Bürger nicht zur Wahl gehen, indem sie sagen, „Warum soll ich da ein Kreuzchen machen, wenn doch ohnehin nicht mein Abgeordneter entscheidet sondern die Industrie?“
Sollten die Deutschen wieder „mehr Demokratie wagen“?
Unbedingt. Ich bin von mir selbst überrascht: In den 50er, 60er, 70er Jahren war ich dagegen, dass der Staat sich zu viel einmischt. Heute sage ich: Wir brauchen mehr Staat. Die frei gewählten Parlamente und Regierungen müssen wieder mehr Entscheidungskompetenz haben.
Der Bundestagswahlkampf ist die Zeit, in der Bilanz gezogen wird. Wie sieht Ihre Bilanz von sieben Jahren rot-grüner Kulturpolitik aus?
Gerhard Schröder ist es gelungen, auch im kulturellen Bereich das Land zu öffnen. Er hat den Mut gehabt, das Amt des Kulturstaatsministers einzurichten und mit sehr profilierten Persönlichkeiten zu besetzen.
Als Brandt Kanzler und Deutschland geteilt war, habe ich den Herderschen Begriff der Kulturnation aufgegriffen und in diesem Sinn eine Nationalstiftung vorgeschlagen. Damals gab es keinen Kulturstaatsminister. Der Vorschlag wanderte an die Länder und wurde dort zerredet. Schröder hat das Projekt in Form der Bundeskulturstiftung realisiert. Man hat sogar auf meinen Rat gehört und Halle zum Sitz der Stiftung gemacht. Die Fusion mit den Kulturstiftungen der Länder scheiterte leider, weil Bayern und Baden-Württemberg statt Föderalismus lieber Separatismus betreiben.
Sie sagen, Künstlern und Intellektuellen sei seit Brandts Zeiten nicht mehr so viel Aufmerksamkeit von der Bundespolitik gezollt worden. Woran machen Sie das fest?
Gerhard Schröder hat immer wieder Künstler und Schriftsteller ins Kanzleramt eingeladen. Wir haben nie so heftige und lebendige Kulturdebatten gehabt, wie während der letzten sieben Jahre. So unterschiedlich Brandt und Schröder in manchen Dingen sind, die Bereitschaft zuzuhören, verbindet beide.
Welche Rolle spielt dabei die persönliche Beziehung des Kanzlers zur Kunst?
Ohne eine Beziehung zur Kunst kann man nur schwer eine Beziehung zu Künstlern aufbauen. Gerhard Schröder interessiert sich besonders für die Bildende Kunst. So hat er die Werke von ehemaligen DDR-Künstlern, wie Heisig und Tübke, ins Kanzleramt geholt. Er hat einen Dialog mit den Künstlern gesucht und gefunden. Das ist damals unter Kohl versäumt worden. Das ist eine Leistung von Schröder und ein wichtiger Schritt zur inneren Einheit unseres Landes.
Wie nötig dieser Schritt war, sehen wir an dem politischen Amokläufer Edmund Stoiber, der seinen Fremdenhass jetzt auch noch auf die Ostdeutschen ausdehnt.
Sie unterstützen die SPD in diesem Wahlkampf aber nicht nur wegen der Kulturpolitik...
... in der Tat. In der Außenpolitik zum Beispiel hat Gerhard Schröder von unserer noch relativ jungen Souveränität hervorragend Gebrauch gemacht hat. Nach dem Attentat in New York hat er volle Solidarität im Kampf gegen den Terrorismus versprochen, aber zugleich klar gemacht, dass wir uns nicht auf Abenteuer einlassen. Als sich dann der Irakkrieg abzeichnete, hat er rechtzeitig einen Angriff auf den Irak und eine Beteiligung Deutschlands abgelehnt. Das ist eine großartige Leistung.
In diesem Wahlkampf spielt die Außenpolitik keine so große Rolle wie 2002. Was ist Ihnen im Bereich der Innenpolitik wichtig?
Den Leuten wird immer eingeredet, die Volksparteien seien alle gleich. Das stimmt nicht. Nehmen wir nur das Beispiel Kündigungsschutz. Das ist ein erbitterter Kampf. Wenn es zu Schwarz-Gelb kommen sollte, wird der Kündigungsschutz radikal demontiert, auf Kosten der Arbeitnehmer.
Ein wichtiger Unterschied zu den Konservativen ist auch, dass die Regierung Schröder das Land geöffnet hat für neue Ideen, zum Beispiel für erneuerbare Energien. Dadurch wurden zehntausende neue Arbeitsplätze geschaffen.
Die Bundesregierung musste mitunter harte Kritik für ihre Reformpolitik einstecken. Wie ist Ihr Urteil?
Unter Kohl und Blüm wurden die Renten nur schön geredet. Die Bevölkerungsstruktur war doch damals schon bekannt. Ich bin mit meiner Familie eine Ausnahme mit acht Kindern und 16 Enkelkindern. Ich habe also alles getan, was man als Mann tun kann, um die Renten zu sichern. (lacht) Aber im Ernst: Die Probleme werden sich in dem Maße verschärfen, indem man nichts tut. Schröder hat den Mut gehabt, diese Probleme anzugehen, zum Beispiel mit der Riester-Rente.
Die SPD betrachtet die Bundestagswahl als eine Richtungsentscheidung über die Zukunft des Sozialstaates. Sehen Sie das auch so?
Absolut. Merkel, Kirchhof, Westerwelle sind unbelehrbare Neoliberale. Die wollen den Sozialstaat nicht erneuen, sondern abbauen. Und am liebsten die Gewerkschaften gleich mit erledigen. Wahrscheinlich werden sie auch noch die Streitkräfte privatisieren, wie die USA, deren Truppen weltweit zum Teil außerhalb jeder demokratischen Kontrolle agieren.
Eine Mehrheit der Deutschen will, dass Gerhard Schröder Bundeskanzler bleibt. Was schätzen Sie persönlich am Kanzler?
Ich kenne ihn sehr lange, noch aus seinen Juso-Zeiten. Er ist im Amt gewachsen. Die Art und Weise, wie er ruhig und standhaft bleibt, imponiert mir. Es ist richtig, dass der Kanzler Bush vor einem Angriff auf den Iran gewarnt hat und weiter auf Verhandlungen setzt. Das macht er großartig, zum richtigen Zeitpunkt und ohne auf die Pauke zu hauen.
Bei aller Unterstützung, man kann sich kaum vorstellen, dass ein kritischer Geist wie Günter Grass nicht auch Kritik am Kanzler hat.
(lacht und überlegt einen Moment) Ich sehe kritisch, dass er - das hat sich bei ihm aber aus den Erfahrungen heraus geändert – zunächst zu sehr den Versprechungen der Wirtschaftsverbände vertraut hat. Die haben immer die Hand aufgehalten, wenn es um Steuererleichterungen ging. Kaum hatten sie etwas, haben sie gesagt: noch ein bisschen mehr! Die zugesagten Arbeits- und Ausbildungsplätze waren meist nichts als leere Versprechungen.
Die Entscheidung der Wähler ist auch eine Entscheidung über das Personal, von dem sie regiert werden wollen. Wie schätzen Sie das ein?
Heute stehen über 10.000 deutsche Soldaten weltweit in Friedensmissionen. Wir haben mit Peter Struck einen vorzüglichen Verteidigungsminister. Wenn ich mir vorstelle, ein Herr Schönbohm soll dieses Amt übernehmen, dann graust es mich.
Und wer soll die Außenpolitik machen? Herr Westerwelle? Ich hoffe, dass ein Großteil der noch unschlüssigen Wähler begreift, dass es einfach unverantwortlich wäre, das Regierungsruder diesen Leichtmatrosen anzuvertrauen.
Viele Wähler haben Zweifel in die Fähigkeit Angela Merkels zur Kanzlerschaft. Was denken Sie über die Kandidatin?
Frau Merkel ist diesem Amt absolut nicht gewachsen. Als sie ihren Antrittsbesuch in Washington machte, hat sie den Bundeskanzler angeschwärzt. Es ist ihr gutes Recht anderer Meinung zu sein, aber so etwas muss im Inland ausgetragen werden. Man nutzt da nicht ein Schwätzchen mit dem Imperator in Amerika, um den eigenen Regierungschef herabzusetzen. Das ist eine Praxis der üblen Nachrede, die sie für das Bundeskanzleramt disqualifiziert.
Die SPD muss sich erstmals nach dem Krieg einer Partei erwehren, die ein ehemaliger Parteivorsitzender ausdrücklich als Gegenpartei gegründet hat. Was halten Sie von diesem Schritt Lafontaines?
Lafontaine ist für mich kein Thema. Der Mann ist – unabhängig von dem, was er jetzt macht – erledigt. Diese infantilen Züge und diese Selbstherrlichkeit, mit der er alle Ämter hingeschmissen hat, das ist erbärmlich. Dass jemand als SPD-Vorsitzender zurücktritt, um jetzt bei der PDS wieder aufzutauchen, ist ein schrecklicher Werdegang. Das ist ein so verantwortungsloses Handeln gegenüber der SPD und all den Menschen, die auf ihn gesetzt haben. Ich gehörte auch mal dazu.
Wie stehen Sie zur so genannten Linkspartei?
Ich finde es schlimm, wenn gestandene Sozialdemokraten - aus Ärger über die Hartz-Reform - sich mit der PDS verbünden, als habe es keine Zwangsvereinigung gegeben. Es gibt von der PDS bis heute keine Entschuldigung für die Misshandlung und Unterdrückung der Sozialdemokraten. Im übrigen schleppt die PDS nach wie vor die Illusionen des gescheiterten kommunistischen Staatskapitalismus mit sich. Ihre Vorschläge sind alle nicht zu finanzieren. Das macht sie schlicht unglaubwürdig.
Die Linkspartei wäre für Sie also keine Alternative?
Absolut nicht.
Herr Grass, vielen Dank für dieses Gespräch.
Das Interview führte Lars Haferkamp



