Brigitte Maas ist studierte Betriebswirtschaftlerin und seit 1995 im Bereich „Selfemployment“ tätig. Sie arbeitet für die Firma qp Consult sowie ehrenamtlich für den Verein Goldrausch. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Finanzierung von Kleinstvorhaben über Mikrokredite. 2008 wurde sie für ihr Engagement mit der „Goldenen Bild der Frau“ ausgezeichnet.
Der Verein Goldrausch wurde 1982 von engagierten Frauen in Berlin gegründet. Er unterstützt Existenzgründerinnen und Unternehmerinnen mit Mikrokrediten. Rund 450 Frauenprojekte haben davon bereits profitiert.
vorwärts.de: Sie sind keine Bank und vergeben trotzdem Mikrokredite an Kleinunternehmen. Warum?
Brigitte Maas: Wir haben viele Kunden, die nicht zu einer Bank gehen würden und deshalb zu uns kommen. Sie fangen meistens einzeln an und wollen häufig auch Einzelunternehmer bleiben. Einige wachsen aber auch und beschäftigen im Laufe der Zeit fünf bis zehn, in einzelnen Fällen sogar dreißig bis vierzig Mitarbeiter. Die Mikrokreditvergabe, die ich mache, wird durch den vom Bundesarbeits- und Sozialministerium initiierten Mikrokreditfonds Deutschland abgesichert. Dieser Fonds wurde mit Finanzmitteln aus dem Europäischen Sozialfonds und Bundesmitteln in Höhe von insgesamt 100 Millionen Euro ermöglicht. . Die lokalen Mikrofinanzorganisationen selbst sind mit 20 Prozent am Ausfallrisiko beteiligt. Unsere Firma iq Consult arbeitet sehr stark mit Berliner Jobcentern zusammen. Unsere Kunden wollen den Schritt machen von einer unternehmerischen Tätigkeit in die Selbstständigkeit. Dafür brauchen sie dann von uns einen kleinen Kredit. Insgesamt haben wir ein sehr gemischtes Publikum: junge Leute, Migranten und Migrantinnen – alle Gruppen, die wir hier in Kreuzberg finden. Aber auch Kleinunternehmen, die Wachstumskapital benötigen.
Fallen Ihnen konkrete Beispiele ein?
Ein Gründer lebte eine Zeit lang auf der Straße, war drogenabhängig und wusste nicht so recht weiter. Von seinem Schwager hat er dann Eisrezepte bekommen und in Friedrichshain die „Eisfabrik“ eröffnet, wo er selbstgemachtes Eis verkauft. Mittlerweile ist er dort im Kiez sehr verankert. Ein anderes Beispiel sind ein paar junge Leute, die ein Kuscheltier hergestellt haben, das mit ökologisch angebautem Weizen gefüllt ist. Man kann es in die Mikrowelle legen und es dann zum Wärmen mit ins Bett nehmen. Inzwischen stellen sie auch andere Produkte her und bekommen dafür so genannte Stufenkredite. Sie nehmen also immer erst dann wieder Geld auf, wenn sie den vorherigen Kredit abbezahlt haben.
Wie funktioniert die Kreditvergabe überhaupt bei Ihnen?
Die Menschen erfahren überwiegend per Mund-zu-Mund-Propaganda von uns. iq Consult hat selbst einige Gründungs- und Unternehmensberater, die die Existenzgründer und -gründerinnen begleiten. Die Kredite, die wir vergeben, sind in ihrem Umfang ganz unterschiedlich. Der Gründer der „Eisfabrik“ etwa hat zu Anfang 1600 Euro bekommen, um die ersten beiden Mieten für seinen Laden zu bezahlen. Andere bekommen eine umfassendere Finanzierung. Die Kreditlaufzeit beträgt bis zu drei Jahren. Generell versuchen wir, Stufenkredite zu vergeben, da es für die Leute meist einfacher ist, hundert Euro im Monat zurückzuzahlen als dreihundert. Der erste Kredit sollte also nicht höher sein als 5000 Euro. Damit steht die Grundfinanzierung und wenn dann z.B. ein größerer Auftrag kommt, der vorfinanziert werden muss, kann es weiteres Geld geben.
Wo liegt der Unterschied zu einem Bankkredit?
Banken haben eher ein Interesse, größere Kredite zu vergeben, weil das für sie wirtschaftlicher ist. Sie versuchen, Pläne zu machen, mit denen sie den Kapitalbedarf für zwei Jahre überschauen. Das ist aber für unsere Klientel eher schwierig, weil sie sich ausprobieren muss und ihr die Erfahrungen noch fehlen.
Ganz ohne Bank kommen Sie aber auch nicht aus.
Das stimmt. Als Mikrofinanzierer dürfen wir keine Kredite selbst vergeben. Deshalb arbeiten wir mit der GLS-Bank zusammen. Wir nehmen der Bank aber fast die gesamte Arbeit ab. Wir prüfen die Unterlagen wie die Schufa-Erklärung oder die Gewerbeanmeldung. Wenn wir die Idee unterstützen wollen, geben wir die Kundendaten an die Bank, die erstellt den Kreditvertrag, schickt ihn uns zurück und ich händige ihn dem Kunden aus. Und auch während der Kreditlaufzeit kontrolliere ich jeden Monat, ob die Tilgung erfolgt und wie sich das Unternehmen entwickelt. Der Kontakt ist meistens sehr gut und freundlich, was ich sehr wichtig finde.
In Deutschland steckt die Mikrofinanzierung im Vergleich zu anderen Ländern noch in den Kinderschuhen. Woran liegt das?
Dafür gibt es ganz unterschiedliche Gründe. Angefangen hat es in Großbritannien in den 80er Jahren. Da gab es Aufstände in den alten Industriearbeiterstädten, weil dort durch die Deindustrialisierung eine hohe Arbeitslosigkeit herrschte. Auf eine Initiative von Prinz Charles wurde eine Stiftung gegründet, von der junge Menschen Geld bekommen, um eine gute Idee zu verwirklichen. Premierminister Gordon Brown hat das in seiner Amtszeit dann wieder aufgegriffen, sogar eine „Task Force“ zur Mikrofinanzierung eingesetzt. In Deutschland ist ein großes Problem, dass Mikrofinanzierung nicht gemeinnützig ist. Wenn also jemand Geld in einen Mikrokreditfonds spendet, um etwa arbeitslose Menschen oder Jugendliche zu unterstützen, dann ist das nicht steuerlich absetzbar. In England oder auch den Niederlanden ist das anders.
Ist das Interesse an Mikrokrediten durch die Wirtschaftskrise eigentlich gestiegen?
Durch die Krise gibt es schon eine größere Nachfrage. Die Banken sagen zwar immer, dass sie auch kleinere Kredite vergeben, doch unsere Erfahrung ist eine andere. Viele unserer Kunden sind vorher schon bei einer Bank gewesen und wurden dort abgewiesen. Stark gepusht worden ist die Vergabe von Mikrokrediten in letzter Zeit auch von der EU. Darauf hat auch Deutschland hingewirkt.
Frau Maas, Sie sind auch Mitglied des Vereins „Goldrausch“, der Mikrokredite ausschließlich an Frauen vergibt. Warum brauchen Frauen eine besondere Förderung?
Zunächst muss man sagen, dass Goldrausch schon vor über 27 Jahren entstanden ist – übrigens zur selben Zeit wie die Grameen-Bank von Muhammad Yunus, der dafür ja 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Damals gab es einen großen Bedarf an neuen Dingen, die die Banken nicht für förderungswürdig hielten: Frauenbuchläden, Frauenreisebüros oder spezielle Sportangebote. Frauen ist besonders eine vertrauensvolle Zusammenarbeit wichtig. Frauen wollen auch sehr oft von Frauen beraten werden. Goldrausch ist deshalb auch ein Netzwerk von Frauen, das Kontakte herstellt und vermittelt.
Die Gründungsquote von Frauen ist nach wie vor niedrig, da sie meist sehr vorsichtig sind und eine längere Anlaufzeit für eine Selbstständigkeit brauchen. Meine Erfahrung ist auch, dass Frauen nicht gerne Kredite aufnehmen und sich verschulden. Sie gehen z.B. auch nicht gerne in Banken. Wir von Goldrausch versuchen, darauf zu reagieren und sie besonders anzusprechen. Vieles hat auch mit dem Selbstbild der Frauen zu tun. Selbstständige Unternehmerin zu sein, muss normaler Bestandteil einer weiblichen Erwerbsbiografie sein können.
Sind Frauen die besseren Unternehmer?
Frauen schauen auf jeden Fall sehr genau, was in ihrem Umfeld fehlt und machen manchmal eine Geschäftsidee daraus. Die ersten Naturkostläden in Berlin gehen z.B. auf Frauen zurück. Und aus diesen Ideen entstehen dann wieder Ausbildungs- und Arbeitsplätze und die lokale Ökonomie wird belebt.
Eine besondere Zielgruppe, die Goldrausch ansprechen möchte, sind Migrantinnen. Was sind hier die Besonderheiten?
Für Migrantinnen stellen die Anforderungen der klassischen Gründungsbürokratie und die Ausarbeitung eines umfangreichen schriftlichen Geschäftsplanes oft eine enorme Herausforderung dar. Alternativ akzeptieren wir ein Kurzkonzept mit der Kreditempfehlung von einer kooperierenden Beratungseinrichtung – z.B. speziell für Migrantinnen. Die Unternehmen sind ja überwiegend sehr klein, häufig sind es Ein-Frau-Unternehmen. Es geht dabei meistens auch um Emanzipation und Selbstverwirklichung. Banken unterstützen diesen Ansatz einer „social inclusion“ eher nicht. Die Migrantinnen, die wir unterstützt haben, sind übrigens häufig mit dem, was sie tun, sehr erfolgreich.
Interview: Kai Doering
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