Herr Lilienthal, wie war Ihre Schulzeit?
Ich bin an der Sonnenallee zur Grundschule gegangen. Das war furchtbar.
Die Grundschule schon?
Ja, da waren noch einige Lehrer aus der Nazi-Zeit.
Die waren besonders autoritär?
Die Klassenlehrerin hat immer Vorträge darüber gehalten, dass Lippenstift bei Frauen nicht nötig wäre, weil der Mensch auch so funkeln kann. So in diese Richtung.
Und wie lief es auf der weiterführenden Schule?
Ich wuchs an der Sonnenallee und dann in Gropiusstadt auf. Weil trotzdem etwas Besseres aus mir werden sollte, haben meine Eltern mich dann auf so ein Scheiß-Elitegymnasium geschickt. Da habe ich ganz schön gelitten.
Warum gelitten?
Der Leistungsdruck war hoch. Außerdem hatten meine Eltern relativ wenig Knete. Also konnte ich nicht mithalten mit den Minister- und Chefarztkindern und war der Außenseiter. Und Außenseiter sein ist für ein Kind ja immer das Schlimmste.
Bildungsmäßig war die Schule gut und hat mir auch geholfen in der Frage, mit welcher Arroganz man an Aufgaben herangeht. Trotzdem hat es mir auch einen Teil vom Leben vermiest.
Das war auch der Grund, warum ich X-Schulen machen wollte: Rache an der Schule.
Ihre Schulzeit ist ja schon eine Weile her.
Ich bin 50 Jahre alt, meine Schulzeit ist 32 Jahre her.
Und trotzdem ist sie noch so präsent?
Mir wird immer schlecht in Schulen. Das merke ich, wenn ich zum Beispiel die Schule meines Sohnes betrete. Da herrscht dieser merkwürdige Geruchsmix aus Putzmitteln, Verkommenheit und Jungenpisse.
In Krankenhäusern und Schulen wird mir schlecht. Sonst nie im Leben.
Bei X-Schulen geht es nicht nur um Schule. Wie sind Sie zu dem Projekt gekommen?
Eigentlich ist es eine Folgeerscheinung von X-Wohnungen. Da haben wir Installationen in privaten Räumen gemacht und je zwei Leute auf eine Tour geschickt. Es war der Versuch, sich einer Realitätserfahrung auszusetzen.
X-Wohnungen haben wir inzwischen schon drei Mal in Berlin gemacht. Damit ist das hier abgehakt. Gerade war es in Warschau und Johannesburg zu sehen, demnächst sind New York, Bogota und Kairo dran. Aber in Berlin stellte sich erneut die Frage: Wie untersucht man Gesellschaft weiter systematisch?
Und warum gerade Schule? Kamen Sie darauf, weil die Hector-Peterson-Schule gegenüber dem HAU liegt oder weil Bildung gerade ein großes Thema ist?
Wir machen hier immer Jugendarbeit. Als ich am HAU angefangen habe, habe ich jemanden extra für die Jugend- und Studentenarbeit eingestellt, der auch den Kontakt zu Schulen und Universitäten hält. Das gab es vorher am Hebbel-Theater so nicht.
Warum ist es wichtig für ein Theater, eine stete Verbindung zu Schulen und Unis zu haben?
Erstmal müssen junge Menschen immer neu für Theater gewonnen werden. Das hat den ganz prosaischen Grund, dass das Publikumsinteresse nicht abebben soll. Und es geht darum, sich systematisch mit den Erfahrungen der jungen Generation zu konfrontieren.
Gibt es Schnittmengen mit Ihren eigenen Erfahrungen?
Bei den Erfahrungen der Kids in der Hector-Peterson-Schule und meiner eigenen ist vielleicht die einzige Schnittmenge, dass uns allen Schule auf den Wecker geht.
Ansonsten ist die Realität der Kids mit meiner nicht vergleichbar. Also muss ich versuchen, diese jungen Menschen irgendwie kennen zu lernen, versuchen, zu kapieren, wie sie ticken und in irgendeine Form von Kommunikation mit ihnen zu gelangen.
Und wie ist das gelungen oder ist es überhaupt gelungen?
Na ja, X-Schulen oder auch X-Wohnungen hatten ja den Vorteil, dass man immer einen Künstler und einen Raum und eine Gruppe von Menschen zusammenbringt. Dann passiert auch etwas. Allerdings musste ich auch einige Regisseure und freie Gruppen an den ersten Tagen trösten.
Warum?
Im Raum Theater treffen sich Regisseur und Schauspieler und es ist klar, dass alle wollen. In der Schule trafen die Regisseure auf Kids, die erstmal überzeugt werden mussten, auch zu wollen.
Wie haben Sie das geschafft?
Theater hat den Vorteil, dass es ein Ziel gibt und ein Projekt, es ist nicht dieses Trockenrudern wie in der Schule. Wir haben montags angefangen zu proben und am Donnerstag kamen die Menschen kieken.
Das war ein kurzer Vorlauf.
Einige haben wohl schon in der Vorwoche etwas gemacht aber insgesamt hatten wir nur ein paar Tage. Die Kids wurden auch extra dafür von der Schule befreit.
Mit wie vielen Schülerinnen und Schülern haben Sie zusammen gearbeitet?
Mit etwa 120.
Wie wurden diese Schüler ausgewählt?
Im Prinzip wurden die Klassen wohl verdonnert. Allerdings gab es innerhalb des Verdonnerns auch Momente der Freiwilligkeit.
OK.
Am Anfang hat die Lehrerin uns gesagt: Beschwert Euch nicht darüber, wenn jemand nicht gekommen ist, sondern lobt sie, wenn sie da sind.
Wie fanden Sie das?
Da mussten viele von uns ein bisschen schlucken.
Sie sagten, die Schnittmenge an Gemeinsamkeiten war zu Beginn gering. Hat sich das denn durch die Zusammenarbeit verändert?
Man lernt sich kennen, auch die gegenseitige Arbeitsmotivation. Zum Beispiel fanden die Kids die Künstler Vaginal Davis und Jeremy Wade großartig. Jeder, der irgendwie mit L.A.-HipHop zu tun hat war ungefragt großartig. Da erkennt man deren eigene Gangsterrapper-Träume, eine Sehnsucht, die erfassbar ist.
Das Arbeiten war nicht immer ganz leicht für alle?
Das Arbeiten ist nie leicht im Theater. Es war auch bei X-Schulen nicht leicht, nur lagen die Schwierigkeiten eben woanders als sonst. Meine Meinung ist: Die Kids sind prima und klasse und wir müssen unseren faulen Arsch bewegen, um unsere Methoden anzupassen.
Haben Sie denn das Gefühl, dass sie mehr verstanden haben über deren Lebenswirklichkeit und vielleicht auch deren Probleme?
Ich habe verstanden, dass viele der grausamen Vorurteile über den bankrotten Zustand des Schulsystems leider stimmen.
Zum Beispiel?
Obwohl die Hector-Peterson-Schule einen super Direktor und ein super Kollegium hat, haben viele von diesen Kids wenige Chancen, in so etwas wie einen Arbeitsprozess reinzukommen. Das wissen die und das ist eine Härte, die fett ist.
Haben Sie denn einen Eindruck gewinnen können, wo die Ursachen liegen?
Die Lehrer sagen, dass die Schüler in ihrer Umgebung auch oft keine Vorbilder haben, jemanden, der zeigt, wie man es hinkriegt im Leben. Da sind diese zwei Wochen schon eine positive Ausnahme. Es gibt ein Ergebnis, die sehen: ,Ah, ich stehe in der Zeitung und es kommen sogar Leute um mich anzuschauen.
Was haben Sie noch beobachtet?
Viele dieser Schulen sind in einem sehr schlechten Zustand. Das ist ein Bereich, in den diese dekadent reiche, bornierte Gesellschaft einfach Knete reinstecken muss.
Die Schüler von heute sind die Gesellschaft von morgen und wenn Frau Merkel nicht will, dass die Gesellschaft von morgen so aussieht wie eine Kreuzberger Hauptschule, dann muss sie da für mehr Chancengleichheit sorgen.
Wie könnte das bewerkstelligt werden?
Ich bin kein Schulsenator. Aber doppelt so viele Lehrer und Sozialarbeiter, die halbierte Klassengröße, das würde wohl schon helfen. Eine ganz andere Betreuungsdichte, Vorbilder. Das fände ich sinnvoll, es würde aber Knete kosten.
Was wollen Sie mit X-Schulen bei den Zuschauern erreichen?
Ich bin ein Hyperrealismusfuzzi. Mich interessiert hingucken und zur Kenntnis nehmen wie Schule aussieht, wie Lehrer und Kids sind und miteinander umgehen.
Und wenn ich eben so etwas wie eine wütende Hasstirade auf die Schulpolitik dieses Landes abgelassen habe, dann hoffe ich, dass es anderen Zuschauern vielleicht so ähnlich geht.
Was haben Sie erreicht?
Es gibt schon ein Sehnsuchts- und Utopiemoment, weil die Regisseure mit den Kids ja etwas hinbekommen haben. Es gibt dieses greifbare Ergebnis. Darin steckt zwar auch eine Verlogenheit, weil wir ja wieder weg sind. Aber viele der Hector-Peterson-Schüler kommen jetzt in die Jugendtheatergruppen vom HAU rüber. Es gibt also ein Kontinuitätsangebot.
Auf X-Wohnungen folgte X-Schulen. Was kommt jetzt? X-Job oder X-Arbeit vielleicht?
So ähnlich. X-Unternehmen ist eine Idee. Im Moment überlege ich aber auch, ob wir X-Schulen fortführen. Vielleicht ein Tableau mehrer Schulen.
Der Aspekt Migration spielte bei beiden Projekten eine große Rolle. Einfach, weil Sie das so in Kreuzberg, wo auch das Hebbel steht, vorfinden?
Wie haben auch X-Wohnungen mit Absicht nie in Zehlendorf gemacht. Hätten wir ja machen können.
Aber? Finden Sie Kreuzberg spannender?
Das ist einfach meine Suppe hier.
Interview: Yvonne Holl
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