vorwärts.de: Mit der Kampagne „Berlin braucht Dich“ umwirbt der Senat zurzeit junge Migranten für eine Laufbahn im Öffentlichen Dienst. Warum?
Klaus Wowereit: Weil wir Vorbild sein wollen, auch da. Bislang ist es doch immer noch so, dass junge Leute mit Migrationshintergrund beim Wettlauf um die Lehrstellen in der Wirtschaft oft Nachteile haben – und es sage mir niemand, dass da nicht auch Vorurteile eine Rolle spielen. Wie unklug. Wir brauchen sie alle, und es ist längst an der Zeit, dass wir auch im klassischen Staatsdienst mehr Menschen haben, die aus Einwandererfamilien kommen.
Und wie wird die Aktion angenommen?
Wir haben es schon jetzt geschafft, dass in Berlin in den öffentlichen Ausbildungsberufen der Anteil der Menschen mit so genanntem Migrationshintergrund deutlich steigt. Aber wir sind damit noch lange nicht zufrieden, es können noch mehr werden. Auch hier gilt: Es geht um Teilhabe für alle, die bisher ausgeschlossen sind, egal ob sie aus Zuwandererfamilien kommen oder nicht. Berlin braucht alle Talente, die bisher noch nicht genügend gefördert werden.
Sie betonen immer wieder, Integration sei vor allem eine soziale Frage. Wie meinen Sie das?
Integration ist für uns eine zentrale Zukunftsfrage für unsere Gesellschaft. Integration entscheidet darüber, ob der soziale Zusammenhalt gelingt. Sozialer Zusammenhalt bedarf umfassender gesellschaftlicher Teilhabe eines jeden Einzelnen – und zwar politisch, kulturell und ökonomisch. Wir verstehen Integration deshalb auch als eine politische Querschnittsaufgabe, die in allen Politikfeldern mitgedacht werden muss.
In diesem Ansatz liegt die Chance, von Vorurteilen wegzukommen. Denn wenn Integration als eine Frage der gesellschaftlichen Teilhabe verstanden wird, hilft es uns nicht weiter, das Thema als reines Migrationsthema zu diskutieren. Die alleinerziehende Mutter mit drei Kindern in Berlin-Marzahn hat oft ähnliche Probleme wie eine türkischstämmige Familie in Berlin-Kreuzberg. Deshalb werden wir Integration weiter fassen und weiter denken. Wir wollen wegkommen von den üblichen Reflexen und Schuldzuweisungen. Es geht uns darum zu betonen, dass Integration tausendfach gelingt, tagtäglich. Und deshalb wollen wir uns an einer rein problemfixierten und defizitgetriebenen Debatte zum Thema Integration, die oftmals nur zu neuerlichen Stigmatisierungen führt, nicht beteiligen.
Integration ist keine Frage von ethnischer Herkunft oder Glauben. Es handelt sich um eine zutiefst soziale Frage, die ganz eng mit Aufstieg und Aufstiegswillen und damit mit Bildung und Qualifizierung zusammenhängt. Unser Ziel ist es, eine Gesellschaft zu gestalten, in der wir als Menschen ohne Angst verschieden sein können. So steht es auch in unserem Hamburger Grundsatzprogramm. Der neue Ansatz wird mithelfen, einen Mentalitätswechsel in diesem Sinne herbeizuführen.
Warum gelingt es dann aber offenbar immer weniger, den Menschen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen?
Unsere Gesellschaft ist heterogener und individueller geworden. Rasante Entwicklungen führen zu Verunsicherungen. Viele haben das Gefühl, nicht mehr Schritt halten zu können. Sie fühlen sich überfordert, ausgegrenzt und resignieren. Nicht selten passiert es, dass dieses Grundgefühl an die eigenen Kinder weitergegeben wird. Fehlender Zusammenhalt, materielle Gründe, mangelnde Chancen und Perspektiven, Hürden und Selektion im Bildungssystem – das alles sind Rahmenbedingungen, die gesellschaftliche Desintegration fördern.
Um diese Rahmenbedingungen ändern zu können, bedarf es einer politischen Prioritätensetzung. Der Staat kann nicht alles leisten, aber er kann sich entscheiden. Uns geht es darum, kein Kind zurückzulassen. Deshalb setzen wir ganz konsequent auf frühe und gute Kinderbetreuung, auf frühkindliche Bildung und Ganztagsschulen, auf den gebührenfreien Zugang zu unserem Bildungssystem. Nur so können wir herkunftsbedingte Benachteiligung ausgleichen, Chancengerechtigkeit herstellen, Perspektiven aufzeigen und die Chance zur gesellschaftlichen Teilhabe sicherstellen.
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